Massaker von Srebrenica

Göttingen: Gesellschaft engagiert sich um das Massaker

Das Massaker von Srebenica vom 11. Juli 1995 jährt sich zum 25. Mal: Die Frauen von Srebenica protestieren immer wieder, wie hier vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Nura Mustafic (links vorne) und Nura Begovic (rechts vorne) zeigen
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Das Massaker von Srebenica vom 11. Juli 1995 jährt sich zum 25. Mal: Die Frauen von Srebenica protestieren immer wieder, wie hier vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Nura Mustafic (links vorne) und Nura Begovic (rechts vorne) zeigen

Die bosnisch-serbische Armee unter Ratko Mladic und ihre Paramilitärs töteten vor 25 Jahren mehr als 8000 muslimische Jungen und Männer. Es war ein perfide eingefädeltes und unter den Augen der UN-Schutztruppen ablaufende Massaker nach dem Fall der Stadt Srebrenica am 11. Juli 1995.

Göttingen – Das beschäftigt auch die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) in Göttingen und speziell die Menschenrechtsaktivistin Jasna Causevic.

„Die Gesellschaft für bedrohte Völker sammelte damals Informationen aus allen zugänglichen Quellen und wertete zudem Zeugenaussagen aus“, berichtet Causevic. Sie habe von 1993 an für die Gesellschaft Material gesichtet, es überprüft und für das Internationale Kriegsverbrechertribunal in Den Haag aufbereitet.

Referentin aus Göttingen: Gastarbeiter und Flüchtlinge hielten über Funk Kontakt in die Heimat

Die Gesellschaft habe täglich über den Fortlauf des Krieges berichtet. Medien aus aller Welt hätten diese Quelle genutzt. Der Gründer und langjährige Leiter der Gesellschaft, Tilman Zülch, sei so oft in bosnischen Zeitungen zu Wort gekommen, dass ihn die Menschen in Bosnien auf der Straße erkannt hätten, erzählt Causevic.

„Während des Bosnienkrieges hielten Gastarbeiter, die seit den 1960er Jahren in Deutschland lebten, aber auch die Flüchtlinge, die es in die Bundesrepublik geschafft hatten, über Funk Kontakt in die Heimat“, erinnert sich die GfbV-Referentin, die selbst Bosnierin ist und Anfang der 90er Jahre ihren Mann, einen Humboldt-Stipendiaten, nach Göttingen begleitet hatte“.

Göttingen: Verein habe einen Hungerstreik in Berlin und eine Demonstration in Bonn mitorganisiert.

Als die studierte Germanistin und Literaturwissenschaftlerin von der Arbeit der Gesellschaft für bedrohte Völker hörte, engagierte sie sich dort. „Damals wurden viele von uns aktiv.“ So organisierte der Göttinger Gastwirt Izudin Mehmedovic, der jahrelang das Lokal Kreuzgang am Alten Rathaus führte, mit Landsleuten Hilfstransporte nach Bosnien.

Auch die GfbV wurde aktiv: „Die Gesellschaft richtete bereits während des ersten Kriegsjahres, eine Genozidkonferenz aus“, schildert Causevic. 1993 habe der Verein einen Hungerstreik in Berlin und 1994 eine Demonstration mit 30 000 Teilnehmenden in Bonn mitorganisiert.

Von Göttingen aus ist die Gründung des Europäischen Forums für Bosnien und Herzegowina angestoßen worden

Von Göttingen aus wurde auch die Gründung des Europäischen Forums für Bosnien und Herzegowina angestoßen, das von mehr als 100 Vereinen aus Europa getragen wurde. Das habe auch der damalige Präsident der USA, Bill Clinton, gewürdigt.

„Wir kämpften zudem für ein Bleiberecht für die damals fast 350 000 bosnischen Flüchtlinge in Deutschland“, sagt Causevic. Die traumatisierten Menschen, darunter Opfer aus Konzentrations- und Vergewaltigungslagern, hätten anders als etwa in den Niederlanden oder Österreich nicht arbeiten oder studieren dürfen.

So seien für viele die Jahre in der Bundesrepublik eine verlorene Zeit gewesen. Nach den Krieg 1995 hätten sich einige zu einer Rückkehr in die zerstörte Heimat entschlossen. Viele seien in die USA oder nach Kanada gegangen.

Dokumentarin: Expertin für das Massaker von Srebrenica ist Jasna Causevic von der Gesellschaft für bedrohte Völker, Göttingen.

„Der Westen griff erst im August 1995 militärisch in den Konflikt ein“, bedauert Causevic. Nach dem Völkermord in Srebrenica kam es zu ernsthaften Friedensverhandlungen und dem Daytoner Friedensabkommen von 1995.

Es habe die Teilung des Landes zementiert. Im „ethnisch gesäuberten“, serbischen Teil Bosnien und Herzegowinas lebten die Kriegsverbrecher von einst ungestört. Nur wenige seien vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag verurteilt worden.

Die Gesellschaft für bedrohte Völker hat zum Jahrestag eine Dokumentation des Völkermordes in Srebrenica veröffentlicht, unter www.gfbv.de

Von Michael Caspar

Bosnien-Krieg und Massaker von Srebrenica

1992 hatte sich die jugoslawische Teilrepublik Bosnien/Herzegowina unter ihrem muslimischen Präsidenten, Alija Izetbegovic, für unabhängig erklärt.

Die orthodoxen Serben, eine der dort lebenden Volksgruppen, die von Slobodan Milosevics Rest-Jugoslawien unterstützt wurden, erhoben sich dagegen. Sie sprechen den muslimischen Bosniaken eine eigene Identität ab.

Nach der internationalen Anerkennung der unabhängigen Republik Bosnien und Herzegowina durch die Europäische Union und die Vereinigten Staaten von Amerika am 6./7. April 1992 begann die militärische Eskalation zwischen den Konfliktparteien.

Die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den Kräften der drei großen ethnischen Gruppen wurden von den jeweiligen nationalistischen Gruppierungen angeheizt und von so genannten ethnischen Säuberungen – wie in Srebrenica.

Die gesamte muslimische Bevölkerung von Srebrenica und Potocari wurde ausgesondert und entweder mit Bussen deportiert, Frauen und Kinder, oder umgebracht Männer und Jugendliche, sofern sie nicht entkommen konnten.

Unter den Augen meist niederländischer UN-Soldaten verübten sie ein Massaker mit offiziell 6975 vorwiegend männlichen Todesopfern.

Auch mehr als 20 Jahre nach Kriegsende sterben nahezu jährlich weitere Menschen an den Kriegsfolgen. Seit 1996 kamen über 600 Menschen durch Minenexplosionen ums Leben, weitere 1100 wurden verletzt.

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