Film und Diskussion im Lumiere-Kino

Doku über Krankenhaus als Unternehmen: Patienten sind heute Kunden

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Das bringt Geld: Chirurgen im Operationssaal der Klinik für Herz- und Thoraxchirurgie an der Uni-Klinik Köln setzen einem Patienten eine Herzklappeein.

Göttingen - Der Film „Der marktgerechte Patient“ über das Wirtschaftsunternehmen Krankenhaus füllte Montag das Kino Lumiere und bewies: Das Thema Gesundheitssystem zieht.

Geladen hatte der Verein Kibis – Kontakt-, Informations-, Beratungsstelle im Selbsthilfebereich im Gesundheitszentrum Göttingen. Im Publikum: enttäuscht-wütende Patienten, Mediziner, ob etabliert oder in Ausbildung und im Studium, politisch Engagierte und Interessierte. Sie sahen in dem Film von Leslie Franke und Herdolor Lorenz in komprimierter, zugespitzter Form das, was viele schon erlebt haben – die desaströse Entwicklung in der deutschen Krankenhaus- und Klinik-Landschaft – vom menschenorientierten Krankenhaus hin zur profitorientierten Klinik-Fabrik.

Die Macher stellen an verschiedenen Standorten wie München, Hamburg und Dortmund vor, wie massiv der von der großen Koalition 2004 eingeschlagene Privatisierungsweg für Krankenhäuser die Landschaft verändert hat: Kommunale Kliniken wurden an Konzerne wie Helios und Asklepios verscherbelt (Hamburg), mit ihnen – durch Einsparungen – dann auch die Bettenkapazität. Klinik-Manager drehten und drehen in den Privatkliniken jeden (Personal-)Stein um: Verschlankung, Stellenabbau, Spezialisierung der Angebote. Da lohnten sich selbst Kinderstationen nicht mehr, oder die Notaufnahmen oder Diabetes-Zentren, mit drastischen Folgen für Patienten, die nicht aufgenommen werden können.

Knackpunkt sei die Einführung der Fallpauschalen, sagte in der Gesprächsrunde der Arzt Thomas Polchau. Oder genauer: die nicht (mehr) funktionierende Finanzierung der Kliniken – auch der kommunalen, vor allem der Uni-Kliniken, die schwarze Zahlen schreiben sollen, gleichwohl aber alle – auch unrentable Leistungen – anbieten müssen. Kritisiert wird, dass sich die zuständigen Länder aus der Finanzierung für Modernisierungen und Neubauten herausgezogen hätten. 

So muss – selbst für kommunale Kliniken – das Geld der Patienten, der Versicherten her, um den Laden modern zu halten. Dann werde schon mal lukrativ operiert, auch, wenn eine konservative Behandlung effektiver, ja gesünder wäre, die aber viel länger dauert.

Und: Zeit ist Geld im Krankenhaussystem. Also müssen die Patienten innerhalb von zwölf Tagen raus. Das Bett muss frei werden, wieder Geld einspielen. Zeit fehlt auch den Ärzten, selbst für Gespräche und (lebens-)wichtige Patientenbesuche. So gibt es weniger Personal für mehr Patienten. Pfleger und Therapeuten sind rar, die Berufe unattraktiv. Betten können nicht belegt, selbst kranke Kinder nicht behandelt werden. 

Aber: Menschen begehren auf – voran die Pflegekräfte. Langfristige Erfolge sind selten. Sich wehren ist gut, meinen die Teilnehmer an der Diskussion, so Rechtsanwältin Katja Kohler und Grünen-Kreispolitikerin Maria Gerl-Plein. Ändern könnte es aber nur die Politik: das Gesundheitssystem neu aufstellen, die Finanzierung neu organisieren. Und: den Patienten wieder in den Fokus rücken, als Menschen sehen, dem man helfen will und nicht vorrangig als Mittel zum Geld verdienen.

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