Urteil

Ehrenmord droht: Göttinger Gericht gewährt junger Frau aus dem Irak Schutz

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Das Verwaltungsgericht Göttingen an der Berliner Straße: Hier werden Klagen aus den Landkreisen Göttingen und Northeim bearbeitet.

Weil ihr in ihrer Heimat ein so genannter „Ehrenmord“ droht, darf eine irakische Staatsangehörige nicht in ihr Herkunftsland abgeschoben werden. Das hat das Verwaltungsgericht Göttingen entschieden.

Das Gericht gab damit einer Klage einer jungen Irakerin gegen das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge teilweise statt. Die Behörde hatte ihren Asylantrag abgelehnt und entschieden, dass sie keinerlei Aufenthaltsberechtigung habe und deshalb innerhalb von 30 Tagen Deutschland verlassen müsse. Anderenfalls drohe ihr die Abschiebung. Nach Ansicht des Gerichts steht der Irakerin jedoch ein subsidiärer Schutzstatus zu. Grund: Es sei davon auszugehen, dass die Klägerin bei einer Rückkehr familiärer Gewalt ausgesetzt sein werde und sogar Todesgefahr drohe (Aktenzeichen 2 A 917/17).

Die junge Irakerin hatte, ehe sie im Herbst 2015 ihr Heimatland verließ, zusammen mit ihren Eltern, ihrem Bruder und ihrer Schwester in der Stadt Kerbala gelebt. Ihren Asylantrag begründete sie damit, dass ihr Vater sie schwer misshandelt und mit dem Tod bedroht habe, weil sie heimlich einen der Familie nicht genehmen Mann geheiratet habe. Der Vater habe sie als Schande für die Familie bezeichnet und verstoßen. Daraufhin sei sie mit ihrem eigenen Schmuck und dem Gold ihrer Mutter zu einer Freundin gegangen, die ihr bei der Flucht geholfen habe.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge lehnte ihren Asylantrag ab und wollte ihr zudem weder die Flüchtlingseigenschaft noch den subsidiären Schutzstatus zuerkennen. Die Behörde hielt ihre Angaben für unglaubhaft, da diese zu detailarm und vage gewesen seien.

Das Gericht kam indes zu einer anderen Einschätzung. Die Klägerin habe bei ihrer Anhörung in der mündlichen Verhandlung ein schlüssiges und kongruentes Verfolgungsgeschehen nachvollziehbar vorgetragen. Demzufolge hatte sich die Irakerin an der Universität in einen jungen Mann verliebt. Als dieser um ihre Hand anhielt, habe ihre Familie dies abgelehnt. Sie sollte stattdessen einen Cousin heiraten. Um zu verhindern, dass sie weiter Kontakt zu ihrem Freund hielt, habe die Mutter ihr ein Handy weggenommen.

Die Klägerin gab an, dass sie sich darüber hinweggesetzt und bei einem Scheich heimlich religiös geheiratet hätten. Ihr Freund habe gemeint, dass ihr Vater dann keine andere Möglichkeit mehr hätte, als „Ja“ zu sagen. Nach der Heirat hätten sie auch miteinander geschlafen.

Als ihre nichtsahnenden Eltern ihr untersagten, nach den Semesterferien wieder an die Universität zu gehen, habe sie ihren Freund gebeten, noch einmal um ihre Hand anzuhalten. Danach sei er plötzlich nicht mehr auffindbar gewesen. Sie habe dann ihrer Mutter erzählt, dass sie schon verheiratet sei und keinen anderen Mann heiraten könne, worauf diese in Ohnmacht gefallen sei. Nachdem ihr Vater davon erfuhr, habe dieser sie geschlagen, mit dem Tode bedroht und aus der Familie verstoßen. Mittlerweile habe der Clan ihre Familie ausgeschlossen und sie zur Tötung „freigegeben“, um die „Familienehre“ wiederherzustellen.

VON HEIDI NIEMANN

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