Homeoffice und Homeschooling

„Mehrwöchiger harter Lockdown“: Forscherin aus Göttingen fordert drastischere Corona-Regeln

Eine Forscherin aus Göttingen zweifelt an der Wirksamkeit der aktuellen Corona-Regeln. Sie fordert drastischere Corona-Maßnahmen: „Einen mehrwöchigen harten Lockdown“.

  • Die Physikerin und Max-Planck-Forscherin Dr. Viola Priesemann bezweifelt, dass die geltenden Kontaktbeschränkungen zu einem Rückgang der Corona-Infektionszahlen bis Weihnachten führen könnten.
  • Ein mehrwöchiger harter Lockdown könne den Inzidenzwert nach Angaben der Forscherin senken.
  • Vor allem in Schulen und in der Arbeitswelt bestehe mehr Potential für Beschränkungen: Man könne stärker in Homeschooling und Homeoffice gehen.

Göttingen – Die Göttinger Physikerin und Max-Planck-Forscherin Dr. Viola Priesemann sieht kaum noch Chancen, dass die geltenden Kontaktbeschränkungen zu einem entscheidenden Rückgang der Corona-Infektionszahlen bis Weihnachten führen. Sie fordert stattdessen eine schnelle Reaktion und härtere, konsequente Maßnahmen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, den 7-Tage-Inzidenzwert auf 50 oder weniger zu bringen.

Mittel zum Zweck wäre ein mehrwöchiger harter Lockdown, so Priesemann, die im März bereits mit ihrem Team Modellrechnungen zu Pandemieverläufen anstellte und diese mehrfach veröffentlicht hat.

Forscherin aus Göttingen fordert harten Lockdown: Handel, Schulen und Arbeit

„Der ‘Lockdown‘ light war einen Versuch wert, aber das hat nicht gereicht“, sagt Viola Priesemann. Er habe zwar immerhin dafür gesorgt, dass die Zahl der Neuinfektionen sich auf hohem Niveau stabilisiert habe. „Aber nur mit einem konsequenten zwei- oder dreiwöchigen Lockdown lassen sich die Fallzahlen entscheidend senken.“

Vor allem bei den Schulen und in der Arbeitswelt sieht Priesemann noch Potenzial für Beschränkungen. Dort, wo es möglich sei, sollten Menschen konsequent aus dem Homeoffice arbeiten. Zusätzlich sollten zumindest ältere Schülerinnen und Schüler auf Homeschooling ausweichen. Auch im Einzelhandel, bei privaten Kontakten und etwa in der Erwachsenenbildung seien weitere Beschränkungen möglich, betonte die Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation (MPIDS) in Göttingen. „Wir müssen an allen Schrauben ein Stück weiter drehen.“

Forscherin aus Göttingen fordert harten Coron-Lockdown: Klare Kommunikation nötig

Um die Inzidenzwerte herunterzubringen, müsse die Reproduktionszahl bei 0,7 liegen. Dann würden rechnerisch zehn Menschen nur noch sieben weitere ansteckten.

Für Viola Priesemann ist auch klar: Das Ziel, die Fallzahlen zu senken, müsse ganz klar vorgegeben und kommuniziert werden. Nur dann könnten die Menschen in Deutschland die harten Maßnahmen akzeptieren.

Corona-Forscherin: Dr. Viola Priesemann fordert harten Lockdown.

Forscherin aus Göttingen fordert harten Corona-Lockdown: Prognose für harte Regeln

Die Aussichten mit einem harten Lockdown wären laut der MPIDS-Forscher gut: Nach etwa zwei bis drei Wochen hätten die Gesundheitsämter in den meisten Landkreisen das Infektionsgeschehen wieder unter Kontrolle, könnten Kontakte von Infizierten nachverfolgen und testen, blickt sie voraus. „Dann könnten die Beschränkungen deutlich gelockert werden.“

Diese Prognosen leiten die Göttinger Wissenschaftler auch aus den Beobachtungen in anderen Staaten ab: Australien, Irland und Israel sowie viele asiatische Länder hätten so gehandelt und hätten nach harten Kontaktbeschränkungen die Pandemie mittlerweile im Griff. Das gesellschaftliche Leben habe sich dort fast normalisiert.

Forscherin aus Göttingen: Corona-Beschränkungen in der Gastronomie verpuffen

Das Team um Viola Priesemann beobachtet intensiv die Auswirkungen von Maßnahmen und Regelungen in den Corona-Verordnungen, so auch die Verbote und Beschränkungen in der Gastronomie und in Hotels.

Zweifelt an der Wirksamkeit der aktuellen Kontaktbeschränkungen: Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut Göttingen. Sie fordert härtere Corona-Regeln.

Das Ergebnis diesbezüglich: Es sei in Deutschland unter den Bedingungen des „Lockdown light“ nicht sinnvoll, die bisherigen Beschränkungen etwa in der Kultur, bei Hotels und Gaststätten so aufrechtzuerhalten. „Diese Maßnahmen verpuffen. Das ist jetzt eine Frage von ganz oder gar nicht. Wenn wir die Schraube nicht konsequent anziehen, werden die Fallzahlen wahrscheinlich nicht sinken. Dann muss man sich fragen, wie lange man die derzeitigen Einschränkungen beibehalten will.“

Göttinger Forscherin fordert harten Lockdown: Teststrategie ändern

Viola Priesemann plädiert auch dafür, die Teststrategie zu ändern und häufiger ganze Gruppen, etwa Schulklassen, mit einem einzigen PCR-Test zu überprüfen. „Einfach alle Tests in ein Röhrchen und im Labor untersuchen lassen.“ Dadurch ließen sich Testkits einsparen und die Labore würden entlastet. Wenn der Test positiv ausfalle, könnten bei Bedarf einzelne Personen nachgetestet werden. „Aber die Quarantäne würde ohnehin für die gesamte Gruppe gelten.“

Das Team um Viola Priesemann am MPIDS beobachtet seit der frühen Pandemie-Phase die Entwicklungen wie Fallzahlen, vor allem aber auch Wirkungen von Regeln und Verboten. Dazu dienen aufwendige Berechnungen. Die Ergebnisse sorgten medial für Aufsehen. Priesemann ist mittlerweile zur gefragten Expertin auch in TV-Talk-Shows wie „Anne Will“ geworden. (Von Martina Schwager und Thomas Kopietz)

In Hessen gibt es viele Corona-Neuinfektionen und dutzende Todesopfer. Der News-Ticker. Zudem hat die Landesregierung in Hessen ihre Pläne für eine Massenimpfung gegen das Coronavirus vorgestellt. Vier Millionen Menschen sollen den Impfstoff bekommen.

Rubriklistenbild: © Screenshot: ARD Mediathek

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