560 Gäste in neuer Sartorius-Kulturhalle

Göttinger Literaturherbst: Die Gedankenblitze der Maja Göpel

Maja Göpel, Polit-Ökonomin, auf der Bühne des Literaturherbsts 2021 in der neuen Sheddachhalle im Sartorius-Quartier.
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Gedanklich blitzschnell und dazu humorvoll: Prof. Maja Göpel, Polit-Ökonomin, beim Literaturherbst 2021 in der neuen Sheddachhalle im Sartorius-Quartier.

Wissenschaftsreihe, Göttinger Literaturherbst. Die Schlange an Menschen vor dem Eingang zur Sheddachhalle ist lang, sehr lang. 560 wollen Maja Göpel sehen und hören.

Göttingen – Vorher müssen sie durch die Baustelle Sartorius-Quartier, gehen vorbei an Bauzäunen. Drinnen herrscht Industrieflair: Metallträger, Betonwände, durch die Fenster fällt der Blick auf die Backsteinfabrikgebäude gegenüber.

Dort Baustelle, hier moderner, energieeffizienter Neubau. Passende Kulisse für Prof. Dr. Maja Göpel, Politökonomin, Nachhaltigkeitswissenschaftlerin, Transformationsforscherin. Sie ist mittendrin, spricht über die Baustelle Welt – über eine ängstliche Gesellschaft, eine Wirtschaft in der falschen Spur, eine Politik, die zu viel zaudert. Und sie spricht darüber, dass wir alle wieder mehr Mut zum Andersdenken brauchen, konträre Meinungen zulassen müssen und den Begriff Freiheit neu definieren sollten.

Maja Göpel hat eine Einladung zum Neudenken geschrieben

„Unsere Welt neu denken“, heißt Göpels aufrüttelnder und dabei durchaus auch Mut machender Bestseller. Titelzusatz: „Eine Einladung“. Ja! Es ist eine Einladung zum Neudenken. Und wir können es uns kaum leisten, diese Offerte abzulehnen, soll die Klimakrise samt Nebenkrisen gemildert werden. Göpel hat Ideen. Ihre Gedanken und Bewertungen zucken heraus wie Blitze, mit Gesten verstärkt. Sie sitzt auf der Kante eines roten Sessels. Das biedere Wohnzimmerambiente samt Stehlampe passt so gar nicht zu der virtuos agierenden Frau. Besser wäre ein Steg ins Publikum gewesen.

Maja Göpel „hält uns den Spiegel vor“, sagt Moderator Patrick Cramer. Ja. Und das tut weh. „Es ist eine unbequeme Wahrheit.“ Sie präsentiert auch ansatzweise Lösungen, das Feintuning dabei muss jeder Einzelne und die Politik leisten. Dort fehlt so eine wie Göpel, klar und emotional, analysierend und konstruierend, widerspenstig und kooperierend.

„Sind wir eine Schicksalsgemeinschaft, dann ist das doch eine Einladung, alles zu investieren, was wir haben.“ Dann kommt so eine Wendung, wie sie Göpel denkt und fordert: „Aber dabei dürfen wir die Entschleunigung nicht von vornerein ausschließen.“ Der Wert des Lebens könne in einem Mehr an Zeit bestehen. Es gelte, das Getriebensein, einzudämmen. Die Wirtschaft müsse das mitdenken, im Sinne der Mitarbeiter handeln. In Reihe 1 schauen und hören die Chefs von Sartorius und Ottobock zu...

Maja Göpel: Alle müssen mitgenommen werden

Maja Göpel ist emotional, argumentiert aber auf Basis von Wissen, von Daten, Studien, von Erfahrungen. Sie kommt aus der Wissenschaft, wie ihr Gegenüber im zweiten roten Sessel: Patrick Cramer, Chemiker, Max-Planck-Spitzenforscher. Er ist beeindruckt, hört gespannt zu.

In einer Stunde durchdenkt, analysiert, schlussfolgert, konstruiert Anja Göpel. Sie schaut auf das Handeln der Menschen, der Wirtschaft, der Politik, spricht von Ökobilanzen, CO2-Deals, aber auch darüber, dass Veränderungen oft mit Ängsten bei Menschen einhergehen., aber alle mitgenommen werden müssen.

Die 45-Jährige schaut auch zurück auf die Krisen der Menschheit, auf Wirtschaftstheoretiker wie John Maynard Keynes, der dauerhafte staatliche Eingriffe ins System für zwingend notwendig hält. Göpel wünscht sich eine „Instanz, die das Wohlergehen der Gruppe über die Möglichkeiten des Einzelnen stellt, seinen persönlichen Nutzen zu maximieren.“

Sie fordert, dass wir vorausschauend handeln

Positiv stimme, dass „der Mensch eine einzigartige Lern- und Entwicklungsfähigkeit hat.“ So glaubt Göpel an Lösungen, sie fordert aber, nicht erst nach Katastrophen zu handeln, sondern antizipativ, vorausschauend.

Man müsse systemisch vieles verändern, verstehen, dass die Ökologie anders tickt als die Ökonomie, der die Wirtschaftszwangsjacke übergestülpt wird. „Wir sind total entwicklungsfähige Wesen, sehr kreativ, gerade wenn bestimmte Dinge nicht funktionieren“, stellt fest. Aber auch: „Verbrauchte Naturressourcen sind nicht immer durch andere zu ersetzen – wie wir dachten. Also: Warum lassen wir die Bienen nicht einfach leben, dann brauchen wir keine Bienendrohnen zum Bestäuben.“

Hängenbleiben Zitate wie: „Lasst uns die Wirtschaft neu ausrichten.“ Und: „Wenn ökologisch arbeitende Bauern davon nicht leben könnten, „dann ist doch im System etwas falsch“.

Maja Göpel sieht sich nicht als Politikerin, aber sie würde wissenschaftlich herangehen

Was sie selbst als Wirtschaftsministerin zuerst machen würde?, fragt Cramer. Eine gute Frage. Göpel würde Transparenz schaffen, Kosten und Nutzen, den Status quo, anschauen – also wissenschaftlich herangehen. Für das System Politik aber wäre Maja Göpel nicht geschaffen. Es würde ihr Denken und Handeln einpferchen.

Mit ihrem Vortrag in der Sheddachhalle erreicht sie viele. Manche der 560 im Saal können zwar das Gedankentempo nicht mitgehen. Das macht aber nichts: Alles kann nachgelesen oder mit dem On-Air-Ticket nachgeschaut werden. Die Schlange vor dem Büchertisch ist am Ende so lang, wie selten zuvor beim Literaturherbst erlebt. Das nächste Göpel-Buch heißt übrigens: „Wir können auch anders: Aufbruch in die Welt von morgen.“ (Thomas Kopietz)

Information

Maja Göpel, „Unsere Welt von morgen“, Ullstein, 206 S., 18,50 Euro.

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