Eritreische Gemeinde muss ihre Feiern verkürzen

Corona: Mehrstündige Gottesdienste sind tabu

Seit 2015 feiern eritreische Christen ihre Gottesdienste in der katholische Kirche Maria Frieden: (von links) Yorda Dawit, Mailemelekat Kemer und Jürgen Bömeke.
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Seit 2015 feiern eritreische Christen ihre Gottesdienste in der katholische Kirche Maria Frieden: (von links) Yorda Dawit, Mailemelekat Kemer und Jürgen Bömeke.

Stundenlange Gottesdienste, die sich vom Abend bis in die frühen Morgenstunden ziehen, kann Göttingens eritreische Gemeinde seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie nicht mehr feiern.

Göttingen – Nun müssen die orthodoxen Christen, die seit 2015 die katholische Kirche Maria Frieden nutzen, nach einer Stunde fertig sein. „Ein ortodoxer Gottesdienst lässt sich nicht abkürzen“, protestierte zu Beginn der eritreische Priester Mailemelekat Kemer bei Jürgen Bömeke vom Leitungsteam der katholischen Gemeinde. „Ich schaffe das auch“, teilte daraufhin der ägyptische Bischof Anba Damian vom Kloster Brenkhausen bei Höxter Kemer mit. Die Mehrheit der ägyptischen und eritreischen Christen gehören der koptischen Kirche an. Damian hatte seinerzeit den Kontakt zwischen den Göttinger Katholiken und den Eritreern vermittelt, bei denen es sich größtenteils um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge handelt.

„Wir haben einen Kompromiss gefunden“, berichtet Bömeke. Priester Kemer beginnt den wöchentlichen Gottesdienst mit zwei Diakonen jeden Samstag um 8 Uhr. Eine Stunde später dürfen dann weitere 30 Christen ins Gotteshaus. Um 10 Uhr müssen sie fertig sein. So kommen nach und nach alle 200 Gemeindemitglieder, die zum Teil in Hann. Münden und Northeim leben, einmal dran.

„In der Kirche finden wir Ruhe und können uns mit unseren Sorgen an Gott wenden“, erklärt Christin Yorda Dawit. Aufgrund schwieriger politischer Verhältnisse in Eritrea seien sie als Teenager geflohen. Auf dem Weg durch Äthiopien, Sudan und Libyen und dann auf Booten über das Mittelmeer hätten viele von ihnen „schlimme Dinge“ erlebt. Nur die wenigsten würden in Deutschland therapeutisch betreut. Die meisten blieben mit ihren Ängsten allein.

„Wir Eritreer sind ohnehin zurückhaltende Menschen“, sagt Dawit. Weil sie kaum Kontakt zu Deutschen suchten, sprechen viele ihrer Landsleute die neue Sprache unzureichend. Das trifft auch für den Geistlichen zu, der 2015 nach Deutschland kam und seit 2019 in Göttingen lebt. „Ein Priester muss mit gutem Beispiel voran gehen“, fordert dagegen Bömeke. Er sorgte dafür, dass Kemer Privatunterricht erhält.

„Die schlechten Deutschkenntnisse erschweren die Suche nach einen Ausbildungsplatz“, berichtet Dawit. Sie selbst kam 2015 in eine deutsche Gastfamilie. Elf Monaten nach ihrer Ankunft schaffte sie den Hauptschulabschluss. Sie besuchte noch die zehnte Klasse und lernte dann von 2017 bis 2019 Pflegehelferin. Seit ihrem Examen arbeitet sie in einem Krankenhaus. Später will sie sich zur Krankenschwester weiterqualifizieren.

„Weil ich gut integriert bin, erhielt ich nach drei Jahren eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung“, sagt Dawit. Viele andere junge Eritreer hätten das nicht geschafft. Sie müssten sich die Genehmigung jedes Jahr verlängern lassen. Weil viele Sozialleistungen bezögen, könnten sie auch keinen Priester finanzieren. So verdient Kemer sich seinen Lebensunterhalt im Garten- und Landschaftsbau. Seine Frau und ihr gemeinsamer Sohn leben in einem Flüchtlingscamp in Äthiopien. Kemer schaffte es bisher nicht, sie nach Deutschland nachzuholen.

Von Michael Caspar

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