Coronavirus-Folgen

Coronavirus in Niedersachsen: Medizinstudenten als Hilfspfleger? Minister ernten Kritik für Vorschläge

Klarer Hinweis: „Betreten Sie bitte nicht das Gebäude“ bei Verdacht auf Coronavirus steht am Eingang der Universitätsmedizin Göttingen (UMG). Im Untergeschoss des Klinikum-Hauptgebäudes hat die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen ein Corona Testzentrum für Stadt und Landkreis Göttingen eingerichtet. 
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Klarer Hinweis: „Betreten Sie bitte nicht das Gebäude“ bei Verdacht auf Coronavirus steht am Eingang der Universitätsmedizin Göttingen (UMG). Im Untergeschoss des Klinikum-Hauptgebäudes hat die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen ein Corona Testzentrum für Stadt und Landkreis Göttingen eingerichtet. 

Minister machen Vorschläge, Praktiker finden nicht alles gut: Die Coronavirus-Folgen und der Umgang damit werden diskutiert.

  • Das Coronavirus breitet sich in Niedersachsen aus.
  • Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU) schlägt vor, Medizinstudenten als Pflegehilfskräfte einzusetzen.
  • Das stößt auf Kritik.

Hannover/Göttingen/Northeim – Dieser Montag wird für sehr viele Niedersachsen ein Montag, wie sie ihn noch nicht erlebt haben – mit drastischen Einschränkungen im öffentlichen Leben durch das Coronavirus: Von Montag an bleiben Schulen und Kindertagesstätten zunächst für zwei Wochen geschlossen, danach beginnen nahtlos die Osterferien. 

„Wir hatten eine solche Situation noch nicht“, sagt Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), der dennoch zur Besonnenheit aufruft – und zum vorsichtigen Verhalten. „Es geht uns darum, schutzbedürftige Teile unsere Bevölkerung wirkungsvoll zu schützen, auf den Punkt gebracht darum, Leben zu retten.“

Coronavirus in Niedersachsen: Seniorenheime schützen sich

Als besonders schutzbedürftig gelten während der Coronakrise ältere Menschen – und natürlich die zur gesundheitlichen Versorgung zuständigen Kräfte. Für Altenheime und Krankenhäuser gibt das Sozialministerium deshalb die Empfehlung, auf Besuche möglichst zu verzichten. Viele Betreiber haben aber vor dieser Empfehlung längst reagiert und den Besucherverkehr gestoppt. 

Auch Zulieferer dürfen teilweise Betriebe nicht mehr so ohne Weiteres anfahren oder betreten, wie Geschäftsführer Karsten Stiemerling von Stiemerling-Seniorenresidenzen mit fünf Standorten, vier davon in Niedersachsen, berichtet.

Coronavirus in Niedersachsen: Stiemerling: Arbeitsmarkt ist leergefegt

In Krankenhäusern und Altenheimen greifen wegen der Ausbreitung des Coronavirus die Notfallpläne, wie Claudia Schröder aus dem Krisenstab des Landes berichtet – das gilt für den Einsatz von Personal, die Organisation der Schichten sowie Urlaubssperren und Reiseverbote für Beschäftigte in bestimmte Gebiete.

Vorschläge macht auch die niedersächsische Gesundheitsministern Carola Reimann (SPD): Altenheime sollten auch auf Leiharbeitskräfte und geringer Qualifizierte zurückgreifen können. Das sei in den Notfallplänen geregelt, die es auch für andere Problemlagen in solchen Einrichtungen gibt.

Coronavirus in Niedersachsen: Minister-Vorschläge

Aber: Dieser von Reimann gewünschte Einsatz von geringer Qualifizierten und Leiharbeitskräften ist nicht einfach zu bewerkstelligen, wie der Blick in die Praxis zeigt: „Der Arbeitsmarkt ist leer gefegt, und Leiharbeitskräfte sind nur begrenzt verfügbar, berichtet Karsten Stiemerling. Auch sei die Quote der Fachkräfte, die eine Einrichtung vorhalten muss, bislang nicht heruntergesetzt worden. 

Als positiv aber bewertet Stiemerling, dass der Pflege-TÜV seine Kontrolltätigkeit zunächst bis Ende Mai ausgesetzt hat. „Das hilft uns, da bei uns bestimmte Kräfte damit betraut sind.“ Genau das bezweckt der für die Pflege zuständige Kassen-Spitzenverband, der betont, dass alle Kräfte für die Versorgung der besonders pflegebedürftigen Menschen benötigt werden. Ziel sei es, in den Pflegeeinrichtungen freie Kapazitäten zu schaffen.

Normalerweise überprüft der Medizinische Dienst der Krankenkassen regelmäßig vor Ort, wie die Heimbewohner versorgt werden. Aus diesen Infos und Daten, die die Pflegeheime selbst liefern, werden Prüfberichte erstellt, die schrittweise die oft kritisierten Pflegenoten ersetzen. Das neue Kontrollsystem war Ende 2019 eingeführt worden.

Coronavirus in Niedersachsen: Studenten als Pfleger?

Neu ist auch: Medizinstudenten in Göttingen, Hannover und Oldenburg wird das Angebot gemacht, als Pflegehilfskräfte zu arbeiten, wie auch der Sprecher der Göttinger Universitätsmedizin Stefan Weller berichtet. Dabei handelt es sich um 6000 bis 6500 Studentinnen und Studenten im Land. 

Der am Freitag unterbreitete Vorschlag von Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU), angesichts der Corona-Pandemie in Niedersachsen Studierende der Medizin als Pflegehilfskräfte oder Pflegekräfte einzusetzen, wird von der Pflegekammer Niedersachsen kritisiert. „Pflege ist ein hoch verantwortungsvoller Beruf, Pflege kann nicht jeder, auch nicht in Krisensituationen“, sagte die stellvertretende Kammerpräsidentin Nora Wehrstedt. 

Es sei aktuell sicher notwendig Hilfspersonal einzusetzen, um die professionell Pflegenden bei pflegefernen Tätigkeiten zu entlasten, es dürfe aber nicht der Eindruck entstehen, dass Medizinstudierende oder Hilfskräfte – ohne pflegerische Ausbildung – sofort komplexe Pflegeaufgaben übernehmen könnten.“

Coronavirus in Niedersachsen: Tonne gegen Online-Unterricht

Auf Kritik von engagierten Lehrern stößt auch die Haltung von Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD), dass nicht an eine Versorgung der Schüler durch Aufgaben und Online-Unterricht während der Coronakrise gedacht wird. In sozialen Netzwerken wird von einer Verhinderung des möglichen digitalen Lernens gesprochen.

Zurück zum Ministerpräsidenten: Stephan Weil ruft – unwidersprochen – zur Nachbarschaftshilfe auf: „Meine herzliche Bitte an alle Nachbarn: Schauen sie, wer in ihrer Umgebung genau jetzt Unterstützung gebrauchen kann.“

Thomas Kopietz mit epd/dpa

Auch in Hessen gibt es erhebliche Einschränkungen durch das Coronavirus. Schulen und weitere öffentliche Einrichtungen bleiben geschlossen.

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