Hunderte Wissenschaftler stützen Priesemann-Vorschläge

Corona-Krise: Gemeinsam gegen Pandemie-Ping-Pong

Weitgehend leere Einkaufstraßen, geschlossene Geschäfte: Folgen des harten Lockdowns – wie hier in Hannover zu sehen – sind für viele Wissenschaftler unverzichtbar um das Ziel Rückgang der Infektionszahlen zu erreichen.
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Weitgehend leere Einkaufstraßen, geschlossene Geschäfte: Folgen des harten Lockdowns – wie hier in Hannover zu sehen – sind für viele Wissenschaftler unverzichtbar um das Ziel Rückgang der Infektionszahlen zu erreichen.

Wissenschaftler und fordern in einem Positionspapier eine gemeinsame Aktion mit synchronisierten Maßnahmen der Regierungen in Europa im Vorgehen gegen das SARS-CoV-2-Virus und die Pandemie.

Göttingen/Berlin – Die Infektionszahlen stagnieren auf hohem Niveau. Wie also herunterbringen? Das geht nur gemeinsam in Europa, sagen 20 Wissenschaftler und fordern in einem Positionspapier eine gemeinsame Aktion mit synchronisierten Maßnahmen der Regierungen in Europa. im Vorgehen gegen das SARS-CoV-2-Virus und die grassierende Pandemie. Sie nennen klare Zahlen als Zielvorgabe.

Das Papier wurde von hunderten Wissenschaftlern wie Virologen, Epidemiologen und Ökonomen unterzeichnet. Autorin und Initiatorin ist die Pandemieforscherin Dr. Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation (MPIDS) in Göttingen. Ihr war früh klar: „Das Virus stoppt nicht an Grenzen, die Pandemie ist ein gesamteuropäisches Problem.“

Als Ziel für ganz Europa formulieren die 20 Experten um Priesemann ein Maximum an Neuinfektionen: zehn pro einer Million Einwohner pro Tag. Für Deutschland würde das umgerechnet bedeuten: sieben Fälle pro 100 000 Einwohner pro Woche. Eine Zahl, die momentan fast utopisch erscheint. Aktuell liegt die Inzidenz laut WHO-Daten in Deutschland bei rund 180, die Schweiz bei 340 – jeweils mit steigender Tendenz. Österreich weist knapp 220 auf – nach zwischenzeitlichen Höchstständen knapp unter 600.

Mit Volldampf gegen die Pandemie: Dr. Viola Priesemann vom Göttinger Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation.

Priesemann vergleicht das Bemühen einzelner Staaten mit einem Tischtennismatch: „Selbst wenn ein Land weitreichende Maßnahmen zur Eindämmung ergreift, das Nachbarland aber nicht, droht ein Pingpong-Spiel erneuter Einschleppungen.“ Den Block im Kontinental-Match gegen das Virus bilden niedrige Fallzahlen in allen europäischen Ländern. Die Folgen wären: Entspannung der wirtschaftlichen Lage und weniger psychologischer Druck in der Gesellschaft. Zudem wäre eine effektive Kontaktverfolgung wieder möglich. Die ist oft eingeschränkt, weil wie in Deutschland die Gesundheitsämter oft nicht nachkommen. In Städten wie Göttingen wurden – trotz massiv aufgestockten Personals, die Kriterien, wann wer nachverfolgt werden muss, gelockert.

Hohe Fallzahlen haben keine Vorteile“, macht Priesemann klar und warnt: Die Vorstellung, dass es mehr Freiheiten mit sich bringe, wenn man hohe Fallzahlen in Kauf nehme, sei ein Missverständnis. Nur niedrige Fallzahlen würden letztlich mehr Freiheiten bedeuten.

Corona-Krise: Gemeinsam an einem Strang ziehen

Auch wenn das formulierte 10-Fälle-Ziel derzeit illusorisch erscheint, machen die Wissenschaftler Mut: Es sei in vielen Ländern erreicht worden und könne in ganz Europa spätestens im Frühjahr wieder erreicht werden. Aber eben nur, wenn kräftig und vor allem an einem Strang gezogen wird. Weiche Instrumente, wie der in Deutschland praktizierte Lockdown light habe nicht funktioniert. Priesemann sagte kürzlich bei „Lanz“ im ZDF: „Er war aber einen Versuch wert.“

Folglich müssen laut der Wissenschaftler harte Maßnahmen als Spielverderber her. Sie nennen: mehr Home- Office, geschlossene Schulen und Kitas, weniger öffentlichen Nahverkehr, Schließung von Restaurants und Einzelhandel. „Wir müssen jeden Kontakt so weit wie möglich einschränken, um dem Virus den Weg abzuschneiden“, sagt Priesemann.

Sollte das Zahlen-Ziel erreicht werden, dann könnten die Einschränkungen „unter sorgfältiger Überwachung gelockert werden“. Folglich müsste kräftig weiter getestet werden, um ein niedriges Level auch langfristig halten zu können. Als Vorgabe nennt das Papier minimal 300 Tests pro Tag pro einer Million Einwohner.

Auf lokale Ausbrüche müsse man – wie auch in Göttingens Wohnblöcken geschehen – schnell und rigoros reagieren: Quarantäne, Reisebeschränkungen, gezielte Massentests und möglicherweise regionalen Absperrungen, seien dabei das Maß aller Dinge. (Thomas Kopietz)

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