"Fast perfekter Mord"

Urteil: Elfeinhalb Jahre Haft für Mordversuch mit Blei und Quecksilber

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Beim Prozessauftakt: Der Immobilienkaufmann wurde zu elf Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt.

Göttingen. Wegen eines „fast perfekten Mordes“ muss ein 44-jähriger Immobilienkaufmann aus dem Landkreis Göttingen für elfeinhalb Jahre ins Gefängnis.

Das Landgericht Göttingen befand den Angeklagten des versuchten Mordes und der gefährlichen Körperverletzung für schuldig.

Der 44-Jährige habe auf perfide Weise versucht, seine Ehefrau mit Bleiacetat und Quecksilber zu töten, sagte der Vorsitzende Richter Ralf Günther. Es sei Zufall und reines Glück gewesen, dass die 39-Jährige die monatelangen Vergiftungsversuche überlebt habe. Der Angeklagte habe heimtückisch und aus niederen Beweggründen gehandelt. Damit seien zwei Mordmerkmale erfüllt. „Hätten Sie kein Geständnis abgelegt, wären Sie zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt worden.“

Aktualisiert:

18.54 Uhr

Das Gericht folgte mit seinem Urteil weitgehend dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Diese hatte eine Freiheitsstrafe von 13 Jahren gefordert. Die Verteidigung hatte dagegen auf eine deutlich niedrigere Haftstrafe von sechs Jahren plädiert. Die Kammer stufte die Vergiftungsversuche allerdings als „höchst strafwürdig“ ein. Der Angeklagte sei mit einer ungewöhnlichen kriminellen Energie vorgegangen und habe seine Taten minutiös geplant. Ohne sein Geständnis hätte die Kammer nicht nur eine lebenslängliche Haftstrafe ausgeurteilt, sondern auch die besondere Schwere der Schuld festgestellt. „Da hätten dann auch 20 Jahre stehen können“, sagte Günther.

Der 44-Jährige hatte im Frühsommer 2014 damit begonnen, Weinflaschen und Lebensmittel seiner Ehefrau mit Bleiacetat zu versetzen. Anlass war, dass die 39-Jährige sich von ihm trennen wollte und das Scheidungsverfahren eingeleitet hatte. Als er auch noch aus dem gemeinsam bewohnten Haus ausziehen sollte, verstreute er Quecksilberkügelchen im Backofen, im Toaster und auf Heizkörpern.

Schleichende Schwermetallvergiftung 

Infolge der schleichenden Schwermetallvergiftung stellten sich bei der Ehefrau immer stärkere gesundheitliche Probleme ein. Sie litt unter Müdigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit, heftigen Unterleibsschmerzen und verlor rapide an Gewicht. Auch mehrfache Klinikaufenthalte brachten keine Besserung. Selbst nachdem auch Leberschäden und hormonelle Auffälligkeiten auftraten, konnten sich die Ärzte immer noch keinen Reim auf ihre schweren Krankheitssymptome machen und tippten auf psychosomatische Ursachen.

Diese Fehleinschätzung hätte sie nicht nur fast das Leben gekostet. Beinahe wäre dadurch der Mordversuch unentdeckt geblieben. Nach Angaben eines Rechtsmediziners wäre die 39-Jährige, wenn sie gestorben wäre, vermutlich nicht obduziert worden. Stattdessen hätte man als Todesursache Magersucht eingetragen. Erst nachdem sie zufällig in ihrem Backofen ein schimmerndes Kügelchen entdeckt und ihrem Hausarzt davon berichtet hatte, wurde ihr Blut auf Schwermetalle untersucht.

„Fast wäre es ein perfekter Mord geworden“, sagte der Vorsitzende Richter. Der Angeklagte habe aus niederen Beweggründen gehandelt: „Sie wollten weder verlassen werden noch Ihren erreichten bürgerlichen Lebensrahmen aufgeben.“ Neben seinem gekränkten Selbstwertgefühl hätten auch die auf ihn zukommenden Unterhaltszahlungen eine Rolle gespielt.

Für die 39-Jährige haben die Giftanschläge neben den sonstigen noch gar nicht absehbaren Spätfolgen eine besonders dramatische Auswirkung: Weil sich die hohe Bleikonzentration im Blut auf den Fötus auswirken würde, raten ihr Mediziner dringend davon ab, schwanger zu werden. Der unerfüllte Kinderwunsch war ein Grund für die Trennung gewesen. (pid)

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