Göttingen

Die Lügen der Doping-Sünder: Göttinger Sportsoziologe Reinold analysiert Falschaussagen von Radprofis

Faszinierender Sport: Schattenseite des Radsports ist die Doping-Problematik. Hier ein Foto der Deutschland-Tour 2019 in Göttingen (die Sportler haben nichts mit dem Thema Doping zu tun). Radsportler fahren ein Rennen.
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Faszinierender Sport: Schattenseite des Radsports ist die Doping-Problematik. Hier ein Foto der Deutschland-Tour 2019 in Göttingen (die Sportler haben nichts mit dem Thema Doping zu tun).

Warum und wie lügen Spitzensportler, die während ihrer Profikarriere Doping betrieben haben? Das hat ein Göttinger Sportsoziologie anhand von Autobiografien analysiert.

Göttingen – Marco Pantani, Lance Armstrong – die Liste der Radsport-Stars, die sich ihre Erfolge mithilfe von Dopingmitteln erschlichen haben ist lang, noch länger, wenn andere Sportarten hinzukommen.

Dopingsünderinnen und -sünder aber verfangen sich oft lebenslang in einem Geflecht aus Lügen, die sie gezielt über ihre Kommunikation wie Autobiografien verbreiten, auch, weil sie sich ständig zum Thema Spitzensport und Doping äußern müssen.

Göttinger Forscher analysierte Falschaussagen: Autobiografien von Profiradsportlern

Laut Dr. Marcel Reinhold, Sportsoziologe der Uni Göttingen macht jede Entscheidung eines Athleten zum Doping fast zwangsläufig täuschende Kommunikation wie Lügen oder Verschweigen notwendig. Und die „Doper“ leben in einer Scheinwelt, verharmlosen das Ausmaß des Dopingproblems oder sehen sich gar in der Rolle eines Opfers.

Reinhold, der den Arbeitsbereich für Sport- und Gesundheitssoziologie am Institut für Sportwissenschaften (IfS) leitet, hat die Ergebnisse seiner Studie in der Fachzeitschrift European Journal for Sport and Society veröffentlicht. Dafür hat er Autobiografien von Profiradsportlern analysiert, die sich im Nachhinein im Hinblick auf Doping als Falschdarstellungen herausgestellt haben.

Bekannteste Beispiele sind die zwei Bestseller-Autobiografien Anfang der 2000er-Jahre vom siebenfachen Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong. Darin stellt sich Armstrong als „sauber“ dar, obwohl sich bei den Ermittlungen der US-amerikanischen Anti-Doping-Agentur zehn Jahre später Gegenteiliges herausstellte.

Göttinger Forscher analysierte Falschaussagen: „Gesetz des Schweigens“, täuschende Kommunikation, Druck

Studie über die Kommunikation der Doper: Dr. Marcel Reinold

Für Marcel Reinold galt es heraus zu filtern, wie Armstrong und Co. in ihren Autobiografien logen, die Techniken der gezielt täuschenden Kommunikation über Doping zu identifizieren. Er analysierte typische Kommunikationsstrategien und Aussagen.

Die bisherige Forschung dazu hat vor allem betont, dass dopende Athletinnen und Athleten sich an ein „Gesetz des Schweigens“ halten, also das Thema Doping meist schlicht ignorieren. Die komparative Analyse der Autobiografien zeigt aber, dass prominente Sportlerinnen und Sportler unter gewaltigem sozialem Druck stehen, über diese „dunkle Seite“ ihres Sports zu sprechen, um nicht selbst in den Verdacht der Verheimlichung zu geraten.

Über ein vergleichsweise triviales Schweigen hinaus werden daher in den Autobiografien komplexere Techniken täuschender Kommunikation benutzt: So wird das Dopingkontrollsystem regelmäßig als engmaschig und restriktiv beschrieben und die Verbreitung von Doping heruntergespielt.

Göttinger Forscher analysierte Falschaussagen: Verdachtsmomente zerstreuen

Das soll suggerieren, dass es in einem „streng kontrollierten“ und weitgehend „dopingfreien“ Sport weder Sinn macht, noch Anlass gibt zu dopen. „Die Öffentlichkeit soll so offenbar überzeugt werden, dass beim jeweiligen Athleten tatsächlich alles mit rechten Dingen zugeht“, sagt Reinold. „Diese Techniken helfen Betrügern, sich als konform mit dem Anti-Doping-System darzustellen und in ihrem Engagement gegen Doping glaubwürdig zu erscheinen.“

Damit wollten sie Verdachtsmomente zerstreuen, entgegenlaufende Infos zerstreuen und die Entdeckung neuer negativer Informationen verhindern. Bei Lance Armstrong hat all das nicht funktioniert, daran konnten auch für den Leser durchaus faszinierende Autobiografien nichts ändern.

Originalveröffentlichung: Marcel Reinold. Techniques of deceptive communication about doping. doi.org/10.1080/16138171.2021.1930944. (Thomas Kopietz)

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