Cowboy-Posen mit Luzifer

Deutsches Theater zeigt das Musical „The Black Rider“ mit Musik von Tom Waits

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Nur mit Flinte ein ganzer Mensch: Gerd Zinck (von links), Emre Aksizoglu, Benjamin Krüger, Moritz Schulze, Vanessa Czapla, Anton von Lucke, Nancy Pönitz und Andrea Strube sind das Ensemble von „The Black Rider“.

Göttingen. Beate Baron inszeniert am Deutschen Theater in Göttingen das Musical „The Black Rider“ von William S. Burroughs, Robert Wilson und Tom Waits als Parabel auf das amerikanische Selbstbild zwischen Wildwest-Pioniergeist und Waffenwahn.

Der Teufel trägt Paillettenkleid. Darauf: das Motiv der US-Flagge. Auf dem Kopf: die Zackenkrone der Freiheitsstatue. Und er bezirzt mit großer Verführungskraft den milchbubihaften William (Moritz Schulze), seine luziferischen Wunderkugeln zu benutzen. Nur dann kann Williams Flinte ins Ziel treffen, kann er Försters Käthchen (Vanessa Czapla) erobern. Wie ein Dealer auf dem Schulhof schafft sich der geheimnisvolle Stelzfuß (Emre Aksizoglu) seine Nachfrage für den Stoff selbst. Das verzweifelte Ende: ein Amoklauf. Leichen pflastern Williams Weg.

Beate Baron inszeniert am Deutschen Theater in Göttingen das Musical „The Black Rider“ von William S. Burroughs, Robert Wilson und Tom Waits als Parabel auf das amerikanische Selbstbild zwischen Wildwest-Pioniergeist und Waffenwahn. Diese Prämisse löst sich grundsätzlich gut ein. Sie siedelt das Stück nach Motiven der ur-deutschen „Freischütz“-Legende zwischen Cowboy-Posen und dem amerikanischen Jahrhundertwende-Varieté Vaudeville an. So fungiert Gerd Zinck als Jahrmarktsausrufer, der schon vor Beginn im Parkett die Besucher sensationsgierig aufstachelt und später am Rande des Geschehens an einer Bar sitzt und sich Drinks genehmigt.

Zinck ist es auch, der seine Gesangsnummern wunderbar in diesem verkaterten, ziemlich versponnenen Tom-Waits-Stil mit Reibeisenstimme darbietet. Diese Lässigkeit, dieser Schmiss fehlt bei einigen anderen Nummern - selbst bei der ikonischen Ballade „November“, die Benjamin Krüger toll, aber eben auch etwas brav performt.

Das ist insgesamt das Problem der Inszenierung. Sie nimmt sich selbst arg ernst, will ein Fleißsternchen im Fach Ironie erringen, präsentiert sogar die witzigen Szenen zu streberhaft, lässt Leichtigkeit und vielleicht eine gewisse Trashigkeit vermissen. Dabei hilft das Sammelsurium an Regie-Gags wie eine endlose Zeitlupenszene oder diverse Flinten-Choreografien wenig.

Die vielseitige Bühne von von Silke Bauer kann mal spießige Waldhütte und mal Lichtung sein. Darauf spielen außerdem Andrea Strube, Ronny Thalmeyer, Anton von Lucke und Nancy Pönitz.

Die sechs Musiker um Leiter Michael Frei modulieren im Orchestergraben souverän die verschiedenen Musikwelten zwischen Jazz, Polka und Saloon, zu den Song-Höhepunkten gehören Vanessa Czaplas großartig-schlafwandlerisches „I’ll Shoot The Moon“ und eigentlich sämtliche Gesangsnummern von Emre Aksizoglu, der am Ende den meisten Applaus des Publikums im ausverkauften Haus bekommt.

Er schöpft für seine Teufelsfigur mit Wonne aus dem Vollen, verkörpert mal das glitzernde Revuegirl, mal die klassische Westernfigur des namenlosen Fremden im langen schwarzen Mantel (Kostüme: Marie Gerstenberger), ist mal ein Voodoo-Priester mit Maske und Falsettgesang und schafft es dann wieder, binnen Sekunden zwischen dem pompösen Glamour eines Freddy Mercury und der Zappeligkeit einer Figur aus der Muppetsshow („Mannamanna badibidibi“) zu wechseln.

Wieder am 3., 8., 10. April, Kartentelefon: 0551-496934.

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