Uni distanziert sich von Ehrenbürger Göring

Die Universität Göttingen: Das ist der Eingang zum Zentral-Campus. Foto: dpa

Göttingen. Knapp 70 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland hat sich die Universität Göttingen jetzt von acht Ehrungen distanziert, die sie während der NS-Zeit verliehen hatte, darunter für Hermann Göring.

Nach Angaben der Hochschule bezieht sich der entsprechende Senatsbeschluss auf fünf Ehrenbürger, unter ihnen der Heimatdichter Heinrich Sohnrey, NS-Politiker Göring sowie auf drei Ehrendoktoren. „Die damals geehrten Personen haben aktiv durch publizistische Tätigkeit oder als Funktionsträger die Ideologie des Nationalsozialismus verbreitet und seine Herrschaft gestützt. Sie stehen deshalb außerhalb der von der Aufklärung geprägten Tradition der Universität Göttingen“, sagte der stellvertretende Senatssprecher Professor Jörg-Martin Jehle.

Machtergreifung

Die Universität Göttingen hatte sich bereits unmittelbar nach der nationalsozialistischen Machtergreifung als besonders willfährig gegenüber dem Hitler-Regime gezeigt. Vor drei Jahren war die Hochschule durch eine Studie des Literaturwissenschaftlers Frank Möbus über die NS-Vergangenheit des Schriftstellers Heinrich Sohnrey darauf aufmerksam geworden, dass dieser 1934 die Ehrenbürgerschaft der Universität erhalten hatte. Die Hochschule hatte daraufhin sämtliche Ehrentitel aus der NS-Zeit überprüfen lassen.

Die Historiker Professor Dirk Schumann und Lena Elisa Freitag vom Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte untersuchten insgesamt 35 Ehrenbürger und Ehrendoktoren. Fazit ihrer Studie: Acht von ihnen seien durch ihre Nähe zum Nationalsozialismus so stark belastet, dass sie „nicht mehr als Teil der von der Aufklärung geprägten Tradition der Georg-August-Universität gelten“ könnten.

Zu ihnen gehört der führende NS-Politiker Hermann Göring (1893 bis 1946). Die Universität hatte Göring, der auch das Amt des „Reichsforstmeisters“ innehatte, im Mai 1939 anlässlich der Eingliederung der Forstlichen Hochschule Hann. Münden als Fakultät in die Universität Göttingen zum Ehrenbürger ernannt. In der Urkunde hieß es, man ehre in ihm „den treuen und beharrlichen Vorkämpfer nationalsozialistischer Weltanschauung, der forstliches Brauchtum ehrfürchtig bewahrt und schützt“. Irgendwelche Verdienste um die Universität Göttingen konnten die Autoren der Studie indes nicht entdecken. (pid)

Weitere Ehrenbürger, von denen sich die Uni distanziert

Hier die weiteren Ehrenbürger, von denen sich die Universität Göttingen jetzt distanziert: Es sind der in Moringen aufgewachsene Jurist und Dichter Börries Freiherr von Münchhausen (1874 bis 1945), der damalige japanische Botschafter Hiroshi Oshima (1886 bis 1975), der „Solling-Dichter“ Heinrich Sohnrey (1859 bis 1948) sowie der Oldenburger Verleger Heinrich Stalling (1865 bis 1941), der unter anderem Werke von Joseph Goebbels veröffentlicht hatte. Außerdem distanziert sich die Hochschule von den Ehrendoktorwürden für den Wiener Prähistoriker Oskar Menghin (1888 bis 1973), den Theologen Martin Redeker (1900 bis 1970) und den Schriftsteller Heinrich Zillich (1898 bis 1988).

Eine Aberkennung der damals verliehenen Titel ist nach Angaben eines Universitätssprechers nicht nötig. Die Ehrenbürgerschaften und Ehrendoktorwürden seien mit dem Tod der geehrten Personen erloschen. (pid)

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