Menschen in Ausnahmesituationen

Corona-Krise: Eine Klinik ist im Moment ein sehr sicherer Ort

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Prof. Dr. Luise Poustka, Direktorin Jugendpsychiatrie

Krisen treffen Menschen unterschiedlich. Die Corona-Pandemie ist ein tiefer Einschnitt in die Gesellschaft, doch manche Menschen beeinflusst die derzeitige Ausnahmesituation stärker als andere.

Krisen machen uns nicht gleich. Es ist ein Unterschied sich in einer weitläufigen Wohnung zu isolieren oder auf engstem Raum. Oder eine psychische Erkrankung zu haben oder eben nicht.

Wir haben uns mit Prof. Dr. Luise Poustka, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie, Prof. Dr. Jens Wiltfang, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der UMG und der leitenden Psychologin Dr. Claudia Bartels über die aktuelle Lage in den Kliniken der UMG in Göttingen unterhalten.

Die Situation ist bereits für gesunde Menschen herausfordernd. Merken Sie Auswirkungen auf Ihre Patienten?

Claudia Bartels: Für alle ist das eine neue Situation, wir müssen uns anpassen, erleben Kontrollverlust, Einschränkungen im Aktionsradius. Es gibt viele kreative Ideen, wie man digitale Medien nutzen kann, um Kontakt zu halten. Unsere Patienten sind aber häufig eingeschränkt in der Ideenfindung, weil sie mit krankheitsbezogenen Themen beschäftigt sind. Das bedeutet, dass sie langfristig in alte Muster zurückfallen oder sich die Erkrankung verstärken kann. Wir haben viele Patienten, die von Depressionen oder Angst betroffen sind. Diese Erkrankungen sind geprägt von Vermeidung und Rückzug. Sie erleben eine kurzfristige Entlastung: Es werden weniger Anforderungen gestellt, sie können ihrem Rückzugsverhalten nachgehen, bekommen eine Legitimation, weil sie nicht rausgehen dürfen und sozialen Abstand halten sollen. Die langfristigen Konsequenzen müssen wir im Auge behalten und die Chancen nutzen, Versorgungsangebote auszubauen, um den Kontakt zu den Patienten zu behalten. Wir sind oft noch die Einzigen, zu denen sie Kontakt haben. Jens Wiltfang: Es ist wichtig zwischen den Akuteffekten, die positiv sein können, und den mittelfristigen Effekten, bei denen die Nachteile deutlich werden, zu unterscheiden. Hält die Situation länger an, verstärkt das aber die Symptomatik, weil soziale Interaktion antidepressiv wirkt.

Prof. Dr. Jens Wiltfang, Klinik-Direktor Psychiatrie

Ein anderer Bereich sind die Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen. Wenn jemand Stress mit Suchtverhalten verarbeitet, erwarte ich, dass es mittelfristig zu starken Rückfällen kommt, ganz besonders bei den nicht-stoffgebundenen Süchten wie Internetabhängigkeit. Ein großes Problem sind Familien, die sowieso schon überfordert sind. Da könnte es zu Gewalt und Stress kommen, wo die Kinder, aber auch die Frauen, die Leidtragenden sind.

Man erwartet eine Zunahme häuslicher Gewalt geben. Ihre Meinung dazu?

Luise Poustka: Wir wissen aus den wenigen Studien von den psychischen Belastungen, die sich ergeben, wenn man auf gedrängten Raum erzwungenermaßen lange zusammen sein muss. Das kann positive Effekte haben, aber bei sehr belasteten Familien wird das vielleicht irgendwann nicht mehr so sein. Man kann zu einem gewalttätigen Partner oder Vater in so einer Situation schlechter auf Distanz gehen. Viele Frauenhäuser sind ohne Coronakrise überlastet. Auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie betreuen wir Familien mit multiplen psychosozialen Belastungen, die auf engstem Raum zusammenleben. Die versuchen wir mit Telefon- und Videosprechstunden hochfrequent zu unterstützen, um Ihnen zu zeigen, dass wir weiter für Sie da sind, und um Notaufnahmen wegen gewalttätigen Auseinandersetzungen gering zu halten.

Rechnen Sie mit einem Anstieg psychischer Erkrankungen?

Jens Wiltfang: Wenn das nun leider länger dauern sollte, erwarte ich einen temporären Anstieg von psychischen Erkrankungen oder psychischen Krisen. Weniger, dass neue Erkrankungen kommen, sondern dass vorbestehende Erkrankungen wieder auftreten.

Claudia Bartels: Wir müssen die Berufsgruppen, die gerade besonders gefordert sind, im Auge behalten. Momentan sind viele in einem Funktionsmodus, man arbeitet, funktioniert, wird gebraucht und gefordert.

Dr. Claudia Bartels, Leitende Psychologin

Je nachdem wie sich die Situation entwickelt, kann es zu Überlastungsreaktionen kommen, wie Schlafstörungen, Ängsten, Depressionen, Anpassungsstörungen, vielleicht auch posttraumatischen Belastungsstörungen.

Wie lange kann eine solche Ausnahme-Situation in einer psychiatrischen Klinik aufrechtgehalten werden?

Jens Wiltfang: Ich bin positiv überrascht, wieviel Verständnis, aber auch Gleichmut die Patienten zeigen. Die Akzeptanz ist noch hoch. Für wenige Wochen kann man das durchhalten. Danach würden die negativen Effekte sehr hoch werden. Damit meine ich weniger innerhalb der Klinik, weil die Patienten sich hier gut geschützt fühlen. Es gibt nur einen Eingang, der Zugang wird kontrolliert, um Risikopatienten zu schützen. So überraschend das auch klingt, eine Klinik ist im Moment ein sehr sicherer Ort. Einige wollen gar nicht entlassen werden. Das große Problem sind die Patienten alleine zuhause – so ältere Menschen mit Depressionen, ohne gute psychosoziale Netze.

Wird aus Ihren Abteilungen Personal abgezogen, um auszuhelfen?

Jens Wiltfang: Wir haben unsere Abteilungen auch deshalb auf ein Minimum runtergefahren, weil Ärzte und Pflegepersonal abgezogen und für den intensivmedizinischen Bereich, insbesondere die Beatmung, trainiert werden. Ich denke aber, wir sind in der Universitätsmedizin Göttingen wirklich gut vorbereitet. Wenn die Entwicklung nicht weiter exponentiell verläuft, sondern sich deutlich abflacht, hätten wir Ressourcen. Dann sollte in Europa solidarisch gehandelt werden.

Situation in den psychiatrischen Kliniken der Göttinger Uni-Medizin

In der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie sind ambulanten Termine auf Notfallkontakte umgestellt. Es gibt eine Telefonsprechstunde und videobasierte Sprechstunden. Mehr als die Hälfte der Patienten wurde entlassen, Einheiten zusammengelegt und die Tagesklinik geschlossen. In der Gerontopsychiatrie befinden sich Hochrisiko Patienten, die besonders geschützt werden müssen.

Auch die Kinder- und Jugendpsychiatrie und das Therapiezentrum für autistische Kinder und Erwachsene haben auf Telefon- und Videosprechstunden und Therapiestunden umgestellt und die Tageskliniken geschlossen. Das wird laut der Leitenden Psychologin Dr. Claudia Bartels intensiv betrieben, da Familien mit Schwierigkeiten zuhause oder Kinder, die in Einrichtungen leben, mehr Betreuung brauchen, damit sie stabil bleiben. Momentan werden nur diejenigen Kinder stationär aufgenommen, die besonders belastet und gefährdet sind.

Hilfsangebote der UMG-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie

Akute Krisensituation: Kontakt zu diensthabendem Arzt (24h am Tag) unter Tel. 0551/3966610. In Notfällen Vorstellung in der Klinik fu?r Psychiatrie und Psychotherapie, Von-Siebold-Str. 5, 37075 Göttingen.

Rezept-Hotline: Für Patientinnen und Patienten der Psychiatrischen Institutsambulanz (PIA) unter Tel. 0551/3922063. Keine persönliche Abholung, Rezept per Post erhältlich.

PIA-Telefon/zentrale ambulante Terminvergabe: Für Patientinnen und Patienten, wenn sich Beschwerden verschlechtern oder neue hinzukommen. Mitarbeiterinnen besprechen mit Ihnen, wie Sie Kontakt zu Ihrem behandelnden Arzt, Ihrer behandelnden Psychologin oder Psychotherapeutin erhalten können (Termin per Telefon oder Videosprechstunde), Kontakt (Mo. bis Fr. 9 bis12 Uhr) unter Tel. 0551/39-4777. 

Psychiatrisches Krisentelefon: Auch wer bisher keinen Kontakt zur Klinik hatte, in der aktuellen Situation aber besondere Fragen, Sorgen oder Ängste und ggf. eine psychiatrische Vorerkrankung hat, kann das psychiatrische Krisentelefon anrufen. Das telefonische Angebot kann nicht allgemeinärztliche oder anderweitig fachärztliche Versorgung ersetzen. Kontakt (Mo. bis Mi. 9 bis 15 Uhr, Do. bis Fr. 9 bis 13 Uhr) unter Tel. Dienst-Handy 0151/27097814.

Familien-Beratungsstellen arbeiten weiter

Die Erziehungsberatungsstellen in Stadt und Landkreis Göttingen sind auch - und gerade - in den schwierigen Zeiten der Corona-Krise erreichbar. Die Stellen weisen auf ihre Online- und Telefonberatungen hin. Ein Überblick:

Beratungs- und Therapiezentrum für Kinder, Jugendliche und Familien der Stadt Göttingen (Erziehungsberatungsstelle), Tel: 0551 400-4927; Mail: ErzBS@goettingen.de

Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der AWO Hann. Münden, Staufenberg, Bühren, Scheden, Tel: 05541 73131; Mail: eb-hmue@awo-goettingen.de

Adelebsen, Friedland, Rosdorf, Jühnde, Niemetal, Dransfeld, Tel: 0551 50091-0; Mail: eb-goe@awo-goettingen.de

Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der Caritas Duderstadt, Gieboldehausen, Bovenden, Gleichen, Radolfshausen, Tel: 05527 9813-60; Mail: beratungsstelle@caritas-suedniedersachsen.de 

Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche Osterode, Bad Lauterberg, Bad Sachsa, Herzberg, Osterode, Bad Grund, Walkenried, Hattorf, Tel: 05522 960-4470; Mail: ErziehungsberatungsstelleOHA@landkreisgoettingen.de

Außerdem kann das Angebot der bke-Onlineberatung (Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e.V.), das die bke-Jugendberatung und die bke-Elternberatung umfasst, genutzt werden. Weitere Infos gibt es hier.

Hilfe bei Depressionen und Ängsten

Die Coronakrise bereitet vielen Menschen Sorgen - insbesondere Menschen mit psychischen Erkrankungen oder neu aufgetretenen psychischen Problemen könnten in dieser Zeit leiden. Die Institutsambulanzen der Asklepios Fachkliniken Göttigen und Tiefenbrunn bieten Menschen mit Depressionen, Ängsten und anderen psychischen Problemen Hilfe über eine Telefon-Hotline an.

Menschen mit neu aufgetretenen psychischen Problemen können montags bis freitags von 9 bis 12 Uhr folgende Nummer wählen: 0160-464 18 13. Patienten, die sich bereits in ambulanter Behandlung in einer der Psychiatrischen Institutsambulanzen befinden, finden Hilfe unter der Telefonnummer: 0551-402 16 50 und unter 0551-500 53 07. Dort erhalten Patienten Kontakt zu ihrem behandelnden Psychotheraupeuten oder Arzt.

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