Coronavirus in Niedersachsen

Corona-Folgen für das Handwerk: Krise durch Pandemie - Einbußen bis 100 Prozent

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Vertreten 500 Innungsbetriebe: Andreas Gliem (rechts), Geschäftsführer der Kreishandwerkschaft Südniedersachsen, und Kreishandwerksmeister Christian Frölich, Unternehmer aus Rosdorf.

Die Folgen der Corona-Krise lassen auch in Niedersachsen die Handwerker nicht unberührt. Die häufigste Frage der Unternehmer: Wo bekomme ich Geld her?

Die Corona-Krise bringt das Handwerk in der Region Göttingen in große Schwierigkeiten. Wir sprachen dazu mit Andreas Gliem, dem Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Südniedersachsen mit 500 Innungsbetrieben und etwa 4000 Beschäftigten.

Wie trifft die Corona-Krise das Handwerk in Südniedersachsen?

Mit voller Wucht und unvorbereitet. Noch vor zwei Wochen haben wir darüber gesprochen, ob der Handwerkerball stattfinden darf, wovon die Stadt zum damaligen Zeitpunkt noch ausging. Inzwischen hat sich die Lage dramatisch zugespitzt.

Welche Bereiche sind besonders von der Krise betroffen?

Es trifft durch die Bank alle Bereiche im Handwerk – vom Bäcker, über die Fotografen bis hin zu den Bauhandwerkern und den Kfz-Betrieben, die beispielsweise ihre Schauräume geschlossen haben. Es gibt Umsatzeinbußen von bis 100 Prozent.

Gibt es auch Unternehmensgruppen, die profitieren und mehr Arbeit haben?

Nein, es profitiert keiner von der Krise. Ganz im Gegenteil. Wir versuchen, den Schaden zu minimieren. Ich spüre eine große Solidarität bei den Betrieben untereinander.

Wie sieht die Solidarität ganz konkret aus?

Zum Beispiel haben drei große Göttinger Bäckerbetriebe verabredet, sich gegenseitig bei der Produktion zu unterstützen, falls einer der Betriebe Probleme bekommt.

Welche Aufgaben übernimmt die Kreishandwerkerschaft für die Unternehmen in der Krise?

Wir versorgen die Mitglieder der Innungen zum Teil stündlich mit aktuellen Corona-Updates und Informationen. Auch die individuelle Beratung steht im Mittelpunkt. Die Geschäftsstelle beantwortet dazu viele Einzelfragen. In rechtlichen Fragen hilft eine Anwaltskanzlei.

Was sagen Ihnen die Handwerker am Telefon mit Blick auf die aktuelle Situation?

Die häufigste Frage für unsere Unternehmer ist: Wo bekomme ich Geld her? Es ist ihnen nicht in erster Linie geholfen, wenn es Kredithilfen gibt.

Wie läuft aus Ihrer Sicht die Wirtschaftshilfe für die Unternehmen an?

Die Politik macht im Rahmen ihrer Möglichkeiten einen guten Job. Entscheidend ist, dass die Unternehmen schnell an frisches Geld kommen können. Wichtig sind vor allen Dingen Zuschüsse, die direkt helfen und in den Unternehmen verbleiben. Das ist das Gebot der Stunde. Wir hoffen auf das Corona-Hilfsprogramm des Landes Niedersachsen sowie die diese Woche vom Bund zu beschließenden Hilfen. Das ist aus unserer Sicht ein richtiger Ansatz.

Wie sieht es mit den Steuern aus?

Auch die drücken die Unternehmen in Corona-Zeiten besonders hart. Es gibt die Möglichkeit, Anträge auf Aufschub und Stundung zu stellen. Aber das allein wird wohl nicht reichen: In einigen Fällen werden Betriebe nur überleben können, wenn Steuern erlassen werden.

Wird es Betriebe geben, die wegen der Corona-Krise in die Insolvenz gehen müssen?

Wir hoffen, dass das vermieden werden kann. Es ist leider nicht ausgeschlossen, dass manche Betriebe diese Krise am Ende nicht überstehen.

Welche Hoffnungen für das Handwerk ziehen Sie aus der aktuellen Entwicklung?

Wir hoffen, dass unsere Innungsmitglieder diese schwerste Krise der Wirtschaft seit dem Zweiten Weltkrieg überleben und weiterhin am Markt bleiben. Es wäre ganz schlimm, wenn die große Vielfalt durch die vielen familienbetriebenen Handwerksunternehmen verloren ginge.

Zur Person: Andreas Gliem

Andreas Gliem (60) ist Jurist und zugelassener Rechtsanwalt. Er ging in Kassel zur Schule, studierte in Göttingen und absolvierte sein Referendariat am Landgericht Kassel. Seit 1997 ist er Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft. Der ehemalige deutscher Meister im Judo ist verheiratet und hat zwei Kinder

Von Bernd Schlegel

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