Bilanz für 2021

Das Auf und Ab im Pandemie-Jahr in Niedersachsen

Ein Bild des Jahres: Eine Lehrerin sitzt mit ihren drei Kindern im Wohnzimmer, hilft diesen bei Hausaufgaben und lehrt sogleich im Distanzunterricht.
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Ein Bild des Jahres: Eine Lehrerin sitzt mit ihren drei Kindern im Wohnzimmer, hilft diesen bei Hausaufgaben und lehrt sogleich im Distanzunterricht. (Symbolbild)

Göttingen – Jahresende – Zeit für eine Bilanz. Was lief rund in Niedersachsen, was nicht?

Zum Jahreswechsel hier eine nicht repräsentative, subjektive Bewertung.

Corona-Politik

Der Umgang mit der Pandemie war 2021 in Niedersachsen von einem Auf und Ab gekennzeichnet: Da waren die zunächst chaotischen Zustände beim Anmelden für die Corona-Impfungen. Alles zentral, alles am Boden: Das ist das Fazit der ersten Wochen über die Telefon-Hotline und Internetportal des Landes. Hängen blieb auch der Ärger über einen Riesen-Verwaltungsaufwand, Probleme beim Übertragen von Daten und der Nachverfolgung, mangelhafte Software, Personalmangel in Gesundheitsämtern. Der Lernprozess in Hannover dauerte oft zu lange. Immerhin: Unter Gesundheitsministerin Daniela Behrens wurde es langsam besser. Auch bei der Impfquote, bei der Niedersachsen lange hinten lag – das hat sich geändert. Ein großer Fehler war der Abbau der Impfzentren.

Impfjahr: Stephan Weil wird im April auf der Messe in Hannover geimpft. Die Kampagne lief in Niedersachsen aber sehr zäh an.

Durchwachsen ist auch die Bilanz von Regierungschef Stephan Weil: Mal zu zögerlich beim Umsetzen von restriktiven Maßnahmen, dann wieder streng – also immerhin lernfähig. In der öffentlichen Wahrnehmung der Länderchefs sammelte Weil Pluspunkte, stand oft – auch in den Medien – Rede und Antwort. Positiv: Niedersachsen lag bei den Inzidenzwerten oft nicht vorne – im Gegensatz zu Bayern mit „Anpacker“ Markus Söder.

Wissenschaftlerinnen

Forscherinnen aus Niedersachsen brachten sich in der Liste der besten Corona-Erklärer und Bewerter von Entwicklungen ganz nach oben: Melanie Brinkmann (47) von der TU Braunschweig schilderte, argumentierte und mahnte in beeindruckender Art und Weise. Viola Priesemann (39) vom Göttinger MPI für Dynamik und Selbstorganisation modellierte mit ihrem Team früh und fortlaufend die Pandemie-Entwicklung – auch im internationalen Kontext. Beide engagierten sich auch in Forscher-Foren, die auch massiv öffentlich Missstände anprangerten. Beide wurden in sozialen Netzwerken übel beleidigt. Schlimm. Brinkmann, Priesemann sowie die Immunologin Christine Falk aus Hannover sitzen im wissenschaftlichen Expertenrat der Bundesregierung. Auch dabei: Ex-Uni-Klinik-Göttingen-Vorstand und jetziger Charité-Chef Heyo Kroemer.

Wahlen

Desaster für die CDU in Niedersachsen, die auch Direktmandate einbüßte. Im Sog des bundesweiten Abwärtstrends verlor die CDU viel an Boden. Die Landtagswahl im Oktober 2022 kommt scheinbar zur Unzeit, zumal die SPD Selbstvertrauen tankte. MP Weil jedenfalls wirbt schon für eine Ampel-Koalition in Niedersachsen. Hört, hört.

Die Wahlen brachten auch viele Veränderungen an der Spitze der Kommunen, bei Landräten und Oberbürgermeistern. Bei Letzteren muss nun öfter ein „-In“ angehängt werden. So siegte in Göttingen im finalen Frauen-Duell (Petra Broistedt gegen Doreen Fragel, Grüne) um den Stuhl des in Pension gehenden Rolf-Georg Köhler (SPD) die Sozialdemokratin Broistedt. Sie ist die erste Frau in der Geschichte Göttingens als Stadtoberhaupt. Umbruch in Lüneburg: Nach 30 Jahren SPD-Führung gewann dort die Grüne Claudia Kalisch.

Im Süden ging ein Mann, der als Erster in Niedersachsen zwei Kreise (Göttingen/Osterode) zusammengeführt und so Geschichte geschrieben hat: Bernhard Reuter (SPD), der früh einen jungen Nachfolger aufbaute. So gewann Marcel Riethig (SPD).

Schulen

In der Kritik stand oft das Kultusministerium: Überfallartige Veränderungen von Vorschriften zur Beschulung sorgten für Missstimmung an der Basis, bei Schulleitungen, Lehrern, Schülern, aber auch bei Eltern. Minister Grant Hendrik Tonne (SPD) ist mittlerweile zielstrebiger geworden, kummuniziert eher und klarer. Der Spagat zwischen Schutz vor Infektion und der wichtigen Öffnung von Schulen und Kitas aber ist keine Übung, für die es öffentlich Bestnoten geben kann.

Home-Schooling

In der Pandemie und im Zwang zum Home-Schooling sind viele Schulen und Lehrer kreativ geworden, weil sie ihre Schüler erreichen müssen. Das ist schwierig, denn dabei gehen die ohnehin Schwächeren und Benachteiligten noch eher verloren. Da helfen von Lehrenden gestaltete Online-Lehrangebote und Blogs. In Göttingen war früh auch Lehrer Hauke Pölert vom Theodor-Heuss-Gymnasium im Netz unterwegs. Kai Schmidt (Grafschaft Bentheim) machte sich als Mathe-Erklärer „Lehrer Schmid“ einen Namen. Sein YouTube-Kanal hat 1,2 Millionen Abonnenten. Und: Auf die Idee mit den Videos zum Mathe-Basiswissen brachte Schmid eine Abschlussklasse.

Volkswagen

Ein unruhiges Jahr für VW – dieses Fazit wäre eine Untertreibung. Interne Querelen und die Dissonanzen zwischen Aufsichtsräten und Vorstand wurden öffentlich. Im Fokus dabei: Vorstandschef Herbert Diess, der massiv vom Betriebsrat angegangen wurde, weil er im Aufsichtsrat über eventuelle, massive Stellenkürzungen gesprochen hatte. Nun ist klar: Der 63-Jährige darf bleiben, sein Aufgabenfeld aber wird beschnitten. Diess verliert Kompetenzen – und das mögen Männer wie er gar nicht. Er verspricht nun, auch in Richtung Anteilseigner Land: „Wir stimmen uns in der Kommunikation mehr ab in Zukunft.“ Na denn.

Pleitebank

Die Aufklärung der Insolvenz der Greensill-Bank läuft. Klar ist: Auch drei niedersächsische Städte haben vermutlich Millionen in den Sand gesetzt, weil sie den Renditeversprechen der Bank erlagen: Osnabrück mit einer Anlage von 14 Mio. Euro, Nordenham (13,5 Mio.) und Garbsen (8,5 Mio.). Die Finanzaufsicht Bafin hatte die Bremer Tochter des Finanzkonglomerats Greensill wegen drohender Überschuldung geschlossen und den Antrag auf Insolvenzverfahren eröffnet. „Ich gehe davon aus, dass da nicht mehr viel zurückkommt“, sagt Bernhard Zentgraf, Bund der Steuerzahler. Bitter.

. DAX-AUFSTEIGER

Südniedersachsen hat neue Leuchttürme: Zwei Unternehmen schafften den Sprung in den DAX. Die Aktien Sartorius AG aus Göttingen und der Symrise AG aus Holzminden sind Aufsteiger. Sartorius legte zudem sensationelle Quartalszahlen vor. Die Göttinger Sartorianer sind als Ausstatter von Forschern, Entwicklern und Produzenten für Corona-Impfstoffe und -Medikamente beinahe überall unentbehrlich. (Thomas Kopietz, mit dpa)

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