Protest an der Uni

Drohendes Aus für Geschlechterforschung: Studierende gehen auf die Straße

Protest gegen Sparmaßnahmen des Landes und Pläne der Universität: Der Fachbereich Geschlechterforschung an der Uni Göttingen steht auf der Kippe: 200 Studierende protestierten gegen die drohende Schließung.
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Protest gegen Sparmaßnahmen des Landes und Pläne der Universität: Der Fachbereich Geschlechterforschung an der Uni Göttingen steht auf der Kippe: 200 Studierende protestierten gegen die drohende Schließung.

Dem Bereich Geschlechterforschung an der Uni Göttingen droht möglicherweise das Aus. Dagegen gibt es Proteste von Studierenden.

Göttingen – Mit einem Protestmarsch durch die Göttinger Innenstadt und einer Kundgebung vor dem Präsidium der Uni Göttingen am Wilhelmsplatz haben knapp 200 Studierende der Georg-August-Universität gegen die drohende Schließung des Fachbereichs Geschlechterforschung (Gefo) protestiert – und weiterer Bereiche. „Gefo retten, Sparmaßnahmen stoppen!“ lautete das Motto der Demonstration, die von der Fachgruppe Geschlechterforschung und dem studentischen Aktionsbündnis „Die Gefo retten!“ organisiert wurde und an der auch zahlreiche Studierende anderer Fachbereiche teilnahmen.

Anlass der Aktion war die drohende Schließung der beiden Studiengänge Geschlechterforschung (Bachelor und Master) sowie deren aus Sicht der Organisatoren „konstante Unterfinanzierung“, die sich erheblich auf die Qualität der Studiengänge auswirke.

„Aufgrund der vom Land Niedersachsen auferlegten Sparmaßnahmen, die Kürzungen im universitären Haushalt vorschreiben, sieht sich die Sozialwissenschaftliche Fakultät gezwungen, finanzielle Mittel einzusparen“, heißt es in einer Pressemitteilung der Fachgruppe Gefo. Neben anderen Vorschlägen sei dem Fakultätsrat die vollständige oder teilweise Streichung der Geschlechterforschung empfohlen worden.

„Bereits zu Beginn des Jahres hatte eine hochschulinterne Untersuchung festgestellt, dass der Studiengang aufgrund der Unterfinanzierung und des mangelnden Lehrpersonals nicht weiter akkreditiert werden kann und den sozialwissenschaftlichen Fakultätsrat beauftragt, ein neues Konzept für den Studiengang vorzulegen“, heißt es in dem Schreiben.

Durch das Fehlen einer Professur gebe es im Fakultätsrat keine stimmberechtigte Person, die die Interessen der Studierenden in Gänze vertrete, sodass eine Schließung der Studiengänge leichter erwogen werden könne, hieß es. Man müsse deshalb außerhalb des Gremiums laut werden und könne nicht nur den Fortbestand des Studiengangs fordern, sondern müsse auf eine drastische Verbesserung der Situation bestehen. „Wir brauchen eine Professur“, lautet deshalb die Forderung.

Durch den Sparkurs der Uni Göttingen wurden bereits mehrere „kleine Fächer“ wie Niederlandistik und Indologie geschlossen. „Mit der Geschlechterforschung ist nun auch ein Fach bedroht, das nicht länger als kleines Fach gilt“, sagte eine Sprecherin der Fachgruppe Gefo in einer Rede am Platz der Göttinger Sieben. „Einlur besorgniserregender Trend, der sich bereits mit Beginn der ersten Einsparungen abzeichnete, setzt sich somit unvermindert fort.“

Die Sparmaßnahmen der Landesregierung träfen den Bildungssektor direkt und auf Kosten der Schüler und Studierenden. Aus diesem Grund protestiere die Fachgruppe und das Aktionsbündnis „Die Gefo retten!“ nicht nur für den Erhalt der Geschlechterforschung und eine Verbesserung der aktuellen Situation, sondern gegen sämtliche Sparmaßnahmen im Bildungssektor und an der Uni Göttingen.

„Es kann nicht sein, dass der Erhalt unseres Studiengangs die Schließung oder qualitative Minderung anderer Studiengänge zur Folge hat“, sagte die Sprecherin. Aus diesem Grund bedürfe es in dieser Situation „einer bedingungslosen Solidarität unter den Studiengängen“. (Per Schröter)

Kommentar: Kürzungen lassen Forschung und Lehre leiden

Zu den Studenten-Protesten ein Kommentar von HNA-Redaktionsleiter Thomas Kopietz:

Früher war alles besser! Nein, war es nicht – auch vor drei Jahrzehnten gab es zu viele Studierende an der Universität Göttingen, zu wenig Geld und eine mangelhafte Ausstattung in manchen Fakultäten und Fachbereichen.

Das Aufbegehren der Studierenden und der Fachgruppe Gefo ist ebenfalls nichts Neues, aber es ist richtig und wichtig. Dass es um mehr als den Gefo-Erhalt geht, verhehlen die Protestierenden nicht. Mittelkürzungen vom Land für die Unis, aber auch die finanzielle Schieflage der Göttinger Uni schlagen durch, treffen bei Kürzungen im Personalbereich die kleineren – durchaus wichtigen – Fachbereiche stärker, als die Größeren. Dass es nicht mehr nur um den Wegfall von Stellen, sondern auch um Wochenarbeitsstunden von Mitarbeitenden und Kosten im Hundert-Euro-Bereich geht, ist ein offenes Geheimnis.

All das hat mehr als nur imageschädigende Wirkung. Neben der Forschung leidet vor allem die Lehre, wenn bestimmte Angebote wegen Geldmangel wegfallen, wenn die Qualität der Ausbildung abnimmt, wenn Studierende bereits zum Bachelor-Studienbeginn schauen müssen, wo sie danach bleiben, wohin sie Göttingen verlassen müssen. Auch das hat mittelfristig Folgen, für die Georg-August-Universität, den Standort, die Wirtschaft, aber vor allem auch die universitäre Ausbildungsqualität.

Ein Aufbegehren gegen diese Entwicklung ist notwendig, aber es sollten mehr Protestierende im Sinne der Sache werden. Das übrigens war früher wirklich besser: Damals gingen solidarisch Tausende bei Demos auf die Straße. (Thomas Kopietz)

Im Februar 2022 gab es ebenfalls eine Demonstration an der Uni Göttingen. Dabei forderten Mitarbeiter der Hochschule unbefristete Jobs.

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