Corona-Krise: Nichts geht in Restaurants

Der Frühling ist die einzige Hoffnung: Gastronomen in Göttingen steht das Wasser bis zum Hals

Roberto Ventimiglia in seiner Pizzeria in Göttingen.
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Lockdown – dicht: Nichts geht in Restaurants. Viele machen aus der Not eine Tugend, bieten einen Abhol- und Lieferservice an, so wie Roberto Ventimiglia in seiner Pizzeria in Göttingen. Aber auch dort knickt die Nachfrage nun stark ein.

Lockdown: Kneipen und Restaurants sind zu, viele Hotels ebenfalls. Eine der umsatzstärksten Branchen in der deutschen Wirtschaft, köchelt auf kleinster Sparflamme.

Göttingen – Umsätze bringen nur Außerhaus-Verkäufe. Die sind schön und wichtig, aber können kein Ersatz für entgangene Einnahmen in den umsatzstärksten Monaten sein, wie Olaf Feuerstein, Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Göttingen-Duderstadt, sagt. Er und viele um die Existenz kämpfende Gastronomen setzen nun auf das Frühjahr und das Wiederanlaufen der Betriebe.

„Vielen Hoteliers und Gastronomen steht das Wasser bis zum Hals – trotz staatlicher Unterstützung“, beschreibt Feuerstein die Lage. „Das halten wir noch eine Weile aus, aber irgendwann sind alle Reserven aufgebraucht, auch die Zuversicht ist dahin. Das Durchhaltevermögen leidet mit der fortschreitenden Dauer der Krise“, beschreibt Feuerstein, der sein persönliches Empfinden wie folgt ausdrückt und damit vielen in der Branche aus dem Herzen spricht: „Selten habe ich ein Frühjahr so herbeigesehnt wie diesmal.“

Impfungen und ein Abflauen der Infektionswelle – darauf setzten Feuerstein und Kollegen – und auf die darauf folgende Öffnung der Hotels, Restaurants und Gaststätten. „Was wir brauchen, ist ein gesichertes Öffnen – wie auch immer, vielleicht auch mit Einschränkungen. Aber wenn wir merken, es geht stufenweise, kalkulierbar und ohne Rückschritte sowie einem bangen Blick auf den nächsten Lockdown stetig weiter nach vorne, dann kann jeder damit leben.“

Dehoga-Chef in Südniedersachsen: Olaf Feuerstein.

Feuerstein bezeichnet eine solche Entwicklung quasi als die „kraftspendende Vitaminspritze für die Unternehmer, um sich dem Prozess der langsamen Gesundung stellen zu und spüren zu können: „Wir kriegen das hin!“ Ausdauer und Zähigkeit – Eigenschaften die in der mit „Malochern gesegnete Branche“ vorhanden seien – werde es benötigen, denn letztlich wisse niemand, wie lange die Pandemie für Einschränkungen sorgen werde.

Das Frühjahr jedenfalls sei ein kritischer wie wichtiger Gradmesser: „Viele brauchen das Geschäft um Ostern, die Ferien, bricht das weg, könnten einige aufgeben.“ Olaf Feuerstein setzt auch auf die beschriebene Mentalität in der Branche. „Die Hotel- und Gastrobranche ist krisenerprobt. Wir sind Stehaufmännchen. Wenn eine Branche immer wieder Krisen erfolgreich pariert hat, dann ist es die unsrige.“ Gleichwohl sagt er nachdenklich: „Man merkt aber, die Pandemie-Krise schlägt einigen aufs Gemüt und geht an die Kraft. Selbst hart gesottene Positivdenker müssten nun schwer durchatmen. Problem auch: „Diese Krise sei nicht mit anderen zu vergleichen.“

Aus ihr entstünden aber auch neue Ideen. Man wälze alles um, sehe was notwendig und überflüssig ist, trenne sich von Ballast, entwickle Geschäftsmodelle. Ein Nischen-Produkt nennt Feuerstein als Beispiel: „Viele Betriebe, auch wir, setzen stark auf den Lieferservice, bieten heißes Essen.“ Das helfe, zwar weniger als Umsatzbringer, denn viel mehr als Möglichkeit, den Betrieb laufen lassen zu können: „Die Beschäftigen können arbeiten, das ist extrem wichtig für sie und uns.“ Dadurch bliebe auch die Kundenbindung erhalten: „Es entsteht eine festere Bindung, ein engerer Kontakt. Man lernt Kunden anders kennen.“ Manches sei auch rührend: „Bei uns rufen im Fitnessbereich, der geschlossen ist, Kunden an, die dennoch ihren Beitrag zahlen wollen. Auch im Gastrobereich bestellen Kunden regelmäßig. Sie zeigen Solidarität. Das ist schon berührend.“

Die Politik und Förderung in der Krise sieht Olaf Feuerstein mit gemischten Gefühlen: So seien viele Novemberhilfen nicht geflossen, auch eine Verrechnung mit dem umsatzstärksten Monat Dezember oder generell in 2021 mit 2020-Zuschüssen sei falsch. Natürlich sei jeder Zuschuss wichtig, sichere das Überleben von Betrieben. Kernkritik Feuersteins ist: „Die Regularien sind übertrieben, das führt letztlich zu Enttäuschungen und Kritik an sinnvollen Förderprogrammen.“ So verliere man Leute auf der Strecke, die man nicht hätte verlieren müssen, sagt der Verbandschef und Unternehmer. „Aus den handwerklichen Fehlern hätte man die Folgefehler vermeiden müssen – den Eindruck, dass das geschieht, habe ich gerade nicht. Wir brauchen aber dringend eine verlässliche Krisenpolitik.“ (Thomas Kopietz)

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