Umstrittenes Denkmal Sekunden nach Enthüllung beschmiert

Sekunden nach der Enthüllung: Annette Ramaswamy schrieb „Göttingen welcomes refugees“ auf das Denkmal „Dem Landesvater seine Göttinger Sieben.“ Rechts Piraten-Ratsherr Meinhart Ramaswamy, links die Künstlerin Christiane Möbus. Foto: Papenheim

Göttingen. Eines der umstrittensten Denkmäler des Landes ziert seit Donnerstagmittag den Göttinger Bahnhofsvorplatz: Ein leerer Granitsockel mit der Aufschrift „Dem Landesvater seine Göttinger Sieben.“

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Die Göttinger Sieben sind jetzt acht

Der Sockel blieb nicht lange leer. Sekunden nach der Enthüllung durch die Künstlerin Christiane Möbus (68) stand schon der erste Schriftzug auf dem Denkmal: „Göttingen welcomes refugees“ schrieb Annette Ramaswamy auf den Sockel, während ihr Ehemann Meinhart, Stadtratsherr der Piraten, sich lautstark für die große Graffiti-Fläche bedankte. Die Künstlerin nahm es gelassen hin und gönnte sich mit Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler und Hans Eveslage von der Stiftung Niedersachsen ein Gläschen Sekt zur Feier des Tages. Ihr kurzer Kommentar zu ihrem Werk mit ihrem Namen: „Wunderbar!“

Auch vor der Enthüllung hatten einige unter den 150 Schaulustigen ihrem Unmut mit Trillerpfeifen und Zwischenrufen wie „Plagiat“ oder „Klotz“ Luft gemacht.

Köhler begrüßte ausdrücklich, dass über Kunst im öffentlichen Raum diskutiert wird. „Denk mal nach“ fordere das Denkmal. Es könne zur Kultstätte, aber auch zum dauerhaften Stein des Anstoßes werden. Staatlichen Repräsentanten gebühre kein Denkmal: „Wenn wir wen ehren wollen, dann die, die für die Verfassung kämpfen.“

Finanziert wurde das 450.000 Euro teure Denkmal von zehn nicht genannten Stiftern aus der Region Göttingen. Offiziell ist es eine Schenkung der Stiftung Niedersachsen. Deren Präsident Hans Eveslage erinnerte an den mutigen Protest der sieben Göttinger Professoren gegen die Aufhebung der Landesverfassung durch König Ernst-August von Hannover 1837.

Dessen Reiterstandbild vor dem Hauptbahnhof Hannover wird durch das Möbus-Denkmal in Göttingen sinnbildlich vom Sockel gestoßen, wie der Kunsthistoriker Prof. Dr. Ulrich Krempel in seiner launigen Laudatio feststellte. Ausgerechnet dem König, der 1837 den Staatsstreich von oben angeführt habe, sei das „Ding“ in Hannover gewidmet, auf dem sein Ross ankommende Bahn-Reisende mit seinem Hinterteil empfängt.

In Deutschland setze man lieber Herrschenden Denkmale, bedauerte Krempel. Es sei gut, dass viele Diktatoren und Potentaten von ihren Sockeln gestürzt worden seien. Der leere Denkmalsockel in Göttingen sei auch eine künstlerische und intellektuelle „Watschen“ für das seiner Meinung nach missglückte barocke Denkmal für die Göttinger Sieben von 1995 in Hannover.

Mit Möbus’ Werk werde jetzt am Ort des Geschehens an die Göttinger Sieben erinnert und damit auch an die Freiheit des Intellekts und an die Notwendigkeit der Zivilcourage.

Das Denkmal in Zahlen 

Das Denkmal „Dem Landesvater seine Göttinger Sieben“ vor dem Göttinger Bahnhof bleibt umstritten. Ein Steckbrief in Zahlen.

Monate dauerte der Bau des Denkmals vor dem Göttinger Bahnhof

7 Göttinger Professoren protestierten am 18. November 1837 gegen die Aufhebung der Landesverfassung durch König Ernst-August von Hannover. Er ließ alle ihrer Ämter entheben. Die Göttinger Sieben waren Friedrich Dahlmann, Eduard Albrecht, Jacob Grimm, Wilhelm Grimm, Georg Gervinus, Heinrich Ewald und Wilhelm Weber. Nach ihnen ist der geisteswissenschaftliche Campus der Universität Göttingen benannt. Dort erinnert eine Skulptur von Günther Grass an die mutigen Professoren.

8 Namen stehen auf dem Denkmal, weil die Künstlerin, Professorin Christiane Möbus, den sieben Professoren ihren eigenen Namen hinzugefügt hat. Die 68-Jährige lebt in Hannover und Berlin.

1993 hatte Christiane Möbus sich mit der Idee des leeren Denkmalsockels am Wettbewerb für das Landesdenkmal „Die Göttinger Sieben“ in Hannover beteiligt. Auf diesem Beitrag basierte ihr Entwurf für das Göttinger Denkmal.

450.000 Euro kostete der Bau des leeren Denkmalsockels, finanziert von zehn ungenannten privaten Stiftern aus der Region.

160 Tonnen wiegt das Denkmal. Der leere Sockel ist vier Meter lang, 2,50 Meter breit und vier Meter hoch.

Denkmal für die Göttinger Sieben beschriftet

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