Interview mit André Fischer

Demenz erkennen: Forscher entwickeln bahnbrechenden Schnelltest

Schnelltest wie bei Corona: Forscher arbeiten an einem Test, der das Demenzrisiko bestimmen soll.
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Schnelltest wie bei Corona: Forscher arbeiten an einem Test, der das Demenzrisiko bestimmen soll.

Demenz wird oft zu spät erkannt. Forscher aus Göttingen entwickeln einen Schnelltest, der das ändern könnte.

Göttingen - Ist das noch normale Vergesslichkeit? Oder ist es schon ein klares Zeichen für Alzheimer-Demenz? Betroffene, Angehörige und Mediziner stehen oft ratlos vor dieser Frage, die nur aufwändige MRT-Untersuchungen beantworten können – mit dem Blick in kleinste Strukturen im Gehirn und auf Schädigungen, wie die gefürchteten Plaques.

Das sind Ablagerungen, die Gehirnzellen sterben lassen. Ein Forschungsprojekt ist dabei, die Demenz noch vor dem wahrnehmbaren Ausbruch erkennbar zu machen: über einen einfachen und schnellen Test – vergleichbar mit dem Corona-Antigen-Test oder Schwangerschaftsfrüherkennungstest. Göttinger Forscher um Professor André Fischer (Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen und Uni-Medizin) sind dabei federführend. Wir sprachen mit ihm – auch über mögliche bahnbrechende Therapien, an denen in Göttingen gearbeitet wird.

Gedächtnistraining mit Memory-Spiel: Es gibt über 50 Demenz-Krankheiten. Noch sind diese nicht heilbar.
Ein Schnelltest, um furchtbare Demenzerkrankungen weit im Voraus zu erkennen, das klingt nach Science-Fiction, oder?
Ist es aber nicht. Wir hatten das klare Ziel, Marker im Blut zu finden, die Alzheimer Demenz früh anzeigen. Die Früherkennung ist bisher das größte Problem. Wir und andere forschen ja auch an Alzheimer-Therapien, die bisher immer gescheitert sind, auch, weil die Schädigungen im Gehirn zu weit fortgeschritten waren. Wenn Alzheimer diagnostiziert wird, dann, weil jemand von seinen Verwandten zum Arzt gebracht wird. Die Person selber sieht das gar nicht so – will gar nicht zum Arzt. So bekommen wir Mediziner und Forscher die Patienten zu spät, um früh etwas tun zu können. Eine Ursachenbekämpfung ist nicht möglich.
Verschiebt sich also die Diagnose zu weit in den Verlauf der Krankheit hinein?
Genau. Es ist sogar so, dass bei der tatsächlichen Diagnose der Prozess der Krankheit weitgehend abgeschlossen ist: Das Gehirn ist voller Plaques, stärkeähnlichen amyloiden Ablagerungen. Die Nervenzellen sind teilweise schon untergegangen, nicht mehr regenerierbar. Wir wissen aber, dass die lösliche Form der Ablagerungen das Problem sind, die schon sehr früh gebildet werden, zehn Jahre, bevor die Person bemerkt, dass etwas kognitiv nicht mehr funktioniert.
Gibt es kein Mittel gegen die Ablagerungen?
Lange nicht, jetzt aber gibt es in den USA den ersten, als Medikament „Aduhelm“ zugelassenen Antikörper Aducanumab. Dass er gegen das Plaque wirkt, wurde in Studien bei Menschen erfolgreich nachgewiesen. Aber erst nach extrem aufwändigen Untersuchungen mit MRT oder Nervenwasser und bis klar war: Die Person hat Demenz im frühen Stadium. Die Antikörper funktionieren aber nicht, wenn die Krankheit weit fortgeschritten ist.
Sie entwickeln also einen Test, um Prognosen früh und einfach zu stellen?
Richtig. Wir haben uns anfangs überlegt, dass es schön wäre, wenn wir etwas finden würden, das im Blut zu erkennen ist. Aber: Es soll keine Diagnose sein, sondern ein Screening, das letztlich auf einer Skala anzeigt, wie hoch das Risiko ist, an Demenz zu erkranken.
Was passiert dann mit den Risiko-Dementen?
Wenn man das bei jedem ab 60 macht, hätte man die Menschen mit größerem Risiko herausgefiltert. Sie wiederum kann man tatsächlich ins MRT legen oder auch Nervenwasser abnehmen, um die genaue Diagnose zu stellen.
Wie viele kämen nach diesen Tests in Frage?
Ich denke aufgrund der Statistiken und zunehmenden Alterung der Gesellschaft etwa 10 Prozent.
Was verrät die sozusagen noch schlafende Demenzerkrankung so früh?
Es sind die MicroRNAs. Sie sind im Blut nachweisbar – das Gehirn kommuniziert ja mit dem Körper auch über das Blut. Sie sind zudem sehr stabil, auch außerhalb der Zelle. Man benötigt kein spezielles Labor. Vereinfacht gesagt, haben wir die Micro-RNA-Marker gesucht, die geistige Fähigkeiten – die Kognition – beeinflussen. Aus mehr als 2000 MicroRNA hatten wir zunächst zu viele ausgewählt. Bei Experimenten mit gesunden Tieren und Menschen haben wir schließlich drei aussagekräftige MicroRNAs herausgefiltert. Sie müssen beim Test auf einer Skala anzeigen, wenn die Demenz beginnt hochzugehen.
Welche Prognose ermöglichen die MicroRNAs?
Dass eine Erkrankung in den nächsten 20 Jahren auftreten könnte. Bisher gab es eine Frühstadium-Diagnose, die Aussagen möglich machte, dass 15 Prozent einer Demenz-Vorstufe in den nächsten zwei Jahren Alzheimer entwickeln, mit Symptomen.
Man hätte also viel mehr Zeit, den Entstehungsprozess zu attackieren ...
Genau. Man könnte dann das bereits in den USA zugelassene Antikörper-Medikament geben, um die Ablagerungen und deren Bildung zu bekämpfen. Der zweite Weg, wäre, eine RNA-basierte Therapie. Das Zielobjekt unserer Therapie wären die drei MicroRNA, die auch die Arbeit der Synapsen im Gehirn beeinflussen, ebenso deren Zustand und generell Entzündungen, also auch den Stoffwechsel. Die Funktion der MicroRNA-Marker, die ja schon früh die Krankheit anzeigen, zu verändern, hieße, Einfluss auf Alzheimer zu nehmen. Das hat im Tierexperiment schon funktioniert.
Das wäre ein Traum – wie weit ist es damit?
Wir arbeiten in Göttingen an RNA-basierten Therapien. Wie auch durch das Corona-Virus bekannt, geht das recht zügig. Wir kooperieren mit Pharma-Herstellen, um RNA-Therapien zu entwickeln.
Wie weit ist der Test?
Mit der Göttinger Firma Fassisi, spezialisiert auf Schnelltestsysteme in der Veterinärmedizin, entwickeln wir den Test noch. Der könnte über Nasensekret oder einen Blutstropfen laufen. Beides könnte jeder zu Hause machen.
Welche Hoffnung besteht für uns Menschen?
Ein Tropfen Blut könnte also später alle sechs Monate im Selbsttest optisch anzeigen, ob ein Demenzrisiko besteht. Wenn ja, geht es zur Abklärung in die Gedächtnis-Ambulanz. Dann würde die genaue Diagnostik mit MRT ablaufen. Wir hätten die Demenzkranken in einem frühen Stadium identifiziert, und sie könnten mit neuen Medikamenten behandelt werden. Über den Frühtest, genaue Folgetests und eine einmalige Gabe des Antikörpers könnte es also bewirken, dass die Patienten dann wieder zehn Jahre Zeit haben. Sie müssten also gar nicht dauernd Medikamente nehmen. (Thomas Kopietz)

Hintergrund: Alzheimer, Demenz und Training

Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Demenzform. Unter Demenz werden mehr als 50 Krankheiten zusammengefasst. Durch das Absterben von Nervenzellen im Gehirn werden Menschen vergesslich und verwirrt, Urteilsvermögen und die Sprachfähigkeit lassen nach. Behandlungen zielen auf eine Verzögerung ab. Für Mediziner und Forscher wie André Fischer geht es auch darum, den Anfang der Krankheit, die Ursache zu finden. Wichtig sei zudem, so Fischer, die Leistung des Gehirns so lange wie möglich über Ernährung, Sport und Gedächtnistraining hochzuhalten. Das sei effektiv. (tko)

Prof. Dr. André Fischer

Zur Person: Prof. Dr. André Fischer

Prof. Dr. André Fischer (47), geboren in Flensburg, studierte Neurowissenschaft an der Uni Göttingen, promovierte dort 2002 (beste Doktorarbeit), später Postdoc in Boston, Harvard Medical School und Massachusetts Institute of Technology. Seit 2015 Direktor und Standortsprecher am Deutschen Zentrum Neurodegenerative Erkrankungen (DNZE) und Professor für Psychiatrie und Psychotherapie Uni-Medizin Göttingen. (tko)

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