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Uraufführung zu Janusz Korczak im Jungen Theater: Der König der Kinder

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Dorothea Röger (von links), Fabienne Elisabeth Baumann, Jan Reinartz (Hauptrolle Janusz Korczak), Michael Johannes Mayer sowie Jens Tramsen in einer Szene der Uraufführung am JT.
Der Arzt und Waisenhaus-Leiter inmitten seiner Kinder: Dorothea Röger (von links), Fabienne Elisabeth Baumann, Jan Reinartz (in der Hauptrolle von Janusz Korczak), Michael Johannes Mayer sowie Jens Tramsen in einer Szene der Uraufführung am JT. © Dorothea Heise

Wenn ich wieder klein bin: Uraufführung zu Janusz Korczak im Jungen Theater in Göttingen. Ein anrührender, eindringlicher Abend für die Zuschauer.

Göttingen – Jeder Krieg macht neue Waisen. Es gibt keinen Frieden, es gibt nur Pausen.

Ob Christoph Klimke, als er in sein Stück „König Korczak oder Wenn ich wieder klein bin“ solche Sätze über einen Dritten Weltkrieg geschrieben hat, schon den Angriff auf die Ukraine im Sinn hatte?

Die Auftragsarbeit des 62-jährigen Theaterautors Klimke für das Junge Theater in Göttingen wurde am Freitagabend (29. April) uraufgeführt – und man konnte gar nicht anders, als bei Sascha Meys Inszenierung mit von Hunger und Entbehrungen gequälten Waisen im Warschauer Ghetto an die im Asow-Stahlwerk von Mariupol eingeschlossenen Kinder zu denken. Die beklemmenden, schnell vergehenden und fantastisch gespielten 90 Minuten wurden mit großem Beifall belohnt.

Der Anfang hatte mit dem Ende begonnen: mit den letzten Tagebucheintragungen von Janusz Korczak, ehe die Kinder, derer er sich angenommen hatte, im August 1942 „umgesiedelt“ wurden. Der Arzt, Schriftsteller und Waisenhaus-Leiter ließ sie nicht allein, ging mit ihnen in den sicheren Tod.

Uraufführung König Korczak: Zurück in die eigene Kindheit

Dann springt das Stück Jahrzehnte zurück. „Die Kinder sind wie Kraniche“, heißt es einmal, „Kraniche erinnern sich im Voraus“. Wenn ich wieder klein bin: Als der 1878 (oder ‘79) geborene Henryk Goldszmit noch selbst Kind ist, lauscht er dem Gespräch der Eltern. Die Mutter zählt all die Kriege auf, die ihr Mann, ein wohlhabender jüdischer Anwalt, durch seinen frühen Tod nicht mehr erleben wird.

Später wird dieser Henryk Goldszmit unter dem Pseudonym Korczak bedeutende pädagogischen Schriften („Wie man ein Kind lieben soll“) ebenso wie Kinder- und Märchenbücher („König Macius der Erste“) veröffentlichen.

Jörg Brombacher (Bühne) hat drei verschiebbare Raumelemente gebaut, die im JT-Ausweichquartier an der Bürgerstraße als Kulisse für Korczaks Lebensbilder dienen; dank transparenter Rückseiten sind mitunter Schattenrisse zu sehen. Musik wird eingespielt, Operettenklänge, harmonische Melodien, es wird gesungen. Ganz zuletzt, mit dem Transport nach Treblinka, schließt sich das Dreieck vollständig.

Jan Reinartz, immerzu auf der Bühne, spielt den Mediziner und Pädagogen mit beeindruckender Intensität. Korczak begegnen als Traumgestalten Napoleon und Charlie Chaplin, der mit einer unsichtbaren Weltkugel balanciert wie in der Hitler-Parodie „Der große Diktator“.

Auch gegenüber seiner Mitstreiterin Stefania Wilczynska entwickelt Korczak die Idee eines Kinderparlaments, die Vorstellung, man müsse in der Erziehung ansetzen, wenn man die Welt besser machen will, wie er sie auch in einer Radiosendung verbreitet hat. Die Kollegin Maryna Falska hält ihm vor, ein naiver Träumer zu sein, da es längst nicht mehr um Kinderrechte gehe. Manches Lachen ist schrill, hysterisch – das Überleben steht auf dem Spiel.

Eindrücklich ist der Dialog mit NS- und Nachkriegs-Bestsellerautorin Johanna Haarer („Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“). Auch sie geißelt Korczaks „Sozialkitsch“, plädiert für Gehorsam, Härte, Disziplin, dafür, kindlichen Willen zu brechen, für die Rechte der Starken über die Schwächeren.

Und dann sind da die Kinder selbst, denen Korczak Gehör und Vertrauen schenkt, denen er Fantasie, Wissbegier und Wünsche zugesteht. Fabienne Elisabeth Baumann, Agnes Giese, Dorothea Röger, Michael Johannes Mayer und Jens Tramsen verwandeln sich blitzschnell in all diese Rollen (Kostüme: Sascha Mey/Nadia Dapp), sie brauchen wenige Requisiten, darunter stapelbare Würfel, um prägnante Bilder zu erzeugen: Pappkronen, eine grüne Fahne, Schuhe, die sie im Waisenhaus putzen – man ahnt schon die gigantischen Schuhberge, wie sie etwa in Auschwitz geblieben sind.

Weitere Aufführungen am 6., 18. Mai, 4., 15., 28. Juni, Bürgerstraße 15, Karten: Tel. 0551/495015, kasse@junges-theater.de, junges-theater.de

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