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Eine lebenslange Verbindung: Deutschlands erste Kinderherzklinik in Göttingen wird 60 Jahre

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Von: Heidi Niemann

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Bei der Visite: Professor Wolfgang Ruschewski und Professor Thomas Paul in der UMG-Kinderkardiologie.
Bei der Visite: Professor Wolfgang Ruschewski und Professor Thomas Paul versorgen in der Kinderkardiologie schon Neugeborene mit Herzfehler. © Ronald Schmidt/UMG/nh

Vor 60 Jahren entsteht die erste deutsche Kinderkardiologie an der Universitätsmedizin Göttingen. Eine lebenslange Verbindung entsteht.

Göttingen – Jedes Jahr werden in Deutschland 8.700 Kinder mit einem Herzfehler geboren. Anfang der 1960er Jahre war diese Diagnose für Eltern ein Schock: Weil es damals nur wenige Behandlungsmöglichkeiten gab, hatten betroffene Kinder in der Regel nur geringe Aussichten, das Erwachsenenalter zu erreichen.

Bis vor 60 Jahren in Göttingen die erste Kinderkardiologie und Kinderherzchirurgie in Deutschlands gegründet wurde, in der speziell ausgebildete Mediziner Kinder mit angeborenen Herzfehlern behandelten.

Göttinger Kinderherzklinik wird 60 Jahre alt: Alles begann in der Uni-Stadt

Auch die Eltern von Hartmut Schmidt (Name geändert) mussten damals um ihr Kind bangen. Weil dessen angeborener Herzfehler lebensbedrohlich war, bekam das Baby eine Nottaufe. Doch Dank einer neuen medizinischen Einrichtung in Göttingen konnte das Kind gerettet werden.

Hartmut Schmidt war damals einer der ersten Patienten, inzwischen ist er einer der ältesten und „treuesten“ der Kinderkardiologie: Vor wenigen Tagen ist der 61-jährige Umweltmanager aus Bad Lauterberg zu einer Kontrolluntersuchung in die Universitätsmedizin Göttingen (UMG) gekommen.

Patient der ersten Stunde: Hartmut Schmidt zur Untersuchung bei Professorin Claudia Dellas.
Patient der ersten Stunde: Hartmut Schmidt kam mit einem Herzfehler zur Welt. Das war vor gut 60 Jahren. Noch heute kommt er regelmäßig zur Untersuchung, hier mit Profesorin Claudia Dellas. © Heidi Niemann

Dass die Kinderkardiologie längst nicht mehr nur Babys, Kinder und Jugendliche betreut, ist die Folge einer medizinischen Erfolgsgeschichte: „Heute erreichen 90 Prozent aller Kinder mit angeborenem Herzfehler das Erwachsenenalter“, sagt der Direktor der Klinik für Pädiatrische Kardiologie, Intensivmedizin und Neonatologie, Professor Thomas Paul.

Aufgrund der neuen Diagnose- und Behandlungsmethoden könnten viele Patienten mit angeborenen Herzfehlern nicht nur ein deutlich höheres Alter, sondern auch eine höhere Lebensqualität erreichen.

Die Kinderherzklinik an der Universitätsmedizin Göttingen in eine Erfolgsgeschichte

Dabei sei es jedoch enorm wichtig, dass die Patienten regelmäßig zu Kontrolluntersuchungen kommen, betont Paul: „Wir brauchen die lebenslange Nachsorge. Bei einer entsprechenden Betreuung können auch Patienten mit komplexen Herzfehlern alt werden.“

Historische Aufnahme: Eine Abteilungsbesprechung mit Professor Alois Josef Beuren.
Eine Abteilungsbesprechung mit Professor Alois Josef Beuren. © UMG/nh

Initiator des bundesweit ersten Spezialzentrums für Kinder mit angeborenen Herzfehlern war Professor Alois Josef Beuren (1919-1984). Dieser hatte zuvor an verschiedenen Kliniken in den USA gearbeitet, unter anderem am John Hopkins Hospital in Baltimore. Dort erlernte er von Professor Helen Taussig, die als Pionierin der Kinderkardiologie gilt, die Grundlagen dieser Spezialdisziplin.

Aus den Katheter-Berichten der Anfangszeit der Klinik geht hervor, dass Professor Beuren im Februar 1963 auch Hartmut Schmidt kathetert hat. 1966 wurde der Junge dann an der Aorta operiert, damals wurde mit Draht und Plastik eine Engstelle überbrückt. „Ich bin dann normal aufgewachsen“, erzählt Schmidt.

Spezielle Ambulanz an der UMG-Kinderkardiologie zur Untersuchung erwachsener Patienten

1978 habe er sich einer weiteren Herzoperation unterziehen müssen. Abgesehen davon, dass er immer blutdrucksenkende Medikamente nehmen müsse, sei der angeborene Herzdefekt für ihn ansonsten mit keinen größeren Einschränkungen verbunden gewesen.

Der Vater zweier Kinder ist berufstätig und treibt regelmäßig Sport, „hauptsächlich Walking und Radfahren“. Dabei achtet er stets auf sein Herz: „Man hört immer in sich hinein“, sagt er.

In der UMG-Kinderherzkardiologie gibt es inzwischen eine spezielle Ambulanz für Erwachsene mit einem angeborenen Herzfehler (EMAH), die auch Hartmut Schmidt regelmäßig aufsucht, um sein Herz untersuchen zu lassen. Geleitet wird diese von der Kardiologin Professor Claudia Dellas.

Bei seinem jüngsten Besuch kommt Schmidt wegen eines akuten Problems zur Sprechstunde: Seit einer kürzlichen Corona-Infektion leidet er unter Herzrhythmusstörungen.

Schon beim ersten Abhorchen mit dem Stethoskop bestätigt sich der Verdacht: „Hört sich an wie die Harzquerbahn“, scherzt Claudia Dellas. Um den auffälligen Befund weiter abzuklären, nimmt die Kardiologin weitere Untersuchungen vor, unter anderem mit Ultraschall und EKG. „Inzwischen haben wir viele apparative Möglichkeiten“, sagt Dellas. 60 Jahre Forschung und Entwicklung machen es möglich. (Heidi Niemann)

Innovationen in Bildgebung und Therapie

In 60 Jahren Kinderherzkardiologie hat sich auch bei den Untersuchungs-Geräten einiges getan. So ist eines der Geräte sogar eine Göttinger Erfindung und gibt ganz neue Einblicke in den menschlichen Körper: Mit der Echtzeit-Magnetresonanztomografie, die von einem Team um den Göttinger Max-Planck-Wissenschaftler Jens Frahm entwickelt wurde, kann man quasi „live“ dem Herzen beim Schlagen zusehen.

Innovationen gibt es aber nicht nur bei der Bildgebung, sondern auch in der Therapie: So setzten die Göttinger Mediziner beispielsweise 2007 als weltweit erste Klinik ein neues Verfahren zum Verschluss eines Vorhofscheidewanddefekts bei einem Kind ein.

Hierbei handelt es sich um ein Doppelschirmsystem, das sich selbst auflöst. Die Göttinger Klinik war selbst an der Entwicklung dieses sich selbst auflösenden Doppelschirmsystems beteiligt gewesen - eine weitere Erfolgsgeschichte der Göttinger Kinderkardiologie, die heute eines der größten Zentren in Deutschland ist. (pid)

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