Deutsches Theater Göttingen zeigt „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“

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Krieg in der Ehe: Benjamin Kempf (von links), Angelika Fornell, Paul Wenning und Marie Seiser in einer Spielszene von „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“. 

Göttingen. „Ich bin laut, ich bin vulgär, ich trage die Hosen in diesem Haus", sagt Martha. Und es ist laut, es ist vulgär bei der Premiere von „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" im Deutschen Theater (DT) in Göttingen.

Die Bühne ist in tiefes Schwarz getaucht. Es gibt weder Möbel noch sonstige Requisiten. Allein ein Schrank voller Alkohol und Gläser ist in die Wand eingelassen. Dass es mehr aber überhaupt nicht benötigt, um einen Ehekrieg auszufechten, wird schon nach wenigen Minuten deutlich. Das Spiel von Angelika Fornell (Martha) und Paul Wenning (George) ist gekennzeichnet von schnellen, vor Zynismus triefenden Wortwechseln, die das Publikum aber zum Schmunzeln bringen.

Intendant Erich Sidler bringt mit „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ von Edward Albee einen Theaterklassiker auf die Bühne des DT. Im Wohnzimmer von Martha und George kommt es nach einer ausgelassenen Feier zu Auseinandersetzungen. Sie wirft ihrem Mann mangelnden Ehrgeiz vor. Er wehrt sich resigniert.

Die Whiskyflasche leert sich schnell. Als Nick (Benjamin Kempf) und Putzi (Marie Seiser) den Raum betreten, haben sich Martha und George bereits in Rage geredet. Der Nachwuchs des Provinz--Colleges erlebt fassungslos und peinlich berührt, wie das Paar schamlos seine Konflikte austrägt, sich gegenseitig demütigt. Im Laufe des Abends werden beide als Waffen missbraucht und sind dann, im Morgengrauen, die Opfer.

Alle Ensemblemitglieder spielen ihre Rolle voller Authentizität. Die ständigen Wechsel zwischen schreiender Wut und peinlicher Berührtheit beeindrucken. Dabei stechen Putzi und Martha besonders heraus: Die Frau des jungen College-Lehrers wirkt so naiv und unreif, dass ihre volltrunkenen Wutausbrüche immer wieder völlig überraschend kommen. Und Martha weint so herzzerreißend, als ihre Lebenslüge zerplatzt, dass man als Zuschauer am liebsten zu ihr rennen und sie in den Arm nehmen möchte.

Regelmäßig greifen die Vier zum Glas, schenken sich nach, verschütten den Alkohol und lassen die Getränke auf dem Boden stehen. Nach und nach entsteht so - ganz ohne Möbel - eine Szenerie, die einem Schlachtfeld gleicht. Neben Blumen fliegen auch Bücher, Flaschen zerbersten an der Wand, und die Krawatte wird kurzerhand zum Strick.

Neben diesen unerwarteten Aktionen, die den Zuschauer den Atem anhalten lässt, sind es doch die feinen Wortgeplänkel, die immer wieder Lacher hervorrufen. Dafür bedanken sich die Zuschauer zum Schluss: Die Schauspieler erhalten lang anhaltenden, kaum enden wollenden Applaus.

Weitere Vorstellungen: 26. September, 8. und 27. Oktober, Karten: Tel. 05 51/49 69 11, www.dt-goettingen.de 

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