Aktuelle Studie aus Göttingen

Forscher am Deutschen Primatenzentrum Göttingen: Drei Viertel aller Affenarten bedroht

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Fellpflege: Ein altes Berberaffenweibchen wird von jüngeren Tieren betreut. Diese Tiere leben in einem Park im französischen Rocamadour. Viele Affenarten in freier Wildbahn werden bis Ende des Jahrhunderts vom Aussterben bedroht sein.

Göttingen. Das ist eine dramatische Hochrechnung für das Jahr 2100: Je nach Lebensraum sind etwa drei Viertel aller auf der Erde lebenden Affenarten vom Aussterben bedroht.

Das haben Forscher am Deutschen Primatenzentrum (DPZ) Göttingen ermittelt.Zurzeit gibt es laut Weltnaturschutzunion (IUCN) 432 Affen-Arten, 286 davon leben in den vier Staaten Brasilien, Indonesien, Madagaskar und der Republik Kongo. Dort sind 60 Prozent bedroht. Noch dramatischer ist die Situation in Indonesien und Madagaskar, wo drei Viertel der Arten und 90 Prozent der Tiere bis Ende des Jahrhunderts ausgestorben sein könnten.

„Sie sind für die tropische Biodiversität von unschätzbarem Wert, sagt DPZ-Forscher Christian Roos. Mehr noch, die Affen sind auch ein Indikator für intakte Lebensräume, die auch der „Primat“ Mensch besiedelt. Roos findet ein markantes Beispiel: „Primaten sind wie Kanarienvögel im Bergwerk.“ Und die signalisieren unter Tage schlicht lebenswerte Bedingungen. „Wenn die Affen aussterben, ist das ein Alarmsignal dafür, dass diese Lebensräume auch für Menschen langfristig nicht mehr nutzbar sein werden.“

Die Forscher nutzen ihr erschreckendes Szenario, das auf bestehenden Daten und einer Prognose basiert, zu einem Appell: Sie fordern Schutzmaßnahmen und nehmen Bezug auf die für den Artenrückgang bei Primaten ausgemachten Ursachen.

Besonders bedroht sind die Tiere durch den Verlust und die Zerteilung der Lebensräume (Brasilien, Madagaskar, Indonesien). In der Republik Kongo ist der Handel mit Buschfleisch die größte Gefahr. Zudem werden Primaten illegal als Haustiere verkauft oder für die Herstellung traditioneller Medizin verwendet.

Aber: Auch die herrschende Armut, mangelnde Bildung, Ernährungsprobleme, politische Instabilität gezeichnet von Bürgerkriegen und Korruption fördern den Raubbau an Ressourcen. Sie erschweren laut der DPZ-Forscher auch Schutzmaßnahmen. Die benötigt es aber unbedingt, damit das gezeichnete Horrorszenario nicht eintritt.

Artensterben bei Affen: Durch die Abholzung von Wäldern auf Sumatra verlieren Affen ihren Lebensraum.

Doch die Industriestaaten hegen eigene Interessen. Laut Christian Roos tragen sie maßgeblich zu dieser Entwicklung bei: Der große Bedarf an Rohstoffen wie Soja, Palmöl, Kautschuk, Hartholz oder fossilen Brennstoffen trägt enorm zum Raubbau an der Natur bei: „Diese Zerstörung der natürlichen Umwelt, durch Abholzung der Wälder, Schaffung von landwirtschaftlichen Nutzflächen und Ausbau Infrastruktur zum Abtransport der Güter in Urwäldern ist ein Hauptproblem“, so Roos.

Bis 2100 droht ein Rückgang der Lebensräume in Brasilien um 78 Prozent, in Indonesien um 72, in Madagaskar um 62 und im Kongo um 32 Prozent. Geschützt sind Gebiete in Brasilien, Madagaskar (je 38 Prozent), in Indonesien 17 und im Kongo 14 Prozent. Zu wenig, bewerten die DPZ-Forscher. Sie fordern auch, die Menschen vor Ort zu informieren und deren Lebensumfeld zu verbessern – auch durch die Förderung ökologischer Landwirtschaft. (dpz/tko)

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