VOR 200 JAHREN

Heinrich Heine - der Student, der das Studium und die Stadt Göttingen hasste

Handschriftliche Einträge in Heines Matrikelbuch.
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Handschriftliche Einträge in Heines Matrikelbuch.

Am 4. Oktober 1820 schreibt sich der 22-jähriger Düsseldorfer Harry Heine an der Georg-August-Universität in Göttingen ein. Was vor 200 Jahren noch niemand ahnt: Der Student der Rechtswissenschaften wird unter dem Namen Heinrich Heine einer der berühmtesten Schriftsteller des 19. Jahrhunderts werden.

Göttingen – Universität und Stadt Göttingen setzt er in seinen „Reisebildern“ ein köstliches und bitterböses literarisches Denkmal. Der Abschnitt über Göttingen in der „Harzreise“ gilt als eine seiner meistzitierten Passagen. Im Göttinger Universitätsarchiv befinden sich mehrere Dokumente, die Aufschluss über Heines Studienzeit in Göttingen geben, unter anderem seine handschriftlichen Eintragungen im Matrikelbuch.

Heine kann sich mit Fachgebiet, Universität und Studienort nicht anfreunden. Ende Oktober 1820 beklagt er in einem Brief: „Steifer, patenter, schnöder Ton. Jeder muß hier wie ein Abgeschiedener leben. Nur gut ochsen kann man hier.“ Heine empfindet die meisten Professoren als rückständig und wenig anregend. Die 1737 gegründete Georgia Augusta ist für ihn kein Ort der Aufklärung, sondern ein „gelehrter Kuhstall“.

Und dann gibt es auch noch Spitzel unter den Studenten, die dem Pedell für Geld unbotmäßiges Verhalten ihrer Kommilitonen melden. Ein Spion verrät, dass Heine einen Mitstudenten zum Pistolenduell aufgefordert hat. Da diese Duell-Art seit kurzem streng verboten ist, muss das Universitätsgericht tätig werden.

Heine wird nach nicht einmal vier Monaten für ein halbes Jahr der Universität verwiesen. Er bekommt ein Abschlusszeugnis, in dem steht: „Während der Zeit seines Hierseyns hat sich derselbe durchaus lobenswerth betragen, ist aber am 23. Januar des Jahres wegen intendirtem Pistolenduells mit dem Consilio abeundi auf ein halbes Jahr bestraft.“

Heines Examensurkunde im Göttinger Archiv.

Heine macht seinem Ärger in einem Gedicht Luft: „Der Weltlauf ists: den Würd‘gen sieht man hudeln, Der Ernste wird bespöttelt und vexiert, Der Mut‘ge wird verfolgt von Schnurren, Pudeln, Und ich sogar – ich werde konsiliert.“ Auch aus der Burschenschaft Allemannia fliegt Heine – weil er sich im Bordell „Knallhütte“ bei Bovenden eine Geschlechtskrankheit zugezogen hat. Ihm wird „Vergehen gegen die Keuschheit“ vorgeworfen.

Aber Heine kehrt nach Göttingen zurück. Im September 1824 begibt er sich auf jene Wandertour in den Harz, die Literaturgeschichte schreiben wird. Eine Woche vor dem Start des Wintersemesters ist er in Göttingen zurück. Dort verbringt er weniger Zeit in Vorlesungen als mit der literarischen Verarbeitung seiner Reise. Am 30. Oktober schreibt er in einem Brief: „Ich habe jetzt meine ‘Harzreise’ schon zur Hälfte geschrieben.“

Im April 1825 meldet er sich zum Examen an. Dem Antrag liegt ein handschriftlicher Lebenslauf bei – ein ganz besonderes Dokument: Nach Angaben von Dr. Holger Berwinkel, Leiter des Göttinger Archivs, ist es der einzige Brief, den Heine in lateinischer Sprache abgefasst hat. Nach Doktorexamen und bestandener Disputation schließt Heine seine Göttinger Zeit als „Doktor der Rechte“ ab und verlässt die verhasste Stadt am 6. August 1825.

Ein Jahr später erscheint die „Harzreise“ – Heines literarischer Durchbruch. In der Uni-Stadt selbst sorgen aber beleidigte Autoritäten der Stadt dafür, dass die „Harzreise“ über Jahre in Göttingen nicht verkauft und öffentlich verliehen werden darf.

„Die Stadt selbst ist schön, und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht. Sie muß schon sehr lange stehen; denn ich erinnere mich, als ich vor fünf Jahren dort immatrikuliert und bald darauf konsiliiert wurde, hatte sie schon dasselbe graue, altkluge Ansehen, und war schon vollständig eingerichtet mit Schnurren, Pudeln, Dissertationen, Teedansants, Wäscherinnen, Kompendien, Taubenbraten, Guelfenorden, Promotionskutschen, Pfeifenköpfen, Hofräten, Justizräten, Relegationsräten, Profaxen und anderen Faxen. Einige behaupten sogar, die Stadt sei zur Zeit der Völkerwanderung erbaut worden, jeder deutsche Stamm habe damals ein ungebundenes Exemplar seiner Mitglieder darin zurückgelassen.“

„Die Zahl der Göttinger Philister muß sehr groß sein, wie Sand, oder besser gesagt, wie Kot am Meer; wahrlich, wenn ich sie des Morgens, mit ihren schmutzigen Gesichtern und weißen Rechnungen, vor den Pforten des akademischen Gerichtes aufgepflanzt sah, so mochte ich kaum begreifen, wie Gott nur so viel Lumpenpack erschaffen konnte.“

Von Heidi Niemann

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