Bauern der Region sind in Not

Dürre im Landkreis Göttingen: Futter für Nutztiere fehlt

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Krisenmodus in Folge der Dürre auf dem Hof Bürger in Barterode: (von links) Andrea Bürger, der Bundesabgeordnete Fritz Güntzler, Clemens Bürger, Anna Marie Bürger mit Kuh Steffi, Horst-Günther Bürger und Landvolk-Geschäftsführer Achim Hübner.

Barterode. Die Landwirte der Region sorgen sich: Finanzielle Hilfen alleine reichen nicht, um die Folgen der Trockenheit für die Viehhalter abzumildern.

Darüber hinaus müssten weitere Maßnahme ergriffen werden: Nicht nur, um kurzfristig zu helfen, sondern auch um die Aussaatbedingungen für das kommende Jahr zu sichern. 

Das forderten das Landvolk Göttingen und Milchbauern bei einem Ortstermin mit dem Göttinger Bundestagsabgeordneten Fritz Güntzler (CDU) auf dem landwirtschaftlichen Betrieb von Andrea und Horst-Günther Bürger in Barterode. Die Familie ist von den Folgen der anhaltenden Trockenheit besonders betroffen. Wie andere Höfe auch, kämpfen sie insbesondere mit dem fehlenden Futter für ihre Tiere, das wegen der fehlenden Niederschläge nicht wachsen kann.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat zwar Nothilfen aus Bundesmitteln für die Betriebe in Höhe von 150 bis 170 Millionen Euro angekündigt und die Länder wollen diesen Betrag auf rund 340 Millionen aufstocken. Doch dieses Geld soll voraussichtlich erst im Dezember ausgezahlt werden. „Wir hoffen, dass dieses Geld ausreicht und hier auch vor Ort ankommt“, sagt Göttingens Landvolk-Geschäftsführer Achim Hübner.

Das Landvolk als Bauernverband wünscht sich die Verschiebung der Sperrfristen für den sogenannten Wirtschaftsdünger, damit die inzwischen ausgesäten Zwischenfrüchte zur Futterproduktion wachsen und entsprechende Mengen geerntet werden können.

Hübner: „Planwirtschaft ist in solchen Jahren nicht umsetzbar.“ Darüber hinaus halten die Landwirte eine Tarifglättung bei der Besteuerung für notwendig, zudem eine Mehrgefahrenversicherung für Ernteausfälle und Planungssicherheit für Auflagen.

Ökologische Vorrangflächen zur Verwendung als Futtermittel wurden inzwischen freigegeben. Das Wichtigste ist jedoch: „Wir brauchen ergiebigen Landregen“, sagte Hübner.

Tiere müssen satt werden

Das Futter für die Tiere fehlt: Der Betrieb von Andrea und Horst-Günther Bürger in Barterode steht stellvertretend für eine ganze Reihe von Betrieben mit Tierhaltung in Südniedersachsen, die auf mageren Kalkstandorten wirtschaften, und deshalb besonders unter den seit Monaten ausbleibenden Niederschlägen und der damit verbundenen Dürre leiden.

Die Äcker sind braun, kein grüner Halm weit und breit. Insbesondere für die rund 100 Milchkühe zuzüglich Nachzucht steht nicht genug Futter zur Verfügung, um über den Winter zu kommen.

In normalen Jahren reichen die Erträge der 130 Hektar Äcker und Wiesen des Hofes aus, um die Tiere, zu denen auch noch zwischen 700 und 800 Mastschweine gehören, mit dem selbst angebauten Futter zu versorgen. Auch die anfallende Gülle kann nach den Worten der Familie problemlos auf diesen Flächen als Dünger ausgebracht werden. „Wir sind autark. Das ist eine runde Sache“, sagt Horst-Günther Bürger, der mit seinem konventionell arbeitenden Betrieb als Paradebeispiel für eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft gelten kann.

Das Ehepaar betreibt den Hof bereits in der 14. Generation. Belegt ist der Familienbesitz bis in die Zeit des 30-jährigen Krieges (1618 bis 1648). Die 15. Generation steht ebenfalls bereits in den Startlöchern. Sohn Clemens hat eine landwirtschaftliche Ausbildung absolviert und arbeitet im Betrieb mit.

Wegen der Dürre befindet sich der Hof in diesem Jahr im Krisenmodus: Auf den 40 Hektar Grünland konnte nur zweimal Gras geerntet werden, der zweite Schnitt war schon ertragsschwächer, der Schnitte drei und vier entfielen ersatzlos. „Es ist einfach nichts mehr gewachsen“, sagt Horst Bürger. An die 60 Prozent weniger hat die Familie geerntet.

Zukauf funktioniert nicht, weil es nur wenig oder nichts auf dem Markt gibt. Das Futter wird deshalb gestreckt. Das geht aber nur beim Jungvieh. „Milchkühe brauchen gutes Futter. Sie sind genetisch auf das Milch geben angelegt“, sagt Andrea Bürger. „Wir müssen die Tiere satt kriegen.“

Außerdem wirkt sich die Hitze auf die Tiere aus. 15 Prozent weniger Milch fließt aus den Eutern. Bei den zurzeit gleichbleibenden Preisen bedeutet das weniger Einnahmen für den Betrieb.

Um mit dem vorhandenen Futter über die Runden zu kommen, hat Familie Bürger unterdessen geplante Verkäufe an Schlachtbetriebe oder für den Export vorgezogen. Die Preise seien aber bereits um 20 Prozent gesunken, weil andere Betriebe genau so handeln. Horst Bürger: „Der Druck kommt von allen Seiten.“

Schlechte Maisernte

Die Maisernte verspricht, ebenfalls schlecht zu werden. „Normalerweise müsste sich der Schlag dorthin als kräftige Silhouette abheben“, sagt er und weist mit dem Arm auf einen Schlag auf der Anhöhe gegenüber seines Hofes. Doch da ist nur ein Schatten sichtbar, so braun wie das Ackerland und Weiden der Umgebung.

Als Notlösung soll der Anbau von Zwischenfrüchten dienen, die der Betriebe inzwischen eingesät hat: Sauber liegt eine Furche neben der anderen am offenen Stall. Doch ohne Regen bleibt die Saat im Erdboden und geht nicht auf.

Futterbörse im Internet

Heu-Rundballen, Silomais oder Futterstroh werden über die jetzt eingerichtete Grundfutterbörse der der Landwirtschaftskammer (LWK) Niedersachsen im Internet vermarktet, um den Betrieben zu helfen, die dringend Futter für ihre Tierbestände suchen. Die LWK teilte mit, die kostenlose Eingabe von Angeboten sowie von Gesuchen sei über Bürocomputer, Tablet und Smartphone möglich. Anbieter und Nachfrager müssten sich dazu lediglich im Marktportal registrieren, einloggen und dann die grundlegenden Angaben wie Futterart, Menge, Verfügbarkeit und Kontaktmöglichkeit eingeben. Angebote und Nachfragen werden spätestens nach vier Wochen gelöscht, heißt es weiter.

www.lwk-niedersachsen.de/marktportal

Etwa 25 Prozent weniger Ertrag bei Weizen, Gerste und Raps

Bei Weizen, Gerste, Raps und anderen Arten erwartet das Göttinger Landvolk in der Region deutliche Mindererträge von rund 25 Prozent.

Einzelne Betriebe haben sogar nur rund die Hälfte des langjährigen Durchschnitts ernten können. Preisanstiege und geringere Erntekosten würden die Minderträge zum Teil ausgleichen. Manch ein Betriebsinhaber mit guten Standorten, formulierte ein Insider salopp, finde „vor Lachen nicht in den Schlaf“.

Die Gesamteinschätzung des Landvolks: „Insgesamt kein gutes Jahr, aber auch keine Katastrophe.“ Im Futterbau haben die Betriebe ein kräftiges Mengenproblem. Bei der Grassilage gibt es 50 Prozent weniger, beim Silomais geht der Verband von 30 Prozent weniger aus. 

Der Verband schätzt die jährlichen Mehrkosten für 100 bis 120 Kühe auf rund 30 000 Euro, wenn ein Zukauf überhaupt möglich ist.

Hilfe, wo es notwendig ist

Hans-Peter Niesen über die Folgen der Dürre

Die Folgen der anhaltenden Dürre wirken sich nicht gleichermaßen auf alle Betriebe aus. Es gibt auch Höfe, die wirtschaftlich die Trockenheit vergleichsweise gut überstehen werden, weil gestiegene Preise geringere Erntemengen auffangen oder sogar übersteigen. Das räumt das Landvolk als Bauernverband offen ein.

Deshalb müssen Land und Bund genau darauf achten, dass nur den Landwirten geholfen wird, die in einer Notlage stecken und dass es keine unerwünschten Mitnahmeeffekte für die Betriebe gibt, die das Einmaleins der Antragstellung perfekt beherrschen.

Dieses Verteilungsproblem muss gelöst werden. Gleichzeitig müssen die Verbände offensiver erklären, wer Hilfe benötigt. Durch die überstürzte Pauschalforderung von Bauernpräsident Joachim Rukwied nach Hilfen in Höhe von einer Milliarde Euro ist leider bei Teilen der Bevölkerung der Eindruck von Maßlosigkeit entstanden.

Die Betriebe haben ohne Zweifel Solidarität verdient, durch pauschale Forderungen kann die Hilfsbereitschaft aber auch mit Füßen getreten werden.

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