Pandemie

Kritik an Corona-Hospitalisierungsrate – Tatsächlicher Wert deutlich höher

Die vom RKI veröffentlichten Daten zur Hospitalisierung spiegeln laut NDR-Analyse nicht die tatsächliche Corona-Lage in den Kliniken wider.
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Die vom RKI veröffentlichten Daten zur Hospitalisierung spiegeln laut NDR-Analyse nicht die tatsächliche Corona-Lage in den Kliniken wider. (Symbolbild)

Das RKI veröffentlicht täglich die Hospitalisierungsrate. Eine Analyse zeigt nun, dass dieser Wert die Anzahl der Corona-Neuaufnahmen stark unterschätzt.

Göttingen – Erst seit einigen Wochen gilt die von der Regierung eingeführte Hospitalisierungsrate als neuer Leitindikator in der Corona-Pandemie. Diese wird täglich vom Robert Koch-Institut (RKI) veröffentlicht, spiegele die aktuelle Lage in den Kliniken allerdings nicht korrekt wider. Das ergab eine Analyse des NDR.

Wie der norddeutsche Sender berichtet, sei die vom RKI gemeldete Quote für Deutschland inzwischen nur noch halb so groß wie ihr tatsächlicher Wert. Beispielsweise soll sie am 8. September bei 1,8 Covid-Neuaufnahmen pro 100.000 Einwohnern gelegen haben - die korrekte Zahl sei aber 3,6 gewesen. Doch wie kann das sein?

Hospitalisierungsdaten des RKI verzerren tatsächlich Corona-Lage

Grund dafür seien mehrere tausende Krankenhausaufnahmen, die bundesweit erst nach und nach erfasst würden. Aktuell dauere es rund 21 Tage, bis die Neuaufnahmen in den Kliniken durch Nachmeldungen zu mindestens 95 Prozent erfasst sind. Die fehlende Aktualität der Quote stellt allerdings eine große Gefahr dar: Mit den angegebenen Zahlen wird die Gefährlichkeit der Corona-Lage unterschätzt. Obwohl die tatsächlichen Zahlen höher sind, könnten entsprechende Gegenmaßnahmen aufgrund der veröffentlichten eher niedrigen Werte daher ausbleiben.

Dem RKI sei das Problem und seine Risiken derweil bewusst. Es gehe um eine „Abwägung zwischen Zeitnähe und Datenqualität“. Wenn diese Daten maximal schnell bereitgestellt würden, gehe dies auf die Kosten der Datenvollständigkeit. Das soll dem Institut zufolge bei der Einführung von Schwellenwerten dringend beachtet werden. Aus diesem Grund solle man den Wert den jeweils aktuellen Verzerrungen angleichen. Da deren Ausmaß sich jedoch andauernd verändert, sei dies äußerst schwierig.

Corona-Hospitalisierungsrate

Die Hospitalisierungsrate gibt die Zahl der Corona-Neuaufnahmen in Krankenhäusern binnen sieben Tagen pro 100.000 Einwohnern an. Wenn diese Rate beispielsweise bei einem Wert von zwei liegt, sind zwei Personen von 100.000 innerhalb von sieben Tagen mit oder wegen einer Corona-Infektion hospitalisiert worden. Die Hospitalisierung ist seit Mitte September der neue Leitindikator zur Bewertung der Pandemiesituation.

Daten des RKI: Zahlen der Corona-Neuaufnahmen in Kliniken bergen Gefahren

Aufgrund steigender Fallzahlen befürchten einige Experten eine kommende Corona-Welle im Herbst - darunter auch Virologe Christian Drosten. Besonders in dieser Zeit könnte der Grad an Unterschätzung durch die nicht aktuellen Zahlen der Covid-Aufnahmen in Krankenhäusern noch zunehmen. Aktuelle Zahlen könnten im schlimmsten Falle sogar vortäuschen, dass die Lage sich verbessert, obwohl sie sich im Wirklichkeit verschlechtert. Besonders die geringen Schätzwerte der 35- bis 59-jährigen Patienten sei am problematischsten, da dies die Gruppe mit den meisten Hospitalisierungen sei.

Das RKI veröffentlicht, wie auch die aktuellen Corona-Fallzahlen, die Zahlen der Hospitalisierung tagtäglich für ganz Deutschland und die einzelnen Bundesländer. Ob diese die gemeldete Rate verwenden und welche Covid-Regeln festgelegt werden, ist ihnen allerdings selbst überlassen. Beispielsweise stütze sich Schleswig-Holstein komplett auf die Daten des RKI - Niedersachsen wiederum setze auf die eigene Erhebung. Dort kann daher bereits am Folgetag der endgültige und aktuelle Wert für die gesundheitliche Belastung durch Covid-19 in den Kliniken erfasst werden.

Durch „Nowcast“: Experte fordert Korrektur der RKI-Zahlen zur Corona-Hospitalisierung

Aber auch für Bundesländer, die die Zahlen des RKI nutzen, gäbe es laut Helmut Küchenhoff, Statistik-Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, eine Chance auf bessere Daten. Der Meldeverzug sei statistisch korrigierbar. Dazu müssten die aktuelle Hospitalisierungsrate um die zuletzt beobachtete Unterschätzung nach oben korrigiert werden.

Dieses Verfahren nenne sich „Nowcast“ und sei statistisch gut beherrschbar. Das RKI wende dieses bereits bei der Erfassung der 7-Tage-Inzidenz der Corona-Neuinfektionen an. „Das Robert Koch-Institut sollte für die Hospitalisierungsquoten der Bundesländer ebenfalls einen Nowcast veröffentlichen“, forderte Küchenhoff. Die Unsicherheit des sogenannten „Nowcastings“ dürfte laut ihm dann deutlich kleiner sein, als die Verzerrungen in den derzeitigen Zahlenberichten des Instituts. (Alina Schröder)

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