Göttinger Literaturfest

Der Göttinger Rechtsanwalt Markus Thiele schreibt mitreißende Justiz-Romane

Abseits der Juristensprache unterwegs: Nach „Echo des Schweigens“ stellt Markus Thiele nun seinen Roman „Die Wahrheit der Dinge“ beim Literaturherbst vor.
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Abseits der Juristensprache unterwegs: Nach „Echo des Schweigens“ stellt Markus Thiele nun seinen Roman „Die Wahrheit der Dinge“ beim Literaturherbst vor.

Markus Thiele ist Anwalt, Spezialist für Arbeits- und Baurecht, mit Sitz in Rosdorf. Nebenher schreibt er Romane, die eine Nische in der Literaturlandschaft besetzen.

Göttingen – Basis sind meist spektakuläre Straftaten und -prozesse, ja Justizskandale. Thiele wird am 1. November erneut beim Göttinger Literaturherbst sprechen und lesen – über sein Buch „Die Wahrheit der Dinge“. Wir haben vorab mit ihm gesprochen.

Herr Thiele, ist ihr Beruf Rechtsanwalt so langweilig, dass sie Romane schreiben, die im Justiz-Milieu spielen?
(lacht) Mein Beruf als Anwalt ist alles andere als langweilig. Ich liebe ihn und übe ihn sehr gern aus. Doch wenn sie ein Mensch wie ich sind, der gut erzählte Geschichten mag, kommen sie mit Schriftsätzen der Juristen nicht weit. Die Juristerei hat ihre ganz eigenen Regeln und einen sehr technischen Sprachgebrauch, Das ist alles sehr statisch, für prosaische Fantasie bleibt da kein Raum, und um mir diesen Raum zu erschließen, dafür schreibe ich.
Sie schreiben meist über Straftaten, aufsehenerregende Fälle, warum?
Nun, es sind weniger die konkreten Fälle, die mich reizen, sondern vielmehr die Menschen, die damit verbunden sind. Wie geht ein Anwalt damit um, wenn er einen Angeklagten verteidigt, von dessen Unschuld er lange überzeugt ist, er irgendwann aber erkennt, dass er doch der Mörder war? Hält er sich an das Gesetz und schweigt – wie es seine Pflicht ist – und riskiert er dadurch, dass ein Mörder straffrei davonkommt? Oder wird er selbst straffällig, indem er sein Schweigen bricht, um den Mörder nicht davonkommen zu lassen? Diese Art von Gewissenkonflikten sind, die mich interessieren, Siegfried Lenz hat einmal gesagt, er brauche Geschichten, um die Welt zu verstehen. So geht es mir auch.
Sie sind dennoch kein Strafrechtler geworden?
Das Strafrecht war immer eine Leidenschaft von mir. Weniger im beruflichen Bereich, umso mehr dafür im theoretisch-philosophischen. Ich habe meine Doktorarbeit über ein strafrechtliches Thema geschrieben und bin darin auch der Frage nachgegangen, warum strafen wir, was sind Sinn und Legitimation von Strafe? Das reicht zurück bis in die Antike, und wirklich menschliche Aspekte traten erst in der Aufklärung hinzu. Diese Themen interessieren mich bis heute.
Gab es eine Initialzündung für den Beginn ihrer Autoren-Karriere?
Nein. Es war vielmehr die Faszination darüber, wie man es schafft, mit nur ein paar Buchstaben und Satzzeichen ganze Welten entstehen zu lassen und Emotionen hervorzurufen. Genau das habe ich irgendwann versucht, einmal auszuprobieren – das war 2007. Der erste Roman ist aber nie erschienen, auch, weil er aus meiner Sicht nicht gut genug war. Meiner Frau gefällt er allerdings sehr.
Was führt dazu, dass Sie sich für einen juristischen Fall als Aufhänger für ein Buch entscheiden?
Auslöser ist oftmals Unverständnis. So bei „Echo des Schweigens“. Darin schildere ich den Fall des Schwarzafrikaners Ouri Jalloh, der 2005 in der Gewahrsamszelle der Dessauer Polizei verbrannt ist. Ich habe diesen Fall über die vielen Jahre hinweg in den Medien begleitet und blieb wegen der vielfach unglaublich dilettantischen Arbeit von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten immer wieder sprachlos zurück. Bis heute weiß man nicht, wer das Feuer in der Zelle entfacht hat. Klar ist zwar, dass es ein Dritter gewesen sein muss, also nicht der an Händen und Füßen gefesselte Jalloh selbst, was jahrelang geglaubt wurde), man weiß nur nicht, wer genau es war. Also habe ich den Fall weitergedacht – in dem Roman.
In „Die Wahrheit der Dinge“ geht es wieder um einen Justizskandal und die Zweifel eines Richters?
Richtig. Es geht auch um Antonio Amadeu Kiowa, der 1990 in Eberswalde von Neonazis zu Tode geprügelt wurde. Die Strafprozesse, die danach gegen die mutmaßlichen Täter geführt wurde, stellen aus meiner Sicht einen der größten Justizskandale unseres Landes dar.
Begründen Sie das bitte.
Der Haupttäter, der mit Springerstiefeln mehrfach auf den Kopf das schon bewusstlos am Boden liegenden Opfers gesprungen ist, wurde nicht etwa – was juristisch einzig richtig gewesen wäre – wegen Mordes verurteilt. Nein, er kam mit wenigen Jahren Haft davon, weil die Richter meinten, er habe keinen Tötungsvorsatz gehabt. Für mich als Jurist ein unglaublich schlimmes, ein ganz und gar schlechtes und falsche Urteil. In dem Roman versuche ich, Licht in das Dunkel zu bringen und dem Opfer eine Stimme zu geben.
Wollen Sie also zunächst informieren, auf Missstände aufmerksam machen?
In erster Linie möchte ich meine Leser unterhalten. Aber nicht um jeden Preis. Ich schreibe keine Komödien. Die Leser sollen sich selbst ein Urteil bilden über Themen, die uns alle angehen, weil sie zutiefst menschlich sind. Und ja, dabei möchte ich auch Denkanstöße geben, meinen persönlichen Beitrag leisten. Im besten Fall entsteht daraus eine – neue – Diskussion, um so die Opfer und ihr Leid nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
Sie schildern die Orte sehr detailliert. Sind diese erfunden und recherchiert oder waren sie vor Ort?
Tatsächlich kann ich nur über Orte schreiben, die ich selbst gesehen und erlebt habe. Gerüche, Farben, Stimmungen – das alles kann man nicht recherchieren, das muss man gefühlt haben.

(Thomas Kopietz)

Information

Markus Thiele, „Die Wahrheit der Dinkge“, Montag, 1. November, 19 Uhr, Sparkassen-Forum, Karten: 16/15 Euro im VVK; Festival-On-Air-Ticket 22 Euro. www.literaturherbst.com, Tel. 0551/50766972

Zur Person

Dr. Markus Thiele (49), geb. in Hildesheim, studierte an der Universität Göttingen Rechtswissenschaften und arbeitet seit dem Jahr 2000 als promovierter Rechtsanwalt mit den Spezialgebieten Arbeits- und Wettbewerbsrecht, vertritt Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Thiele ist Literaturfan und Autor. 2009 erhielt er für einen seiner Texte den Wiener Werkstattpreis , 2012 folgte der Publikumspreis des Kulturpreises der Stadt Göttingen, 2013 veröffentlichte er „Dreizehn Tage am Meer“, 2020 erschien sein beachteter Justiz-Roman „Echo des Schweigens“ über den Todesfall Jalloh, 2021 folgte das eigentlich davor geschriebene Buch „Die Wahrheit der Dinge“. Markus Thiele hat zwei Kinder, ist frisch verheiratet und lebt in Göttingen, arbeitet in einer Kanzlei in Rosdorf.

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