Angstforscher Borwin Bandelow über Coronavirus: Angst vor Ausbreitung ist irrational

Der Göttinger Psychiater und Angstforscher warnt vor Panikmache. Er rät zu einem "gesunden Fatalismus".
- Angst vor Coronavirus-Epidemie steigt
- Angstforscher aus Göttingen warnt vor panischem Verhalten
- Er rät zu einer differenzierten Betrachtung und einem sachlichen Umgang
Göttingen – Die Angst vor der Ausbreitung und Ansteckung von und mit Coronaviren sei nicht ganz unberechtigt aber irrational, sagt der Göttinger Angstforscher und Psychiater Prof. Borwin Bandelow.
Er warnt vor einem panischen Verhalten. Ein Problem sieht er in überzogenen Gegenmaßnahmen.
Coronavirus: Angstforscher Bandelow - Corona wird als neue Gefahr empfunden
Der Universitätsmediziner Bandelow rät deshalb zu einem „gesunden Fatalismus“ im Umgang mit der Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland.
Und der 68-Jährige verweist auf Erfahrungen mit anderen Erregern: „Wir hatten ähnliche Fälle mit der Vogelgrippe oder dem viel gefährlicheren Sars-Virus.“ Corona werde als eine neue Gefahr empfunden und folglich würden die Menschen für einen gewissen Zeitraum Ängste entwickeln. Aber: „Menschen gewöhnen sich an neue Situationen.“
Coronavirus: Göttinger Angstforscher - Menschen fahren Auto, obwohl sie Gefahren kennen
Er rät deshalb zu einer differenzierten Betrachtung: Zwar seien Menschen bereits gestorben, und Corona scheine gefährlicher als ein Grippevirus zu sein. Auf der anderen Seite seien bei der großen Grippewelle 2017 und 2018 etwa 25 000 Menschen gestorben. „Und das stecken wir weg, weil wir gelernt haben, dass das zum Leben dazu gehört.“
Wie auch bei Befragungen zum Thema Terrorangst benutzt Borwin Bandelow ein plakatives Beispiel: Menschen nutzten weiterhin Autobahnen, auch wenn sie um die möglichen Gefahren des Straßenverkehrs wüssten. Bei Vorfällen wie der Atomreaktor-Katastrophe von Fukushima gebe es die Regel, dass nach etwa vier Wochen die mediale und gesellschaftliche Aufmerksamkeit trotz weiterhin bestehender Gefahren nachlasse.
Göttinger Angstforscher: Angst vor Coronavirus wird sich nicht schnell verflüchtigen
Während einige Medien mit ihrer Berichterstattung Panik schürten, versuchten andere zu beruhigen. „Die Menschen sind dann schlicht hin- und hergerissen zwischen unterschiedlichen Informationen.“
Dass die Angst sich schnell verflüchtigen werde, glaubt Bandelow im Fall Corona nicht: Die Infektionswelle habe sich jetzt erst von Asien nach Europa und Deutschland ausgebreitet, so dass das Coronavirus in der Wahrnehmung noch länger als Gefahr präsent sein werde, sagte der Wissenschaftler. „Man ist besorgter, je näher die Situation emotional und räumlich an einem dran ist.“
Coronavirus: Sachlicher Umgang ist wichtig
Behörden, das Gesundheitsministerium und die Medien sollten vorsichtig und sachlich mit Maßnahmen gegen die Ausbreitung umgehen, ohne gleichzeitig die Situation herunterzuspielen, mahnte Borwin Bandelow. „Mitunter wollen Verantwortliche nicht tatenlos abwarten, so dass Überreaktionen programmiert sind.“
Video: Coronavirus: Wie gefährlich ist der Erreger?
Von Thomas Kopietz
Das Coronavirus breitet sich nun auch in Deutschland immer weiter aus. Die Menschen sorgen sich. Das ist auch in Kassel spürbar. Ein Blick auf die Stadt.
In Zeiten der Corona-Lockerungen äußert sich Bodwin Bandelow zu der neuen Angst, die aufkeimen könnte.
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