„Distanzlernen“

Corona-Krise in Niedersachsen: Neue Regeln für Schulen - Lehrer ist „fassungslos“

In einem Klassenzimmer stehen Stühle auf den Tischen. Auf der Tafel steht „Zweite Welle“.
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Niedersachsens Kultusminister hat spontan neue Regeln für den Unterricht erlassen: Wegen der Corona-Pandemie dürfen Schüler in Niedersachsen vor Weihnachten zu Hause bleiben - einfach so. (Symbolbild).

In Niedersachsen dürfen Schüler aufgrund der Corona-Krise jetzt ohne Antrag einfach zu Hause bleiben – das sorgt für Fassungslosigkeit an den Schulen.

  • Corona in Niedersachsen: Schüler dürfen ab Montag zu Hause bleiben, ohne einen Antrag zu stellen.
  • Niedersachsens Kultusminister Tonne will mit der Regelung dem Infektionsgeschehen entgegenwirken.
  • Schulleiter sind fassungslos, fühlen sich allein gelassen und fordern indes bessere Regelungen.

Göttingen/Hannover – In Niedersachsen dürfen Schülerinnen und Schüler von Montag an zu Hause bleiben – ohne einen Antrag stellen zu müssen. Bisher war ein Fernbleiben für die Tage 17. und 18. Dezember auf Antrag möglich. Die Meldung wurde auch über Medien publik, bevor der Ministerbrief mit der Anweisung per E-Mail am Donnerstag in den Schulen einging und dort nachhaltigen Wirkung im negativen Sinne hinterließ.

Inhalt auch: Schüler, die zur Schule gehen wollen, dürfen das vom 14. bis 18. Dezember tun und werden beschult. So will es Kultusminister Grant-Hendrik Tonne (SPD), der mit der Aktion und der Anweisung, vom Präsenzunterricht in ein neuartiges „Distanzlernen“ zu wechseln, viele Lehrkräfte im Land verärgert hat.

Corona in Niedersachsen: Fassungslosigkeit über die Regelung

„Wir hätten uns eine klare Linie und Ansage erhofft“, sagt Wolfgang Schimpf, Schulleiter am Göttinger Max-Planck-Gymnasium und Vorsitzender der Direktorenvereinigung Niedersachsen. Was er in einem Schreiben an Tonne als morgendliche „Überraschung“ bezeichnet, ist für manchen Lehrer weit mehr.

Jaqueline Ahrend, Sek-I-Koordinatorin am Göttinger Theodor-Heuss-Gymnasium (THG) ist über das Vorgehen der Bekanntmachung und den Inhalt schlicht „fassungslos“. Nicht nur dort fühlen sich Schulleitung und Lehrer alleingelassen und als Kinderbetreuer eingestuft. In keiner Weise werde bedacht, dass die Lehrer und Schulmitarbeiter trotzdem bereitstehen müssen – für die Schüler die freiwillig kommen, oder eine Klausur schreiben müssen und für die, die zu Hause sind.

Kampf gegen Corona in Schulen: Maßnahme sei angemessen

Tonne will mit der Regelung dem grassierenden Corona-Infektionsgeschehen entgegenwirken. Er sieht seine Maßnahme als einen Teil der Gesamtstrategie mit weiteren Kontaktbeschränkungen sowie Einschnitten auch bei Wirtschaft und Handel. „Der Bildungsbereich beteiligt sich an dieser Strategie der konsequenten Kontaktreduktion mit angemessenen Maßnahmen.“

Für Wolfgang Schimpf sind es „halbherzige Lösungen“. Das Distanzlernen für Schulen widerspreche dem Ziel, die Infektionszahlen herunterzubringen: „Die Schulen bleiben offen, die Lehrer sind da.“ Er und weitere Schulleiterkollegen hätten sich eine klare Kante gewünscht: „Mit der frühzeitigen Ansage, die Schule wäre ab 14. Dezember zu gewesen, hätten wir alle leben können.“

Niedersachsen: Schulen plädieren für ein anderes Szenario

So aber ist er über die „sehr kurzfristigen Neuregelungen hochgradig irritiert“, wie Schimpf im Namen der Direktoren an den Minister schreibt und diesen auffordert, stattdessen zum Szenario C umzuschwenken, dem Homeschooling.

Die Schulleiterin am THG, Andréa Riedel, jedenfalls ist sauer: Es sei eine Zumutung, wenn Schulleiter zuerst aus der Presse erfahren müssten, welch drastische Veränderungen wenige Tage später anstünden. „Das ist absolut unglücklich.“ Von den Folgen für jede Schule, Schüler und Eltern ganz zu schweigen.

Am THG wird so am Montag ein Referendar seine Abschlussprüfung ohne Klasse und Schüler halten. Natürlich gehe das irgendwie, sagt Riedel.

Corona: Wie wird es nach den Ferien in Niedersachsen weitergehen?

Wie auch, dass an ihrer Schule und am Max-Planck-Gymnasium am Donnerstag innerhalb einer Stunde eine völlig neue Lage organisiert werden musste, bis hin zu Klausuren-Planungen und der Vermittlung von Unterrichtsinhalten – vor wie viel Schülern auch immer.

Und dann umtreibt Schulleiter wie Wolfgang Schimpf schon die Frage, wie es wohl nach den Ferien weitergehen wird: Minister Tonne will nach den Freien im Präsenzunterricht weiterfahren. „Warten wir es ab“, sagt Schimpf scheinbar gelassen. (tko)

Kommentar von Thomas Kopietz: Ein „Ungenügend“ für das „Distanzlernen“

Die Landesregierung reagiert und legt nach – harter Lockdown, alles zu und weniger Kontakte nach Weihnachten. In den Schulen ist dann ohnehin nichts los. Bis zum Ferienbeginn aber galt es, klare Entscheidungen zu treffen. Das ist Kultusminister Grant-Hendrik Tonne gründlich misslungen.

Er verkündet mit neuer Wortschöpfung mit dem „Distanzlernen“ eine ungenügende Lösung: Wer will, der kann in die Schule gehen. Und wer muss (Klausuren, Klassenarbeiten), der muss. Die Lehrer müssen präsent sein und betreuen, wer ab Montag, alle, die in den Schulen so auflaufen werden – und die, die zu Hause bleiben. Was soll das im Sinne des großen Ziels, die Infektionszahlen zu senken? Diese gehen nur zurück, wenn Kontakte drastisch eingeschränkt werden. Ferner wälzt das Ministerium Entscheidungen in einer Pandemie auf Einzelne ab – und das ist dem Erfolg jeder Maßnahme abträglich.

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