Erinnerung

Eine Stele erinnert an begangenes Unrecht durch Göttinger Anatomen im Dritten Reich

Personen stehen an der neuen Stele: (von links) Martina Staats, Wolfgang Brück, Petra Broistedt und Christoph Viebahn.
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Gedenken der Hingerichteten, deren Leichname in Göttingen ihne Wissen und Zustimmung der Hinterbliebenen seziert worden sind: (vonlinks) Martina Staats, Wolfgang Brück, Petra Broistedt und Christoph Viebahn.

Die Leichname von 217 Hingerichteten hat das Anatomische Institut der Universität Göttingen während des Dritten Reichs zu Lehr- und Forschungszwecken genutzt.

Göttingen – Ohne Wissen und Zustimmung der Hinterbliebenen. An dieses Unrecht erinnert nun eine Stele, die 76 Jahre nach Kriegsende an der Berliner Straße Ecke Goetheallee aufgestellt worden ist.

„Meine Mutter hat über den Tod meines Großvaters nicht sprechen wollen“, berichtet Hilmar Zänkert. Ein Sondergericht in Magdeburg hatte Friedrich Zänkert wegen Diebstahls und Einbruchs zum Tod durch das Fallbeil verurteilt. Das Strafgefängnis Wolfenbüttel vollstreckte die Strafe am 4. April 1941.

Darüber informierten dann in Zänkerts Heimatstadt große, rote Plakate. „Ein Spießrutenlauf war das für meine damals 13-jährige Mutter“, sagt Hilmar Zänkert. Sie sei als „Asoziale“ ausgegrenzt worden.

Als Pensionär mit der Recherche im Internet begonnen

Der Enkel hat sich lange Zeit nicht mit dem Tod des Großvaters beschäftigt. „Als DDR-Bürger war Wolfenbüttel für uns unerreichbar“, erklärt er. Nach der Wende hatte er damit zu tun, beruflich wieder Fuß zu fassen. Erst nach seiner Pensionierung 2014 befasste er sich mit dem Thema. Im Internet stieß er auf die Gedenkstätte in der Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel.

Diese hatte bereits Jahre zuvor unter ihrem damaligen Leiter, Wilfried Knauer, Kontakt mit Professor Christoph Viebhahn vom Anatomischen Institut in Göttingen aufgenommen. Dieser fand Akten über den Verbleib der Leichname. Um sie hatten sich die Göttinger Professoren Hugo Fuchs und Erich Blechschmidt aktiv bemüht, stellten hinzugezogene Historiker in der Folge fest.

In Wolfenbüttel wurden von 1937 bis Kriegsende 526 Menschen hingerichtet. Dass nicht alle Leichen nach Göttingen gebracht wurden, hatte zum Teil mit fehlenden Transportkapazitäten zu tun. Darüber beklagte sich das Institut seinerzeit.

Zänkert erfuhr, dass die sterblichen Überreste seines Großvater in Göttingen zur Ausbildung von Militärärzten gedient hatten. Ihr weiterer Verbleib ist ungeklärt. Anatom Viebahn vermutet, dass sie zusammen mit menschlichem Gewebe der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) verbrannt worden sind.

„Mit der Stele ist nun ein Ort des Gedenkens und der Trauer geschaffen worden“, sagt der Enkel. Er war zur Enthüllung der Stele, an der auch Göttingens Sozialdezernentin, Petra Broistedt, teilnahm, gemeinsam mit Ehefrau Marianne Zänkert aus dem brandenburgischen Jüterbog angereist. Vier Stunden hatte die Fahrt gedauert.

Die Stele steht in der Nähe des Stadtwalls. Durch einen Rahmen hindurch fällt der Blick auf den Busbahnhof. Dort befand sich früher das Anatomische Institut.

„Es wurde am 7. April 1945 bei einem Fliegerangriff zerstört“, weiß Professor Wolfgang Brück, der Dekan der Medizinischen Fakultät und Sprecher des UMG-Vorstands.

Die Mediziner erinnern bereits mit Gedenksteinen auch an andere Untaten von Mitarbeitern der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) während des Dritten Reichs: den Einsatz von Zwangsarbeitern und die Durchführung von Zwangssterilisierungen. (Michael Caspar)

Projekt ourSITE Wolfenbüttel

Die in Göttingen gegenüber dem Busbahnhof aufgestellte Stele ist Teil des wissenschaftlichen Projektes outSITE Wolfenbüttel.

„Es macht auf acht von insgesamt rund 70 Orten zwischen Harz und Heide aufmerksam, die mit dem Strafgefängnis Wolfenbüttel verbunden gewesen sind“, erläutert Martina Staats. Sie leitet heute die Gedenkstätte in der Jusitzvollzugsanstalt Wolfenbüttel. Das Gefängnis war in der NS-Zeit die zentrale Haftanstalt des Freistaates Braunschweig.

Für die Umsetzung des outSITE-Projekts haben die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, die Braunschweigische Stiftung und die Stiftung Zukunftsfonds Asse zusammen 165.000 Euro zur Verfügung gestellt. zmc

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