Protest in jungem Wohngebiet

Bau von Flüchtlings-Unterkunft: Anwohner gründen Bürgerinitiative

Im jungen Göttinger Wohngebiet formiert sich Protest: Anwohner haben die „Bürgerinitiative Zukunft Zietenterrassen“ gegründet. Das Bild zeigt Frank Schorkopf mit weiteren Anliegern. Foto: Kopietz

Göttingen. Der Bau einer Massenunterkunft für 180 Flüchtlinge auf den Zietenterrassen ist umstritten. In dem noch jungen Wohngebiet formiert sich Protest.

Anwohner haben die „Bürgerinitiative Zukunft Zietenterrassen“ gegründet.

Die Anwohner des ehemaligen, fast komplett brachliegenden Exerzierplatzes sind sauer, weil sie von der Verwaltung nicht früh in die Überlegungen für den Bau „einer so großen Massenunterkunft“ einbezogen worden sind. „Es hat den Anschein, dass alles in Windeseile durchgezogen werden soll“, sagt Frank Schorkopf.

Bei einem Wohnheim dieser Größe ginge es nicht nur um den Bau, sondern auch um eine bestmögliche Integration. Und darüber, wie die Flüchtlinge in das Leben des Viertels eingebundenen werden sollen, wisse man noch gar nichts, sagt Ronny Graner. Dafür müsse eine adäquate soziale und psychologische Betreuung geschaffen werden. Ein Angebot wie Gemeinschaftsräume und -Plätze aber gibt es auf den Zietenterrassen in diesem Bereich nicht. Die Stadtentwicklung sei diesbezüglich schlicht unterentwickelt, so die Mitglieder der BI, die darüber mit den Stadtverantwortlichen reden wollen und konkrete Vorschläge erwarten.

„Es gibt nur wage Informationen, keine verlässlichen Einzelheiten“, bilanziert Frank Schorkopf. Grundsätzlich fordern die Anwohner mehr Transparenz und vor allem eine Anhörung. In der Bauausschusssitzung sei man schlichtweg abgebügelt worden.

Das dürfe am Dienstag in der Sondersitzung des Sozialausschusses (18 Uhr, ASC-Sportzentrum, August-Schütte-Platz 1) nicht noch einmal passieren. Immerhin: Die Stadtverwaltung hat in einer schnellen schriftlichen Reaktion auf die Kritik der Anwohner versprochen, jede Frage zu beantworten. Die sonst übliche 30-Minuten-Regelung für eine Einwohnerfragestunde wurde gekippt.

Die Stadt sieht die Sitzung als öffentliche Informations- und Diskussionsveranstaltung, „in der jeder zu Wort kommen kann.“ Dass dann auch ein Beschluss zum Projekt gefasst werden soll, dürfe aber aus Sicht der BI-Verantwortlichen auf keinen Fall sein.

Und so, wie es bisher gelaufen ist, auch nicht: „Die Stadt plant im Stillen, schafft Fakten und stößt die betroffenen Bürger vor den Kopf.“ So macht sich Skepsis breit: Mirjam Marwedel jedenfalls hat kein Vertrauen darin, „dass etwas Gutes passieren wird“.

Verwaltung: Keine Planung im Verborgenen

Beim Thema Massenunterkunft für Flüchtlinge auf den Zietenterrassen widerspricht die Verwaltung: Es gäbe keine Planung im Verborgenen, keinen Vertrauensbruch, wohl aber eine so schnell wie mögliche Information.

Erst Anfang Dezember habe die Verwaltung die Pläne erstmalig im Sozialausschuss vorgestellt, auch den Standort Zietenterrassen. Erst danach habe die konkrete Planungsarbeit für den Lageplan, Baukörper und Fassadengestaltung. Längst nicht alle Fragen seien geklärt. Es gäbe aber vielversprechende und ermutigende Gespräche mit Sportvereinen und der HAWK, die auf dem Exerzierplatz mit der Universitätsmedizin den Gesundheitscampus aufbauen will. Diese Pläne würden nicht beeinträchtigt.

Zum Projekt Wohnheim auf Zeit allerdings gäbe es wegen der angespannten Lage auf dem Wohnungsmarkt keine Alternative. Das zweifeln die BI-Mitglieder an. Ihrer Meinung nach ließen sich im Stadtgebiet andere Flächen finden.

Und finanziell sei der Plan auch nicht wasserdicht: „Für 4,5 Millionen Euro Baukosten, könnte man auch einen Wohnblock bauen, der später stehen bleibt.“

Durch den Bau und möglicherweise eine längerfristige Existenz eines so großen Flüchtlingswohnheims befürchtet die BI eine Veränderung des sozialen Umfelds, eine Wertminderung der Wohnungen und Grundstücke sowie eine den Flüchtlingen nicht gerecht werdende Unterbringung.

Schnelle Lösung

Bürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) hatte betont, dass die Stadt Göttingen schnell eine Lösung für das Problem der Flüchtlingsunterbringung finden muss. Die dezentrale Unterbringung in Wohnungen sei nicht mehr möglich. Auch ein öffentlicher Aufruf im Herbst zur Bereitstellung von Wohnungen war ernüchternd verlaufen. Die Zietenterrassen sind laut Köhler ein „geeigneter Standort für den Bau einer temporären Einrichtung“. Auf den Hinweis, der Preisverfalls der Immobilien im näheren Umfeld des Heims wollte Köhler im HNA-Gespräch nicht eingehen.

Stadt und Bürger sollten alles tun, um das Problem gut lösen zu können, sagte der Oberbürgermeister.

Von Thomas Kopietz

Gesundheits-Campus: Die Verhandlungen laufen 

Auf dem ehemaligen Exerzierplatz auf den Göttinger Zietenterrassen, auf dem das Flüchtlingswohnheim in Planung ist, sollen ein Gesundheits-Campus und ein Fraunhofer-Zentrum entstehen. Das wünscht sich die Hochschule HAWK.

Prof. Dr. Wolfgang Viöl, Vize-Präsident der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) würde am liebsten das gesamte noch unbebaute Areal auf den Zietenterrassen nutzen - für den Gesundheits-Campus, das Fraunhofer-Institut und die Erweiterung der HAWK.

Die Entscheidung über den genauen Standort des Gesundheits-Campus ist aber bislang nicht gefallen, betont Viöl. Denkbar seien auch andere Standorte im Stadtgebiet.

Derzeit laufen noch die Verhandlungen mit dem Partner, der Universitätsmedizin Göttingen, sowie dem Wissenschaftsministerium in Hannover. Viöl hofft, dass im Frühjahr konkrete Entscheidungen über das Projekt fallen.

Wenn es nach Viöl geht, sollen bereits im Wintersemester 2016/17 die ersten Studenten ihr Studium aufnehmen. Im Gespräch sind Studiengänge wie Medizintechnik, Ergotherapie, Logotherapie sowie Pflegemanagement, also Studiengänge mit direktem Bezug zur Medizin. Und: Von Seiten der Stadt sei signalisiert worden, dass der ehemalige Exerzierplatz als Erweiterungsfläche für die HAWK zur Verfügung steht.

Die Göttinger Landtagsabgeordnete Dr. Gabriele Andretta hatte bereits im vergangenen Jahr auf das neu aufgelegte Fachhochschul-Entwicklungsprogramm des Landes aufmerksam gemacht. Ein Schwerpunkt sind dabei neue Studiengänge für Gesundheits- und Erziehungswissenschaften. „Das ist eine Riesenchance für Göttingen“, sagte Andretta.

Endlich könne die dritte Fakultät für Gesundheitsberufe und Medizintechnik an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim-Holzminden-Göttingen (HAWK) am Standort Göttingen aufgebaut und das gemeinsame Projekt von UMG und der HAWK, die Gründung eines Gesundheits-Campus für neue Studiengänge, realisiert werden, so die Abgeordnete Andretta. (bsc)

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