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Deutsches Theater erzählt vom Apfelschuss: Premiere am Wochenende

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Von: Ute Lawrenz

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Deutsches Theater in Göttingen: Marco Matthes (von links), Florian Eppinger (auch Regie), Lukas Beeler und Judith Strößenreuter in der Inszenierung von „Tell“ nach Joachim B. Schmidt.
Eine Geschichte wird in Erinnerungen unterschiedlicher Figuren plastisch: Marco Matthes (von links), Florian Eppinger (auch Regie), Lukas Beeler und Judith Strößenreuter in der Inszenierung von „Tell“ nach Joachim B. Schmidt am DT in Göttingen. © Thomas Müller

Mit Schillers Drama hat das nichts zu tun: Theaterstück am DT in Göttingen erzählt Apfelschuss neu: „Tell“.

Göttingen – Durchkomponiert wie eine Fuge hat das Deutsche Theater in Göttingen (DT) dem Publikum seine Eröffnungspremiere geboten. Mit seiner Bühnenfassung des Romans „Tell“ von Joachim B. Schmidt als Uraufführung hat DT-Schauspieler Florian Eppinger (Inszenierung) mit drei Mitwirkenden „die Geschichte vom Apfelschuss neu erzählt“ – ein spannender Abend.

Dramatischer Beginn mit einem Zweikampf: Eine Frau schlägt mit dem Schwert zu. Der Mann, der Tell töten will, muss sterben. Wer die Frau ist, erfahren die Zuschauenden noch nicht. Doch sie verfolgen, wie sich die Dinge für Tell bis zum erwähnten Zweikampf entwickeln.

Sie hören die Geschichte in Monologen, Erinnerungen, Erzählungen und Gesprächen von vielen Figuren – Tells Frau Hedwig, seinen Söhnen, seiner Mutter, von Tell selbst; von den Habsburgern, die die Herrschaft innehaben.

Deutsches Theater in Göttingen: Neues Theaterstück „Tell“

Lukas Beeler, Florian Eppinger, Marco Matthes und Judith Strößenreuter lesen und sprechen die Sequenzen von Autor Schmidt, springen wie der Verfasser von einem zum anderen – weder Strößenreuter noch einer der Männer sind einer Rolle, ihrem Genus zugeordnet.

Je tiefer die Vier in die Geschichte versinken, desto schneller wird klar, welchen Menschen sie gerade verkörpern – und das alles, ohne Accessoires zu nutzen. Sie tragen einfache, grau-braune Kleidung, die an längst vergangene Zeiten erinnert, orientieren sich an und um Tische, die sie immer wieder umarrangieren.

Das Bühnenbild ist durchdacht wie der Text (Bühne und Kostüme: Thomas Rump) – vier Tische und Stühle, Mikrofone, dunkler Hintergrund mit langen Stäben in Reihe, die zunächst eine gebirgige Kulisse bilden und dann als Silhouette von oben wie Bäume am schneebedeckten Hang erscheinen. In den Bergen sucht Tell nach dem lang vermissten Bruder.

Premiere: „Die Geschichte vom Apfelschuss neu erzählt“

Dieser Tell hat nichts gemein mit Schillers Held. Als Junge wurde er vom Priester missbraucht, ist zum Sonderling geworden. Seinen Bruder Peter konnte er schützen. Doch bei einem gemeinsamen Ausflug auf die Jagd hat er ihn für immer verloren. Verkraftet hat er diesen Verlust nie, er sucht ihn bis an sein eigenes Ende.

Ohne die großartige Leistung der Schauspieler wäre dieser besondere Abend nicht denkbar. Wenn Judith Strößenreuter sich in Juppjupp verwandelt, macht sie einen Hauch von Stottern hörbar. Marco Matthes spricht für Gessler in der Todesstunde – dessen Liebe für die Frau und die nie gesehene Tochter wird fühlbar.

Den unglaublichen Mut und das große Vertrauen, das Tells Sohn Walter dem Vater entgegenbringt, vermittelt vor allem Lukas Beeler lebendig. Wunderbar gelingen Florian Eppinger und Marco Matthes unter anderem die Mütter.

Wie in jedem spannenden Fernsehfilm gibt es auch auf der Bühne Klänge, Melodien, manchmal sphärische Weisen (Musik: Jan-S. Beyer), die wie die Führung des Lichts (Beleuchtung: Michael Lebensieg) Atmosphäre beschwören. Nach stetig ansteigender Spannung in der fast zweistündigen Vorstellung ohne Pause erntet das Team ausgiebigen Applaus mit Trampeln und Bravos.

Wieder am 8. Oktober, 19.45 Uhr. Karten unter Telefon: 05 51/49 69 30 0, dt-goettingen.de

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