Besuch in Göttingen

Diskussion mit Dr. Bitch Ray: Feministische Inseln, die sich nachts begegnen

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Im Gespräch: Dr. Bitch Ray (rechts) und Pornowissenschaftlerin Madita Oeming diskutierten über das Buch „Yalla, Feminismus!“.

Dr. Bitch Ray schreibt in ihrem Buch über Sexismus und Rassismus in Rap und Wissenschaft und zeigt, dass Kopftuch und Feminismus kein Widerspruch sind.

Dr. Bitch Ray hat geladen und alle sind gekommen. So wirkt es zumindest Freitagabend im Alten Rathaus. Die 39-jährige Reyhan Şahin, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt, diskutiert mit Pornowissenschaftlerin Madita Oeming (33) über ihr 2019 erschienenes Buch „Yalla, Feminismus!“.

Vergangenes Jahr haben sie sich kennengelernt. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt Oeming. Sie freue sich darauf, in den altehrwürdigen Hallen Begriffe wie „Bitch“ und "Votze" zu verwenden.

Vieles wurde gesagt über Dr. Bitch Ray. Die Skandalisierung ihrer Person haftet an ihr wie zäher Kaugummi. Dr. Bitch Ray kratzt nicht nur an gesellschaftlichen Wunden, sie durchlöchert sie. 

"Yalla, Feminismus!" - Gegen Sexismus und Rassismus

Ihr Buch ist eine queerfeministische Auseinandersetzung mit Gleichberechtigung und gegen Sexismus und Rassismus. Es geht um Rap und Feminismus, Islam und Feminismus und Frauen in der Wissenschaft. Die „Fuckademia“ sei laut Şahin geprägt von Sexismus und Rassismus. An den Universitäten ein strukturelles Problem, sagt Oeming.

Şahin hat sich die Selbstzuschreibung Feministin nicht auf die Stirn tätowiert, sondern „kam sozusagen über die Praxis zum Feminismus“. Die feministische Szene bestehe überwiegend aus weißdeutschen Menschen.

Im doppelten Sinne gegen patriarchalische Strukturen kämpfen 

Für Menschen mit Migrationshintergrund sei es schwierig: „Denn Feministin mit Migrationsbiographie zu sein bedeutet, mindestens im doppelten Sinne gegen patriarchalische Strukturen anzugehen, einmal die der Mehrheitsgesellschaft und dann die in ihren eigenen Communities.“ 

Der Begriff Intersektionalität, also Mehrfachdiskriminierungen, fällt häufig. „Intersektionalität gewinnt dann an Bedeutung, wenn nicht nur das Geschlecht einer Person beim Thema Unterdrückung und/oder Geschlechterungleichheit eine Rolle spielt, sondern auch race“, heißt es in „Yalla, Feminismus!“. Oder weitere Kategorien wie Körper, sozialer Status oder Religion. 

Heutiger Feminismus von Intersektionalität geprägt

Während es für Feministinnen wie Alice Schwarzer nur den einen Islam gebe, sei die heutige Welle von Intersektionalität geprägt. Şahin leistet für Menschen mit Migrationsdefizit, wie sie es nennt, aufklärerische Arbeit und zeigt, wie divers Kopftuchträgerinnen sind. Für Madita Oeming ein lehrreiches Kapitel, das ihren westlichen Blick auf das Kopftuch geschärft habe. 

Kleine, weiße Jungs mit Mama-Geschichten

In den 90ern hat Şahin mit Rappen angefangen und ihre sexuelle Selbstbestimmung zum Ausdruck gebracht. Für „die kleinen, weißen Jungs, die sich Mama-Geschichten erzählt haben“, sei das zu viel gewesen, sagt sie. Als sie als „Bitch“ beschimpft wurde, eignete sie sich den Begriff an. Das nennt man Reclaiming, ein Prozess, bei dem marginalisierte Minderheiten die Deutungshoheit zurückgewinnen. 

Erst in vergangenen Jahren sind Rapperinnen präsenter

Şahin thematisiert das Rap-Patriarchat, indem Frauen als Rapperinnen kaum präsent sind oder eben als Sexobjekt. Erst in vergangenen Jahren nehmen Rapperinnen wie Nura, Juju und Shirin David im Deutschrap mehr Raum ein. „Heutzutage stelle ich fest, dass ich meiner Zeit damals voraus war und den für feministische Pionier*innen üblichen schweren, steinigen Weg im Deutschrap alleine gehen musste, um damit heutigen Rapper*innen den Weg zu ebnen“, schreibt Şahin.

Feministische Inseln - aber nicht heute Abend

Wie eine feministische Insel im gesamtdeutschen feministischen Diskurs komme Şahin sich vor. Als Pornoforscherin in den Strukturen der Universität kenne sie das Gefühl, eine Insel zu sein, sagt Madita Oeming. An diesem Abend mit Reyhan Şahin aber nicht.

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