Göttingen: Doktor-Umzug nicht versichert

Gericht: Lustiger Brauch an der Uni Göttingen ist keine Betriebsfeier

Eine sportliche Herausforderung für Doktoranden: Wer in Göttingen promoviert, muss den Gänselieselbrunnen in der Innenstadt besteigen und der bronzenen Figur einen Kuss aufdrücken.
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Eine sportliche Herausforderung für Doktoranden: Wer in Göttingen promoviert, muss den Gänselieselbrunnen in der Innenstadt besteigen und der bronzenen Figur einen Kuss aufdrücken.

Wer in Göttingen mit Erfolg promoviert, darf hinterher nicht nur den Doktortitel tragen, sondern muss sich auch noch einer besonderen Herausforderung stellen.

Göttingen – Seit Jahrzehnten ist es in der Universitätsstadt Brauch, dass frisch examinierte Doktoranden mit bunt geschmückten Bollerwagen zum Marktplatz ziehen.

Brauch in Göttingen: Der Promotionsumzug ist nicht unfallversichert

Dort müssen sie den Gänseliesel-Brunnen besteigen und die Bronzefigur küssen. Das kann eine recht feuchte Angelegenheit werden, vor allem dann, wenn die Kollegen, Freunde und Angehörigen mit Wasserbomben werfen.

Die akademische Abschlussfeier, die es so nur in Göttingen gibt, ist ein lustiges Spektakel, eines aber ist sie nicht: Der Promotionsumzug zum Gänseliesel ist keine Betriebsfeier und deshalb auch nicht unfallversichert. Das hat jetzt das Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen entschieden (Aktenzeichen L 6 U 30/18).

Brauch in Göttingen: Nach dem Kuss wollte sie den „Doktorwagen“ zurückbringen

Das Gericht lehnte die Klage einer Mitarbeiterin des Max-Planck-Instituts für experimentelle Medizin in Göttingen gegen die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienste und Wohlfahrtspflege ab. Die Klägerin hatte im Mai 2012 einen frisch gebackenen Absolventen bei seinem Promotionsumzug zum Gänselieselbrunnen begleitet.

Nach dem feierlichen Kuss wollte sie gemeinsam mit mehreren Kolleginnen den institutseigenen „Doktorwagen“ zum Institut zurückbringen. Zwei Kolleginnen zogen den Bollerwagen, die Klägerin schob von hinten. Als der Zug gerade die Göttinger Fußgängerzone verlassen hatte, sackte sie plötzlich zusammen, stürzte rücklings auf den Bürgersteig und war kurzzeitig ohnmächtig.

Brauch in Göttingen: Institutsmitarbeiterin zog vor Gericht

Sie kam zur stationären Behandlung in die Universitätsmedizin Göttingen. Die dortigen Ärzte diagnostizierten eine Schädelfraktur und wiesen zudem darauf hin, dass die Patientin an Bluthochdruck leide, ihre Medikation aber falsch eingestellt sei.

Da die Berufsgenossenschaft es ablehnte, den Sturz als Arbeitsunfall anzuerkennen, zog die Institutsmitarbeiterin vor Gericht – anfangs mit Erfolg: Das Sozialgericht Hildesheim entschied, dass der Sturz ein Arbeitsunfall gewesen sei.

Brauch in Göttingen: Landessozialgericht verwies auf das Bundessozialgericht in Kassel

Das „Verbringen des Handkarrens“ sei unstreitig eine „Verrichtung einer versicherten Tätigkeit“ gewesen. Gegen dieses Urteil legte die Berufsgenossenschaft Berufung ein – und bekam dabei Recht.

Das Landessozialgericht verwies auf eine Entscheidung des Bundessozialgerichts in Kassel. Dieses hatte 1995 in einem anderen Fall entschieden, dass für den Promotionsumzug kein gesetzlicher Unfallversicherungsschutz bestehe. (Heidi Niemann)

Erst 2001 wurde das „Kussverbot“ fürs Gänseliesel aufgehoben

Das „Gänselieselküssen“ hat schon früher die Justiz beschäftigt. Offiziell erlaubt ist der Spaß erst seit knapp 20 Jahren: Am 7. Juni 2001 wurde das seit der Weimarer Republik bestehende, aber ständig missachtete Kussverbot aufgehoben.

Bis dahin galt in Göttingen immer noch die Polizeiverordnung aus dem Jahr 1926, die das Erklettern des Brunnens und damit das Küssen des Gänseliesels verbot. Damals kam es auch zu dem legendären Göttinger Kuss-Prozess.

Die Brunnenfigur hat übrigens eines mit den Doktorarbeiten mancher Politiker gemeinsam: Sie ist nur eine Kopie, also gewissermaßen ein Plagiat.

Die Originalfigur befindet sich seit der gewaltsamen Attacke eines Vandalen, bei der Ende der 1970-er Jahre eine der Gänse ihren Kopf verlor, im Museum. Damals wurde im Zuge der Restaurierung gleich noch ein Abguss gefertigt, um das Original vor weiteren Beschädigungen zu schützen.

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