Schüler-Austausch des Theodor-Heuss-Gymnasiums

Das denken Schüler aus Göttingen und Toulouse über die Europäische Union

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Europaschule Theodor-Heuss-Gymnasium (THG): Französische Austauschschüler und THG-Schüler werben für die Europawahl. 

Seit 21 Jahren trägt das Theodor-Heuss-Gymnasium den Titel Europa-Schule. Aktuell sind Schüler aus Frankreich zu Gast. Was sie und ihre Gastgeber vor der Wahl über Europa und die EU denken. 

Europa spielt am Göttinger Theodor-Heuss-Gymnasium im Unterricht, im Schulalltag und im Privaten eine Rolle. Basis dafür ist auch ein reges, internationales Austauschprogramm. Aktuell sind Schüler aus Frankreich zu Gast, vom Collège Victor Hugo in Colomiers bei Toulouse. Was sie und ihre Gastgeber vor der Wahl über Europa und die EU denken.

Grenzenlos

Für Omisha aus der Jahrgangsstufe 11 des THG, die schon einen viermonatigen Austausch nach Frankreich hinter sich hat, bedeutet die EU vor allem „die Freiheit, grenzenlos in Europa Reisen und auch Austausche wie jetzt erleben zu können.“ Das gelte es zu erhalten. 

Schließlich gehe es auch darum, „andere Kulturen kennenzulernen, Freundschaften zu schließen, Erfahrungen zu sammeln“. So denken und fühlen einige der Schülerinnen und Schüler, für die das grenzenlose Europa ganz normal ist, auch, weil sie es gar nicht anders kennen.

Auch die D-Mark kennen die Schüler nicht mehr. Zsofia, deren Familie aus Ungarn stammt, weiß, wie umständlich das Umtauschen von Geld sein kann, sie schätzt das Zahlen mit der gemeinsamen Währung Euro – und das Reisen ohne Visa außerordentlich. Und Zsofia, freut sich, dass „unsere Familie hier in Deutschland einfach so leben und arbeiten kann“,

Geflüchtete

Vor den Problemen aber verschließen sich die Schüler nicht: Als einen Knackpunkt im Binnenverhältnis der EU sieht die Achtklässlerin Charlotte die Flüchtlingsfrage. „Manche Ländern haben einfach viel zu viele Flüchtlinge, wie Italien und Griechenland, wo die Menschen ankommen.“ 

Diese Länder hätten aber nicht genug Geld. Ihnen müsse man mehr helfen – innerhalb der EU, fordert Charlotte. Diese Regelung per Gesetz hält auch Katharina für sehr ungerecht. Der Schritt in den Schüleraustausch, die Reise mit der Klasse in das Nachbarland ist für die Deutschen und Franzosen etwas besonderes: Elliott war schon mit Erasmus in Italien und nun im Rahmen des Voltaire-Programs in Deutschland. „Es ist einerseits so, frei reisen zu können, was sehr schön ist, aber man müsse sich auch anderen Herausforderungen stellen, einer Instabilität und der Terrorgefahr.

Europa-Wahl

Die meisten Schüler finden wählen wichtig. Aber man sollte nicht einfach nur etwas ankreuzen, sondern sich informieren, meint Zsofia. Die Aufforderung, geh wählen! reiche nicht aus. Die Europawahl hält Klara sogar für wichtiger als Wahlen in den Ländern, weil es um gemeinschaftliche Politik in Europa gehe, die für viele Länder gelte – wie die Klimapolitik.

Die Schüler aber üben auch Kritik: So an den Ländern, die stets zuerst das Geld von der EU annehmen würden, ohne sich selbst um die eigene Wirtschaft zu kümmern, wie Marie sagt. Ein Schüler sagt, „dass Länder, die jetzt austreten wollen – wie Großbritannien– vergessen, welche Vorteile sie von der EU haben.“ 

Selbst wirtschaftsstarke Staaten wie Großbritannien und Deutschland bekämen ja trotz ihrer hohen Zahlungen an die EU sehr viel und mehr zurück – wie über die Exporte, resultierend aus sicheren Handelsbeziehungen.

Gemeinschaftsprojekt

Europa sei vor allem „ein Gemeinschaftsprojekt, in dem man sich selbst hilft und unterstützt“. Das ermögliche auch schwächeren Ländern bessere Chancen. Die Solidarität sei wichtig und effektiv, stärke alle Länder, betont Marie, die rät: „Man sollte nicht immer zunächst auf sein eigenes Land schauen und für sich kämpfen.“

Am Ende sagt Elftklässlerin Mandana etwas, das haften bleibt: Sie fühle sich sicher in Europa. „Weil hier alle zusammenarbeiten.“ Ein enormer Wert, wie die Freiheit. Die schätzt Lehrerin Jaqueline Ahrend besonders: „Ich habe 25 Jahre hinter einer Mauer in der DDR gelebt.

 Dass ich in Freiheit in Europa leben und reisen kann, wann und wohin ich will, macht mich immer wieder so glücklich, dass ich manchmal weinen könnte.“

Tipps an EU-Politiker

Für den Franzosen Elliott jedenfalls „ist es nicht zu tolerieren, dass Länder wie Polen und Ungarn Subventionen bekommen, gleichzeitig aber europäisches Recht oder gar Menschenrechte nicht respektieren“. Für sie sollte die finanzielle Unterstützung wegfallen.

Elliott gibt den Politikern Tipps, worauf es ankommt: Mehr Gemeinsamkeit, mehr Kommunikation, die Klärung der Flüchtlingsfrage, mehr Sicherheit im Internet und das Verhindern von stärkeren nationalistischen Strömungen.

Einige stört auch, dass vieles schlicht zu lange dauert, bis etwas passiert - so im Klimaschutz. Katherina und andere fordern die EU-Politiker und -Kandidaten auf, die Flüchtlinge gerecht zu verteilen, denn Italien, Griechenland und Spanien seien ja überfordert. 

Ihnen müsse geholfen werden. „Die meisten Flüchtlinge wollen ohnehin weiter nach Norden“, sagt die gut informierte Katherina, Achtklässlerin am THG.

"Die ticken ja ganz anders" 

Schüleraustausch: Wer hat das nicht erlebt? Zum ersten Mal alleine im Ausland, ohne Eltern! Doch ein Schüleraustausch in Europa ist mehr als dieses durchaus prägende Erlebnis. Es ist auch der Einblick in das Leben der Anderen, deren Werte, deren Kultur – und deren Schulen. 

„Die Austausche sollen nicht nur eine Reise sein, sie sind mehr, vor allem das Knüpfen von Kontakten und das Bewahren dieser“, sagt THG-Lehrerin Hilke Behrens. Nicht zu vergessen ist für sie, dass die Austausche und die Förderung durch Bund und Land auch auf alte Erbfeindschaften und die Kriegsgegnerschaft, wie mit Polen und Frankreich, zurückzuführen sind. 

„Das muss man den jungen Leuten klar machen“, sagt Behrens. Für sie ist es enorm wichtig, diese Errungenschaft aufrechtzuerhalten. In der Schule würden die Schüler thematisch aber auch über das Fremdsprachelernen darauf vorbereitet: „Das zielt auf die Begegnung ab“, sagt Behrens. 

Und dann lernen die Schüler dabei, was sie im Unterricht nicht lernen: „Die ticken ja ganz anders als wir“, sagte eine französische Schülerin. Im Göttinger Gymnasium sei die Atmosphäre entspannter, lockerer und ab 13 Uhr ist meist Schluss – ganz anders als zu Hause. 

Und obwohl die Lehrer zuhören, erwähnt sie einen besseren, direkteren Austausch mit den Lehrern als daheim im College. Die Schülerinnen und Schüler aber spüren auch, dass Austausch und -partner mal toll funktionieren und manchmal eben auch nicht.

Gelegentlich aber bleiben die Kontakte und Freundschaften fürs Leben. Die Schüler jedenfalls sagen, dass sie durch den Schüleraustausch in Toulouse und Göttingen auch ein besseres Verständnis für die Partnerschüler, die Menschen und für die Eigenheiten des Landes entwickeln. Nicht ganz unwichtig in Europa.

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