Urlaubsorte gehen leer aus

Urlaub trotz Corona: Buchungen für Mallorca steigen - Tourismus in Niedersachsen ist empört

Sehnsuchtsort in Corona-Zeiten: Viele wollen in den Urlaub - doch ist es aktuell leichter nach Mallorca zu fliegen als an die Ostsee zu fahren. Der Tourismus in Niedersachsen leidet darunter. (Archivfoto)
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Sehnsuchtsort in Corona-Zeiten: Viele wollen in den Urlaub - doch ist es aktuell leichter nach Mallorca zu fliegen als an die Ostsee zu fahren. Der Tourismus in Niedersachsen leidet darunter. (Archivfoto)

Die TUI verdoppelt ihre Flüge nach Mallorca und trotz Warnungen steigen die Buchungen. Die Urlaubsorte in Niedersachsen hingegen schauen in die Röhre.

Hannover/Wilhelmshaven – Die TUI verdoppelt die Flüge auf 300-Hin- und Rückflüge nach Mallorca, die Buchungen steigen trotz Warnungen von einigen Medizinern, Epidemiologen und Politikern.

Die Urlaubsdestinationen in Niedersachsen müssen bei überschaubaren Inzidenzwerten in die Röhre schauen und abwarten. Das erzürnt die Verantwortlichen in Gemeinden und in Verbänden, die ebenfalls als Perspektive die Öffnung sehen.

Die Hotels hierzulande sind bis 28. März 2021 geschlossen. Am 22. März wollen Bund und Länder beschließen, wie es weitergeht.

Urlaub während der Corona-Pandemie: Immer mehr Mallorca-Buchungen - Urlaubsorte in Niedersachsen gehen leer aus

Fakt derweil ist: Seit Sonntag ist Urlaub auf Mallorca und in anderen Regionen Spaniens, Portugals und Dänemarks ohne Quarantäne und Testpflicht nach der Rückkehr möglich.

Für die norddeutsche Tourismusbranche ist das ein Wirkungstreffer, wie man in der Boxersprache sagen würde. Man fühle sich verraten von der eigenen Politik, so der Vorsitzende des Dehoga-Verbandes Wilhelmshaven, Olaf Stamsen. „Für uns Gastronomen war es ein Schlag in die Magengrube, als diese Nachricht mit Mallorca kam.“

Stamsen fragt auch: „Wo ist der Unterschied zwischen Spiekeroog, Wangerooge und den Balearen.“ Auch in Deutschland gebe es Regionen mit niedrigen Inzidenzen, wie die Ostfriesischen Inseln. Die Hotels und Gaststätten dort hätten Hygienestrategien und einen großen Teil der Überbrückungshilfen investiert, um coronakonformen Urlaub zu ermöglichen.

Corona-Urlaub trotz Warnungen: Land Niedersachsen und Bundesregierung rufen zu Reise-Verzicht auf

Für Stamsen und viele seiner Kollegen passt vieles nicht zusammen: „Wir können jetzt im Flieger im Sommer nach Mallorca. Aber so wie es jetzt aussieht, sollen wir für zwei Cappuccino auf der Terrasse eine Reservierung vornehmen.“ All das sei nicht vermittelbar.

Da hilft es auch nicht, dass die Bundesregierung nach dem Buchungsboom für Mallorca zu einem generellen Verzicht in der Pandemie auf touristische Reisen aufrief. Auch die Landesregierung warnte vor den Gefahren.

Dehoga-Chef Stamsen hofft nun auf eine Öffnungsperspektive in Norddeutschland. Einen Wunsch, den auch Göran Sell, Geschäftsführer der Marketinggesellschaft Ostfriesische Inseln, hegt.

Urlaub in Niedersachsen: Touristiker wünschen sich eine Orientierung neben Corona-Inzidenz

Er erhoffe sich noch vor dem 22. März ein Signal, „ob und wie Urlaub auf den Inseln aussehen kann“. So erwarte man zu Ostern für Borkum, dass viele der 2500 Zweitwohnungsbesitzer auf die 5000-Einwohner-Insel kommen. „Wir werden hier einfach mehr Leben haben. Da muss man fragen, ob noch vermittelt werden kann, den Tourismus weiterhin geschlossen zu lassen“, sagte Sell.

Eine Möglichkeit: Der Inzidenzwert könne nicht der einzige Wert für Steuerung von Lockerung und Öffnung bleiben. „Wir Touristiker brauchen eine Orientierung, um zu wissen, wann geht etwas, wann geht etwas nicht.“

Es brauche schlicht Zeit, etwa um eine begleitende Testinfrastruktur aufzubauen und Betriebe wieder hochzufahren. Ein kurzzeitiges Hochfahren und dann erneutes Runterfahren, wie es in Hochinzidenz-Kreisen mit dem Einzelhandel passiere, müsse für den Tourismus vermieden werden.

Vier-Säulen-Strategie: Tourismusverband Niedersachsen hält Corona-Strategiewechsel für Lösung

Das „Hangeln von Lockdown zu Lockdown“ beklagt der Vorsitzende des Tourismusverbandes Niedersachsen, Sven Ambrosy (SPD). Die Lösung wäre ein Strategiewechsel, wie ihn der Schweizer Kanton Graubünden vollzogen hat. Mehr Freiheit und Öffnung auf Basis von Tests und gezielter Nachverfolgungen.

„Wir müssen auf die Vier-Säulen-Strategie setzen: Impfen, Testen, digitale Nachverfolgung und die Hygieneregeln beachten.“ Eine steigende Impfqoute wiederum verbessere die Sicherheit weiter. Auch Olaf Stamsen wirbt für bessere Nachverfolgung und neue technische Lösungen, so die App Luca, die auch ohne Handy per Schlüsselanhänger mit QR-Code arbeitet.

In Graubünden jedenfalls ist Urlaub unter strikter Kontrolle auf Pisten und in Hotels möglich und erlaubt – auf Borkum aber nicht (Thomas Kopietz, mit epd, mit dpa)

Modell Graubünden: mehr Tests für weniger Lockdown – Vorbild für Niedersachsen?

Weniger Lockdown, mehr Öffnung – auf Basis einer Teststrategie bei gleichzeitiger strengen Hygiene- und Abstandsregeln: Das sind die Ziele des Modells Graubünden.

Wissenschaftlicher Mentor ist der Mannheimer Public-Health-Professor Joachim Fischer, der auch im Corona-Netzwerk B-Fast der deutschen Uni-Kliniken einen Arbeitsbereich leitet.

In Graubünden hat die Kantonsregierung für 40 Millionen Euro von Januar bis Mai flächendeckend Schnellspucktests finanziert. Ein Ergebnis: Trotz viel mehr Tests bewegt sich der Inzidenzwert im Kantonsvergleich im unteren Drittel – und das, obwohl Skigebiete und Hotels unter Auflagen geöffnet waren. Die Bereitschaft zum Testen ist hoch – in der Bevölkerung, in Betrieben und bei Gästen.

Fischer betont, dass eine Steuerung des öffentlichen Lebens möglich ist, mithilfe einer Struktur beim Testen und Auswerten. Die Tests für den Hausgebrauch, deren Ergebnisse unbekannt bleiben, würden aber nicht helfen. Fischer sagt auch: Ohne die Motivation der Menschen funktioniert die Graubündner Methode der Infektionskontrolle und Lockerung nicht.

In der deutschen Vergleichsregion Kinzigtal aber läuft es nicht so gut wie in Graubünden: Die Motivation dort sei geringer, das Land zahle die Tests nicht.

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