Der Mann mit der Fliege ist gegangen

Göttinger Ex-Oberbürgermeister Dr. Rainer Kallmann mit 79 Jahren gestorben

Mehrere Menschen unterschiedlichen Alters stehen nebeneinander, in der Mitte ein kleinerer Herr höheren Alters.
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Zum Tod von Dr. Rainer Kallmann, hier im August 2016 im Kreise der SPD-Gratulanten. Von links: Rolf-Georg Köhler, Ellen Fischer-Kallmann, Gabriele Andretta, Rainer Kallmann, Christoph Lehmann, der im Herbst verstorbene Thomas Oppermann, Landrat Bernhard Reuter.

Die Stadt Göttingen, die SPD und die Kommunalpolitik trauert um Dr. Rainer Kallmann. Der ehemalige Oberbürgermeister ist nach schwerer Krankheit im Alter von 79 Jahren gestorben.

Göttingen – Kallmann war von 1991 bis 2000 Oberbürgermeister von Göttingen und saß danach auch noch viele Jahre im Ortsrat Weende/Deppoldshausen.

Nicht jedes Wort musste durchüberlegt sein

Nicht nur während seiner Amtszeit und kraft seiner Position des Oberbürgermeisters erwarb sich Kallmann sowohl bei den Menschen in Göttingen, als auch parteiübergreifend in der Politik viele Sympathien.

Apropos: Sympathisch war Rainer Kallmann ohne Zweifel. Ein Treffen mit ihm, dem Mann mit der – gerne auch bunten – Fliege war meist von einer wohltuenden Lockerheit geprägt.

Es musste nicht jedes Wort bis in die letzte Interpretationsmöglichkeit durchüberlegt worden sein, bevor man es aussprach. Im Gegenteil: eine wohlwollene, spontane und oft von Humor geprägte Antwort animierte geradezu zur spontanen Formulierung.

Kultur war Rainer Kallmanns Steckenpferd und Leidenschaft

Der studierte Jurist, der auch als Staatsanwalt und Richter bis zu seiner Pensionierung 2006 arbeitete, war ein Sachpolitiker, wusste aber sehr wohl um die Existenz der zu ziehenden Fäden auf dem Weg zu einem tragfähigen Kompromiss und akzeptablem Ergebnis.

Für die Art und Philosophie des Rainer Kallmann standen auch die Dankesworte zu seinem 75. Geburtstag. Den feierte er in der historischen Sternwarte und damals, im August 2016, wünschte er sich für die Göttinger Kulturpolitik „mehr Miteinander, wie dies etwa im Verein Kunst oder in der Göttinger Kulturstiftung gelebt wird.“

Die Kultur war ein Steckenpferd des Politikers Kallmann und eine Leidenschaft des Menschen. Er förderte intensiv die Göttinger Kulturszene, schob kräftig mit an, damit das GSO zum B-Orchester aufsteigen konnte. Im Deutschen Theater saß er im Aufsichtsrat, war Gründungsmitglied der Deutsch-Polnischen-Gesellschaft, zudem Mitglied in Stiftungen.

SPD: Kallmanns Überzeugungen an Sozialdemokratie orientiert

Ins Rampenlicht, in dem er dennoch oft stand, drängte er nicht. Seine Reden waren pointiert, aber nicht staatstragend. Zurückhaltung war meist angesagt, nicht aber, wenn es darum ging, etwas durchzubringen, von dem er überzeugt war. Und selbst dann gewann er seine Gegenüber mit einem Lächeln oder einem feinen Witz.

Die Göttinger SPD hat Kallmann lange mit geprägt. In einem Nachruf der Sozialdemokraten heißt es: „Seine Überzeugungen waren dabei unbeirrbar an den Grundwerten der Sozialdemokratie, vor allem der sozialen Gerechtigkeit, orientiert. – So viele von diesen Menschen gibt es nicht.“

Rainer Kallmann wird fehlen, der Sozialdemokratie, der Kultur, der Politik, der Stadt, seiner Familie und den Freunden.

Tobias Wolff: Charakterzüge eines typischen Fliegenträgers

Zum Abschluss eines Nachrufs hätte er sich sicher einen lockeren Zungenschlag gewünscht. Den soll er hiermit bekommen: Händel-Festpiele-Geschäftsführer Tobias Wolff ordnete Kallmann die Charakterzüge des typischen Fliegenträgers zu: „Menschen, die besonderer Wert auf Haltung und Berufsehre legen und diejenigen, die sich mit angemessener Demut und Bescheidenheit in den Dienst einer Sache stellen, tragen selbstverständlich Fliege.“

Wolff stellte Kallmann in eine Reihe mit berühmten Fliegenträgern: Winston Churchill, Sherlock Holmes und Hercule Poirot. (Thomas Kopietz)

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