Corona-Virus

Deutsches Theater Göttingen bietet täglich Schnelltests für Mitarbeiter an

Eine Person in Schutzmontur hält einer anderen ein Stäbchen entgegen.
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Normalität im Deutschen Theater Göttingen: Johanna Schwung (rechts) nimmt dort täglich Schnelltests von Mitarbeiterinnen in der Teststation ab. Sie ist eigentlich Regieassistentin, hat aber auch ein Medizinstudium absolviert.

Mitarbeiter des Deutschen Theaters können sich täglich einem Corona-Schnelltest unterziehen. Intendant Erich Sidler sieht darin auch die Möglichkeit, das DT für Publikum zu öffnen.

Göttingen – Das Deutsche Theater ist bereits in der (Pandemie-)Zukunft: Mitarbeiter können sich täglich, freiwillig, einem Corona-Schnelltest unterziehen. Intendant Erich Sidler sieht in den Tests auch die Möglichkeit, das DT wieder fürs Publikum zu öffnen.

Corona-Teststation befindet sich im Glasanbau des Theaters

Man ist aber abhängig von den Regelungen, die in Berlin und Hannover gemacht werden. Und darüber ist Erich Sidler nicht amüsiert, sondern eher verärgert, wie über die Aussage der Kanzlerin, die im Bezug auf Lockerungen Theater in einem Satz mit Bordellen genannt habe. Das sei eine Frechheit gewesen, empfindet Sidler.

Im Glasanbau des Deutschen Theaters hat dort, wo sonst Besucher in der Pause an der Bar einen Sekt ordern, eine Corona-Teststation geöffnet. Mitarbeiter nutzen seit Ende Februar täglich die Möglichkeit zum Schnelltest.

„Es ist, nachdem es zunächst auch zögerliche Mitarbeiter gab, zu einer Selbstverständlichkeit geworden, sich vor Arbeitsbeginn testen zu lassen“, sagt Johanna Schwung. Sie ist eigentlich Regieassistentin, inszenierte bereits auch das Stück „Netboy“.

Johanna hat zuvor Medizin studiert und sich auch deshalb sofort auf die Idee von Sidler und Geschäftsführerin Sandra Hinz hin bereit erklärt, beim Testen zu helfen und auch Mitarbeiter anzuleiten.

Sidler hält Öffnung des Kulturbetriebs für nötig

Die Bereitschaft der DT-Mitarbeiter zum Schnelltest ist also groß, eröffnet das Wissen ums Negativsein doch einen angenehmeren Alltag. „Man geht mit einem besseren Gefühl in die Arbeit“, beschreibt Johanna Schwang, „man schützt ja andere“. Genau das hätten auch die Anderen bemerkt, die vorher testskeptisch gewesen seien.

Erich Sidler freut sich über diese Entwicklung und das solidarische Verhalten, das letztlich ein wenig mehr Normalität ermögliche. So steht Sidler auch einem Schnelltest für Besucher vor den Aufführungen positiv und offen gegenüber. „Natürlich wäre das eine Option für uns und ein Schritt auf dem Weg zu einer Öffnung.“

Die Öffnung des Kulturbetriebs jedenfalls hält er für nötig. Das Theater sei gerade jetzt in der Corona-Krise mit Einschränkungen für das Leben und Auswirkungen auf das Leben und die Psyche der Menschen wichtig.

„Wir müssen weiter den Diskurs anschieben, gesellschaftliche und politische Entwicklungen begleiten oder anschieben“, sagt Sidler im Gespräch. „Und wenn Kultur nur zu erleben ist, wenn man vorher einen Test benötigt, dann werden die Besucher sagen: das ist okay!“

Sidler: Im DT bessere Bedingungen als im Supermarkt

Das Testen im DT jedenfalls sei praktikabel: „Wir müssten zwei Zelte am Vorplatz aufstellen, wo die Tests ab eine Stunde vor der Vorstellung stattfinden könnten.“

Und eigentlich könne man auch tagsüber als offenes Zentrum Tests anbieten. Sozialdezernentin Petra Broistedt hatte diesbezüglich schon bei Sidler angefragt. „Warum denn nicht?, lautet seine Suggestivfrage als Antwort.

Mit dem Einhalten der gebotenen Abstands- und Hygieneregeln wäre für Sidler „enorm viel Sicherheit gegeben“. Dazu käme eine Lüftung, die ständig Aerosole abzieht.

„Der neueste Stand der Forschung sagt, dass eine mittelstarke Klimaanlage für ausreichend Lufterneuerung sorgt. Wir haben eine gute, die das ständig ermöglicht.“ Im DT 1 herrschten „bessere Bedingungen als im Supermarkt an der Kasse“, bekräftigt der Intendant. (Thomas Kopietz)

Graubündner Modell – eine Teststrategie für weniger Lockdown – Vorbild für Deutschland?

DT-Intendant Erich Sidler ist Schweizer. Er beobachtet deshalb ein Corona-Strategie-Projekt in seinem Heimatland – im Kanton Graubünden – mit großer Aufmerksamkeit.

Dabei geht es zusammengefasst um moderate Lockerungen und Öffnungen auf Basis einer Teststrategie – bei gleichzeitig Einhaltung klarer Hygiene- und Abstandsregeln.

Ziel: Mehr Freiheit, weniger Lockdown. Betreut wird das Projekt auch von dem Heidelberger/Mannheimer Public-Health-Professor Joachim Fischer, der auch im Corona-Netzwerk B-Fast der deutschen Uni-Kliniken einen Arbeitsbereich leitet.

Worum geht es? Im Kanton Graubünhat die Kantonsregierung für 40 Millionen Euro von Januar bis Mai flächendeckend Schnellspucktests finanziert, mit dem Ziel punktuell Lockern zu können.

Ein Ergebnis bisher: Trotz einer viel höheren Testzahl als vorher bewegt sich der Inzidenzwert im Kantonsvergleich aktuell im unteren Drittel – und das obwohl Skigebiete und Hotels unter Auflagen geöffnet waren und sind.

Die Bereitschaft zum Testen ist hoch, sowohl in der Bevölkerung, in den Betrieben, aber auch bei den Gästen. Für Sidler ist das ein Zeichen, wie man dank einer festen Teststruktur flexibler mit Corona umgehen und datenbasiert lockern kann.

In einer deutschen Vergleichsregion übrigens, Kinzigtal, funktioniert die Strategie nicht wi in Graubünden. Allerdings zahlt dort das Land auch nicht die Schnelltests.

Professor Fischer betont auch, dass so eine Steuerung des öffentlichen Lebens möglich ist. Es bedarf aber einer Struktur beim Testen, einer Teststrategie und -auswertung.

Die Tests für den Heimgebrauch, deren Ergebnisse unbekannt bleiben können, würden dabei nicht helfen.

Für Fischer ist auch klar: Ohne die Motivation der Menschen funktioniert die Graubündner Methode der Infektionskontrolle nicht – auch nicht die der Möglichkeit der Lockerung unter Vermeidung von Risiken. In Graubünden klappt es: auch die Erholung beim – erlaubten – Skifahren.

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