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Ein Duo als Wohngemeinschaft im neuen Göttinger Literaturhaus

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Von: Thomas Kopietz

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Das künftige Literaturhaus an der Nikolaistraße 22 in Göttingen – im Kunstquartier. Hier ziehen das Festival Literaturherbst und das Literarische Zentrum ein – mit Büros und einem Saal – am Wochenende wird gefeiert.
Das künftige Literaturhaus an der Nikolaistraße 22 in Göttingen – im Kunstquartier. Hier ziehen das Festival Literaturherbst und das Literarische Zentrum ein – mit Büros und einem Saal – am Wochenende wird gefeiert. © Thomas Kopietz

Der Literaturherbst und das Literarische Zentrum sind künftig unter einem Dach in Göttingen zu finden. Das Literaturhaus öffnet am Samstag.

Göttingen – Anja Johannsen und Johannes Peter Herberhold stehen am Dienstagmorgen ein wenig verloren zwischen zig umherwuselnden Handwerkern, Bücherpaletten und einer Wand, die komplett mit Buchrücken verkleidet wird – unter Anleitung von Verleger Gerhard Steidl. Dieses scheinbare Chaos läuft an dem Ort in der Nikolaistraße 22 ab, der am Samstag zu einem einmaligen Literaturhaus in Deutschland werden wird und in dem zum Auftakt Stars wie Doris Dörrie und Matthias Brandt auftreten werden.

Einmalig warum? „Ganz einfach, weil es diese Kombination von Literaturhaus und Literaturfestival-Zentrum im deutschsprachigen Raum nicht gibt“, antwortet die Geschäftsführerin Literarisches Zentrum Göttingen, Anja Johannsen nun auf dem Nikolaikirchhof sitzend, wo es ruhiger ist. Johannsen kennt sich aus, sie, die bestens vernetzt ist, im Quartier der deutschen Literaturhäuser, 2021 in der Jury zum Deutschen Buchpreis dabei war.

Sie berichtet auch, dass in Städten wo es Literaturhäuser und Festivals gibt, beide Veranstalter meist nur widerwillig zusammenarbeiten, viel mehr – eher mild gesagt – eine Nichtkooperation pflegen.

Nicht nur, dass in den vergangenen Jahren beide „so herausragend starke Literatureinrichtungen“, wie Förderer Dr. Joachim Kreuzburg, der den Umbau aus der privaten Schatulle bezahlt, sagt, extrem zusammengerückt sind, jetzt quasi „eine WG bilden“ (Johannsen) und vor allem auch zusammenarbeiten, sich ihre Programme gegenseitig stützen. Kann der eine Autor nicht zum Literaturherbst, rutscht er eben ins Programm des Literarischen Zentrums.

Dass es so kooperativ läuft, liegt laut Anja Johannsen „natürlich an den Personen“. So gibt es direkte Verbindungen. Beispiel Gesa Husemann. Die Vertreterin von Johannsen im „Zentrum“ ist auch Programmmacherin beim „Herbst“. Und der Chef des Literaturherbstes, Johannes Peter Herberhold, hat, seit er die Leitung 2014 nach dem plötzlichen Tod von Christoph Reisner übernommen hat, eben diese Kooperation gefördert und lebt sie seitdem intensiv.

Gemeinsam stärker, das ist kein platter Spruch. Für Johannsen und Herberhold gilt er im Alltag. Einig sind sich die beiden und alle Mitarbeiterinnen – Herberhold ist allein unter Frauen – auch, dass sie dieses Haus mit dem großen Eingangstor an der Nikolaistraße, wo einst die Massen in der Disko Bine Gassmann feierten und tanzten, ein offenes Haus wird. „Mit einer ganz niedrigen Schwelle für ältere, vor allem aber auch junge Menschen, Kinder und Jugendliche“, wie Anja Johannsen sagt. So wird es regelmäßig offene Sonntagsangebote für Familien geben. „Literatur soll nicht als etwas Hochtrabendes, Elitäres gesehen werden. Ins Literaturhaus soll jeder einfach mal hineinschauen können.“

Und somit soll es auch ein Eingangstor für das Kunstquartier mit dem Kunsthaus samt Hof werden, wie es wiederum die Stadt, aber auch Gerhard Steidl will. Der muss nur den Durchgang vom Literaturhaus zum Kunsthaus und Jim-Dine-Pavillion per Brücke über seinen Verlagsanbau schaffen. Er will es tun, wie man hört.

Gespräch auf der Baustelle im Literaturhaus, vier Tage vor Eröffnung: von links Architekt Charles de Picciotto, Johannes Peter Herberhold (Literaturherbst) und Anja Johannsen (Literarisches Zentrum).
Gespräch auf der Baustelle im Literaturhaus, vier Tage vor Eröffnung: von links Architekt Charles de Picciotto, Johannes Peter Herberhold (Literaturherbst) und Anja Johannsen (Literarisches Zentrum). © Thomas Kopietz

Das Literarische Zentrum wird dort sein Jahresprogramm veranstalten, „ergänzt durch Lesungen in größeren Räumen“, sagt Anja Johannsen. Der „Herbst“ während des Festivals das Literaturhaus zum Treffpunkt machen – auch am Abend nach den Lesungen. Ein Faktor, der auch für Johannes Peter Herberhold sehr wichtig ist.

Nicht nervös machen lässt sich am Dienstag im Handwerker-Gewusel zwischen all den Fassadenputzern, Architekten, Wandverkleidern, Trockenbauern und Elektrikern ein anderer Handwerker: Gerhard Steidl steht da. wie immer, in seinem Druckerhemd, die Stifte in der Brusttasche. Scheinbar unbeeindruckt schildert er, was seine Wand aus Bücherrücken mitsamt bunten Fäden, die von Farb- und Schwarz-Weiß-Fotos künden, ausdrücken soll: „Es ist die Wand der ungelesenen Bücher.“ Stimmt: Die Seiten im Inneren der 12 000 Wandklinker aus Papier sind leer. Wer weiß, wie viel Zeit und Akribie der Verleger sonst in die Produktion seiner Bücher – für den ist diese Wand der leeren, ungestalteten ein herrlicher Anachronismus. Aber weitaus spanender als eine Büchertapete. (Thomas Kopietz)

Hintergrund: Termine und Karten

Eröffnung Literaturhaus, Samstag, 7. Mai, ab 14 Uhr Tag der offenen Tür mit kostenlosen Mitmachaktionen. 18.30 Uhr, Doris Dörrie liest aus „Die Heldin reist“; 21 Uhr, Matthias Brandt, Wort-Musik-Collage „Blackbird“.

.Sonntag, 8. Mai, Familientag ab 14 Uhr, auch mit Axel Scheffler, Erfinder des Grüffelo. Veranstaltungen werden kostenfrei auf Leinwand am Nikolaikirchhof übertragen; 20 Uhr, Lesung von Abbas Khider.“.

.Karten für die einzelnen Veranstaltungen gibt es über Reservix, an den bekannten Vorverkaufsstellen und an der Abendkasse, Nikolaistraße 22. (tko)

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