Einzigartiges System für Nahverkehr

EcoBus aus Göttingen wurde schnell zum Liebling

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In Claustal-Zellerfeld: Die Kleinbusse des EcoBus-Systems fuhren in der zweiten Testphase im Harz – und kamen bei Nutzern prima an.

Das in zwei Pilotprojekte im Harz und Raum Kalefeld/Bad Gandersheim getestete Nahverkehrssystem EcoBus aus Göttingen kam bei Nutzern prima an.

Auch politisch Verantwortliche bezeichnen den EcoBus als Bereicherung für die Region und die Mobilität der Menschen im ländlichen Raum. Die Kleinbusse reagieren auf Anforderung per Telefon oder Handy-Applikation (App) und fuhren in den Testgebieten, wo es „keine ähnlichen Privatverkehre“ gab, wie Prof. Stephan Herminghaus vom federführenden MPI für Dynamik und Selbstorganisation betont. Seine Fazit ist überaus positiv: „Unser Forschungsprojekt EcoBus wurde in den Pilotregionen ausgesprochen gut angenommen.“

Er und MPI-Kollege Jan Schlüter nannten auch als Ergebnisse: EcoBus kam in allen Altersgruppen gut an, nicht nur wie erwartet bei den über 65-Jährigen, sondern auch in der wichtigen Gruppe der 26 bis 45 Jahre alten Einwohner und – unerwarteterweise – bei den bis 26-Jährigen. Ein positives Zeichen war der stetige Anstieg der Auslastung und der Nutzerzahlen von Anfangs 100 auf 250 Nutzer pro Tag. Am Ende hatten sich in den Pilotregionen fast ein Siebtel aller Einwohner bei EcoBus angemeldet. Man habe eine „respektable Marktdurchdringung in Rekordzeit“ erreicht.

Die MPI-Wissenschaftler, deren Vorhersagen oft bestätigt wurden, registrierten auch Unerwartetes, wie die erhöhte Nachfrage an Wochendenden, dann, wenn der Öffentliche Nahverkehr oft weniger Fahrten anbietet. Eine weitere wichtige Erkenntnis: Bei längeren Fahrstrecken, „wird das Gesamtsystem dann besser, wenn EcoBus mit einem attraktiven Linienverkehr kombiniert wird“. Große Busse fahren die großen Distanzen, Kleinbusse die letzte Meile bis zur Haustür. „Wir haben unglaublich viele praktische Erfahrungen gesammelt, die uns für weitere Tests helfen“, so Herminghaus, der auch sagt: „Der reale EcoBus-Betrieb hängt von Kosten und Zuschüssen der Kommunen und des Landes ab.“ Der Bedarf aber ist da.

Das ist das Eco-Bus-System

Die Besonderheit des vom Göttinger Max-Planck-Institut (MPI) für Dynamik und Selbstorganisation mit HAWK und Uni Göttingen entwickelten und weltweit einzigartigen Eco-Bus-Systems ist das flexible Reagieren auf Anforderung, unabhängig fester Linien wie im „normalen“ öffentlichen Nahverkehr. Ziel ist ein Transport von Tür zu Tür unter Nutzung anderer Nahverkehre sowie Taxen. Die nächste Pilotphase im Raum Leipzig prüft die Anbindung an den Großstadtverkehr. Nach einer ersten Pilotphase im Raum Kalefeld und Bad Gandersheim während der Domfestspiele im Sommer 2018 fuhren bis zu zehn EcoBusse ein halbes Jahr lang im Harz rund um Goslar, Clausthal-Zellerfeld und Osterode. Finanziert wurde die Pilotphase durch Geld des Landes Niedersachsen und der EU. Der Pilotbetrieb endete am 28. Februar 2019. Die MPI-Wissenschaftler betreiben eine Grundlagenforschung zum Thema flexible Mobilität - die aber umgesetzt und angewendet werden sollen. Während der Arbeit ist die Forchungsgruppe "Next Generation Mobility" entstanden. Ein Ergebnis ist bereits, dass der EcoBus von allen Altersgruppen genutzt wird: "Das liegt daran, dass der Fahrgast beim EcoBus nichts über Haltestellen und Fahrpläne wissen muss". Das mache laut Schlüter die Nutzung einfach. "Der EcoBus kann online und per App in Echtzeit bestellt werden und wie ein Auto von Tür zu Tür fahren." Das Projekt soll auch Aufschlüsse geben, wie und wann Busse bei welcher Topografie und Bevölkerungsstruktur fahren sollen. Ziel ist eine intelligent vernetzte Mobilität, eine bessere Nutzung von Fahrzeugen, sprich besser besetzte Fahrzeuge und letztlich eine effektivere Mobilität - auch im Sinne des Klimaschutzes. 

Die Welt blickt nach Kalefeld

Der Appell ist auch ein Auftrag: „Das EcoBus-System kann nur mit den Verkehrsverbünden in Zusammenarbeit umgesetzt werden, nicht aber mit Privaten.“ Für Prof. Stephan Herminghaus war von Beginn an klar: „EcoBus ist keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung zum öffentlichen Nahverkehr.“

Diese Befürchtung äußerten schon früh Kritiker wie von Pro Bahn offen, andere hinter vorgehaltener Hand. Sie prophezeiten den Misserfolg in den Testgebieten Kalefeld/Bad Gandersheim und Harz. Es kam anders: Nach Kalefeld und Bad Gandersheim sowie den Harz schaut „nun die ganze Welt“. Interessierte, wie aus Südafrika würden sich daran orientieren, sagt MPI-Forscher Jan Schlüter. Denn bei den Tests wurden harte Daten, aber auch Erfahrungen, Wünsche und Kritik von Nutzern gesammelt. „Das sei in Modellrechnungen unmöglich und von unschätzbarem Wert.

Der Bürgermeister von Osterode, Klaus Becker, hat fast nur positive Stimmen von Bürgern und Touristen in seiner Gemeinde, aber auch im Harz gehört, die den EcoBus nutzten. „Am Ende war die Nachfrage größer als das Angebot, das spricht für sich.“ Osterode leistete sich bis vor einigen Jahren einen Stadtbus, pumpte jährlich 80.000 Euro aus dem Stadtsäckel hinein.

„Wir wären heute bereit, mehr als 100.000 Euro zu bezahlen, wenn wir dafür einen guten öffentlicher Nahverkehr als Kombination aus bereits verbessertem Buslinien- und Bahnverkehr sowie dem flexiblen EcoBus-System hätten, das aber nicht nur zwei Mal am Tag fährt.“

Dieter Bertelsmann aus Hann. Münden fordert eine bessere Verzahnung der Verkehrsverbünde ZVSN und NVV (Nordhessen) sowie eine Umkehr in der Finanzierung, die in kommunalen Haushalten klar auf den Autoverkehr ausgerichtet sei. ÖPNV und Fahrradverkehr erhielten deutlich weniger Geld.

Northeims Landrätin Astrid Klinkert-Kittel widerspricht, verweist darauf, dass Gelder nicht ohne Weiteres hin und her geschoben werden könnten. Wir verwenden etwa 50 Prozent für soziale Aufgaben.“ Da könne man nicht einfach etwas wegnehmen. Sie merkt auch kritisch an, dass zunehmend Busfahrer fehlen.

Was EcoBus in einer Gemeinde bewirken kann, in der sich die Bürger „vom öffentlichen Nahverkehr abgehängt fühlten“, beschreibt Kalefelds Bürgermeister Jens Meyer. „Die Menschen bei uns waren begeistert, sie fragen heute noch ständig: Geht das weiter?“ Wichtiger Nebeneffekt sei auch, dass der ZVSN im Zuge des Projektes auch wieder den Linien-Service verbessert habe.

Michael Frömmin g, Geschäftsführer des beteiligten ZVSN freut sich über das Lob. Er sieht den EcoBus als eine große Chance. „Wir wollen das nach vorne bringen.“ Das sei eine Aufgabe. „Wir müssen aber auch gucken, was das kostet.“ Im Harz läge die Kostendeckung im Nahverkehr bei 50 bis 60 Prozent. „Haus-zu-Haus-Angebote kommen auf weniger.“ Die MPI-Forscher beziffern die Kostendeckung bei EcoBus auf 22 Prozent. Frömming betont auch: „Das Taxi-Gewerbe gehört mit in das System.“ Am Ende stünde die Frage, „Was können wir uns leisten, was leistet sich die Politik“.

Ein Fazit, das auch Prof. Stephan Herminghaus trotz aller Statistik- und Rechenergebnisse, unterstreicht: „Letztlich entscheiden die Kosten und Zuschüsse über die Chancen, EcoBus dauerhaft zu installieren.“

Interessenten aus aller Welt haben bereits beim MPI wegen EcoBus angefragt. Der nächste Test läuft in Leipzig – nicht in Göttingen und Hannover. Andere waren bereits schneller. Dort soll die Vernetzung von Bahn, Linienbussen und Taxen mit dem EcoBus getestet werden und aufschlussreiche Erkenntnisse laus dem Umfeld einer Großstadt liefern. (tko)

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