HNA-Redakteur Thomas Kopietz erinnert sich

Horst Eckel: Ein großer Fußballer und stets ein ganz normaler Mensch

Weltmeister Horst Eckel und Thomas Kopietz stehen auf dem Sportplatz Heinrichstraße in Hess. Lichtenau
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Erinnerung: 54er-Weltmeister Horst Eckel und HNA-Redakteur Thomas Kopietz bei einem Promi-Spiel 2006 in Hess. Lichtenau.

Mit Horst Eckel ist am 3. Dezember der letzte „Held von Bern“ gestorben. HNA-Redakteur Thomas Kopietz erinnert sich an ein Treffen mit Eckel auf dem Spielfeld.

Göttingen/Hess.Lichtenau - Sein Leben lang war er in Sachen Fußball unterwegs, kam mehrfach auch nach Südniedersachsen und Nordhessen. Horst Eckel sammelte Geld für die Sepp-Herberger-Stiftung, besuchte oft Häftlinge in Gefängnissen – in der Überzeugung, ihnen etwas Positives mit auf den Weg geben zu können, natürlich auch die Liebe für den Fußball.

Und Eckel kickte in Stadien und auf Plätzen der Region. Einen Auftritt hatte er 2006 während des Hessentags in Hess. Lichtenau. Ich war sein Gegenspieler. Horst Eckel verstärkt an jenem Juni-Tag auf dem Sportplatz an der Heinrichstraße das Team der Schauspieler des erfolgreichen Spielfilms „Das Wunder von Bern“. Herausgefordert werden die in 54-er-Deutschland-Traditionstrikots mit Schnürkragen auflaufenden „Wunderspieler“ von der Elf des Hessischen Landtages um Landtagsvizepräsident Lothar Quanz (SPD), der als Eschweger quasi ein Heimspiel hat. Verstärkung für die Politiker schickt die Nordhessische Regionalauswahl aus Kassel auch mit Hartmut Vogt, Ingolf Zinke und Michael Glameyer (Witzenhausen).

Für sie ist neben der Begegnung mit Schauspielern – Peter Lohmeyer fehlt leider – das Aufeinandertreffen mit Horst Eckel „das“ Erlebnis. Wer träumt nicht davon, einmal gegen einen Weltmeister zu spielen? Zumal der „Lauterer“ nicht dem Bild der nach Karriere-Ende fülliger werdenden Ex-Profis entspricht.

Horst Eckel ist schlank, fast wie damals, 1954. Kein Wunder, er kickt regelmäßig, spielt Tennis und Tischtennis. Im Juni 2006 ist er 74 Jahre alt und wirkt durchtrainiert, als er im Nationalelftrikot den Platz betritt, der einem Acker gleicht. Lastwagen haben Spuren auf dem durchweichten Rasen hinterlassen. Der allürenfreie Eckel aber verliert kein Wort darüber, er klagt nicht, er ärgert sich nicht. Anpfiff. Natürlich führt ihn der Weltmeister aus, spielt als Erster den von Turnweltmeister und Fallschirmspringer Eberhard Gienger aus der Luft gebrachten Ball. Eckel ist mit Abstand der Älteste in seinem Team. Doch er läuft mehr als die meisten. Immer in Bewegung, immer anspielbar ist er, weil er läuft.

In Herbergers WM-System hatte der konditionsstarke Eckel keine Wahl: Sepp Herberger stellte den „Windhund“ zwangsläufig auf die Position „Rechter Läufer“. Aufgabe: die Linie hoch und runter laufen, Bälle erobern, das Spiel nach vorne treiben, Zulieferer sein für den genialen Fritz Walter, die Stürmer Max Morlock und Helmut Rahn. Dabei war Eckel ebenfalls technisch beschlagen.

2006 auf dem Lichtenauer Sportplatz aber ist Eckel der Star, Spielmacher, Antreiber, Bälleverteiler Er ist der Chef im Team. Ich begegne ihm auf dem Feld mit Respekt, agiere mit Vorsicht, will den 74-Jährigen nur ja nicht verletzen, stattdessen ihm das Spiel lassen, das gefühlvolle Verteilen der Bälle.

Dann herrscht er plötzlich die jungen Wilden in der „Wundermannschaft“ an, die überheblich mit der Hacke den Ball weiterleiten, glänzen wollen, was misslingt. Im Vorbeilaufen sagt er zu mir: „Se denke, se könne zaubere und locker gewinne, das geht net.“ Egoismus am Platz – das ist nicht das Ding des Teamplayers Horst Eckel, nicht auf dem Rasen, nicht daneben.

Wieder ruft er: „Bewegt Euch!“ Eckel ist nicht zufrieden mit den „Jungen“, als er in Minute 60 vom Feld geht. Immerhin schaffen die am Ende ein 1:1. Es gibt Elfmeterschießen. Eckel tritt dabei nicht mehr an, überlässt den Jungen den Nervenkitzel. Die scheitern am Nordhessenauswahl-Keeper Ingolf Zinke im Tor, der wird zum Helden von Heli, als er den entscheidenden Elfmeter pariert. 5:4 im Spiel Hessischer Landtag gegen das „Wunder von Bern“.

Auch ich verwandele einen Elfer. Ein schönes Erlebnis. Nichts aber gegen das Kennenlernen dieses Weltmeisters, den mein Vater einst (zu Recht!) verehrte. Denn Horst Eckel ist nahbar, freundlich, offen. Er schreibt nach dem Duschen Autogramme, hat für jeden ein nettes Wort parat und stellt sich – auch weit vor der Handy-Selfie-Zeit – gern zum Erinnerungsfoto.

Dann genehmigt sich der bodenständige Ex-Lauterer, der nach der Karriere studierte und als Sportlehrer arbeitete, noch die obligatorische Bratwurst und schaut mich lachend an: „Es war ein gutes Spiel, oder?“ Für mich war es ein großes Spiel – gegen einen Weltmeister. 3000 Zuschauer haben es gesehen. Und das berühmte „Fritz-Walter-Wetter“ wie damals in Bern, gab es auch in Heli – bis kurz vor Anpfiff.

Horst Eckel war ein Großer – als Fußballer und als Mensch, der nur „ganz normal“ sein wollte. Ruhe in Frieden, Held von Bern. Und: Sollte Horst Eckel jetzt „dort oben“ weiter Fußballspielen, dann wird er dabei viel laufen, die Linie rauf und runter – und fordernd rufen: Bewegt Euch! Lauft! (Thomas Kopietz)

Hessentag 2006 Hessisch Lichtenau: Horst Eckel läuft am 3. Juni 2006 für die Schauspielermannschaft „Das Wunder von Bern“ auf den Sportplatz an der Heinrichstraße auf. Gegner ist die Elf des Hessischen Landtags, verstärkt mit Spielern der Regionalauswahl Nordhessen.
Großartiger Kicker - auch mit weit über 70: Horst Eckel beim Hessentag 2006 in Hessisch Lichtenau im Spiel gegen eine Landtagsauswahl.

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