Eine tierische Affäre am Jungen Theater Göttingen

Interview unter Freunden: TV-Journalist Karsten Zinser (Ross, links) befragt seinen Kumpel, den Star-Architekten Jan Reinartz (Martin Gray). Foto:  Heise

Göttingen. Auch bei diesem Ehepaar trügt der schöne Schein. Martin Gray ist Stararchitekt und auf dem Höhepunkt seiner Karriere angekommen. Vor Kurzem erhielt er den Pritzker-Preis. Mit seiner Frau Stevie bewohnt er eine mit Designermöbeln bestückte Wohnung in Manhattan.

Sie erwarten den Fernsehjournalisten Ross, einen Freund von Martin, der ihn anlässlich seines 50. Geburtstags für die Sendung „Leute, die zählen“ interviewen möchte. Der prominente Architekt ist seltsam fahrig und vergesslich. Das TV-Porträt geht in die Hose. „Was ist mir dir?“, fragt Ross. Es kommt raus, Martin hat sich in eine Ziege verliebt und treibt es mit dem Tier im Stall.

Am Samstag brachte Tobias Sosinka im Jungen Theater in Göttingen das Vier-Personen-Stück des US-Amerikaners Edward Albee „Die Ziege oder Wer ist Sylvia“, das 2002 in New York uraufgeführt wurde, auf die Bühne. Jan Reinartz überzeugte in der Rolle des Martin. In blauem Zwirn und mit braunen Stiefeletten zeigte er sich lässig und weltläufig, wie es die Upper Class der USA sein kann. Gleichzeitig wirkte er zerrissen, abgedreht, wunderbar verklärt, wenn er von der „so vollkommenen, natürlichen“ Liebe zur Ziege schwärmte.

Er gab ihr den Namen Sylvia. Agnes Griese als Stevie schien etwas arg schrill. Dazu wollte das spießige, schwarz-weiße Kleid nicht richtig zur Aufmachung ihres Mannes und dem unterkühlten Interieur passen. Als Stevie von Ross, den Karsten Zinser vernunftbetont darstellt, von der tierischen Affäre erfährt, stellt sie ihren Mann zur Rede. Das Geständnis Martins, bereits eine Therapiegruppe für solche wie ihn besucht zu haben, hilft gar nichts. Stevie flippt aus.

Wieder am 21. und 31. Oktober. Junges Theater Göttingen, Hospitalstraße 6. Karten: 0551/49 50 15.

In ihrer Wut und Verzweiflung zerdeppert sie teure Möbel und natürlich auch Porzellan, um den Scherbenhaufen zu inszenieren, den das Ehepaar umgibt. In das Geschehen platzt der schwule, 17-jährige Sohn Billy, den Ali Bender mit Witz und Ironie eine Heulsuse und etwas plemplem sein lässt.

Mitten im Untergangsszenario interessiert sich der junge Mann in Schlupfhosen besonders für die Rettung einer Vase, die er einmal seiner Mutter schenkte. Dafür gab es viele Lacher.

Die Handlung bewegt sich zwischen Tragödie und Komödie. Die Liebe zum Meckertier hat symbolischen Charakter, den des Bösen und Unbewussten, das vielfach unter der schillernden Oberfläche sein Unwesen treibt, zu Kontrollverlust und ins Unglück führt.

Eingespielte Sätze aus Beethovens Pastorale zwischen den Szenen untermalten die Dramatik. Zum Glück inszenierte Sosinka das in der Aussage etwas banale Theaterstück als Klamauk. Viel Beifall vom Premierenpublikum.

Von Gesa Esterer

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