Konstruktiver Aktionsmus

Diskussionsrunde beim Göttinger Literaturherbst: Mit spektakulären Aktionen Druck machen

Haben in Göttingens Altem Rathaus für konstruktiven Aktismusmus geworben: Raul Krauthausen, Cesy Leonard und Benjamin Schwarz (v. l.).
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Haben in Göttingens Altem Rathaus für konstruktiven Aktismusmus geworben: Raul Krauthausen, Cesy Leonard und Benjamin Schwarz (v. l.).

Mit spektakulären Aktionen bauen sie Druck auf, wollen Politik und Gesellschaft zwingen, die drängenden Probleme der Gegenwart anzugehen. Um konstruktiven Aktivismus ging es bei einer von der Körber-Stiftung unterstützten Veranstaltung des Literaturherbstes Göttingen mit Inklusionsaktivist Raul Krauthausen, Journalist Benjamin Schwarz und Aktionskünstlerin Cesy Leonard.

Göttingen – Die von Greta Thunberg initiierte Schulstreikaktion Fridays for future bringt jungen Menschen auf die Straße, die in den kommenden Jahrzehnten die Konsequenzen einer unzureichenden Klimapolitik tragen müssen. Seenotrettende wie Kapitänin Carola Rackete bergen schiffsbrüchige Flüchtlinge aus dem Mittelmeer, weil die Politik aus Angst vor Zuwanderung untätig bleibt. Leonard wiederum wurde unter anderem mit einer Aktion des Zentrums für Politische Schönheit bekannt, als sie mit anderen im Nachbargarten des AfD-Politikers Björn Höcke im thüringischen Bornhagen das Berliner Holocaust-Mahnmal nachbaute.

Konstruktiven Aktivisten gehe es nicht darum „Steine zu werfen oder Autos anzuzünden“, stellte die studierte Schauspielerin klar. Radikal seien sie trotzdem. Sie betrachteten Gesetze, die den Grundwerten menschlicher Gesellschaft widersprächen, „als unrechtmäßig“. So sei Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland lange legal, aber trotzdem nicht tolerierbar gewesen.

„Ich kämpfe dafür, dass der Staat Verantwortung für gesellschaftliche Probleme übernimmt“, betonte Inklusionsaktivist Krauthausen. So gehe es nicht an, dass Hartz-4-Sätze so niedrig lägen, dass sich Bedürftige bei der Tafel – einer privaten Hilfsorganisation – mit Lebensmitteln eindecken müssten. Auch Barrierefreiheit dürfe nicht mehr vom Wohlwollen der Bauleute abhängig sein, sondern müsse verbindlich vorgeschrieben werden.

„Aktivisten zeichnen sich durch Ungeduld aus“, erklärte Journalist Schwarz, der zusammen mit Krauthausen das Buch „Wie kann ich was bewegen? Die Kraft des konstruktiven Aktivismus“ (Edition Körber 2021) veröffentlicht hat. Aktivisten seien nicht länger bereit, Missstände hinzunehmen. Es reiche ihnen nicht, alle paar Jahre zur Wahl zu gehen. Sie wollten das Gewissen der Gesellschaft wachrütteln, die Verantwortlichen zur Rede stellen, gegebenenfalls auch Abläufe stören.

„Sehen sie sich als Helden?“, wollte Moderatorin Christine Watty (Deutschlandfunk Kultur) von den Diskussionsteilnehmenden wissen. Der Mut und die Bereitschaft, sich in Lebensgefahr zu bringen, habe etwas Heldenhaftes, erklärte Journalist Schwarz. Der Begriff könne aber dazu führen, dass Aktivisten „auf ein Podest gestellt“ würden, gab Aktionskünstlerin Leonard zu bedenken.

Mit ihrer Organisation Radikale Töchter wolle sie jungen Menschen zeigen, dass jeder von ihnen eine Greta Thunberg werden könne. Es beginne immer mit einem ersten Schritt, etwa einem Leserbrief an die örtliche Tageszeitung. (Michael Caspar)

Von Michael Caspar

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