Internationaler Kinderkrebstag

Elternhaus Göttingen begleitet Patienten nach der Genesung in den Alltag

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Die 7-jährige Lara geht nun mit ihrer besten Freundin in eine Klasse.

Die siebenjährige Lara hat es geschafft: Nach einem erfolgreichen Kampf gegen den Blutkrebs wurde sie zum zweiten Mal eingeschult. Am ersten Schultag war der Göttinger Sozialtherapeut Hans-Hermann Miest an ihrer Seite.

Gemeinsam erklärten sie Laras Mitschülern, warum sie so kurze Haare hat und was es mit ihren Mutperlen auf sich hat.

Miest ist Sozialtherapeut bei der „Elternhilfe für das krebskranke Kind Göttingen“. Das Elternhaus befindet sich direkt neben dem Uniklinikum und bietet Familien erkrankter Kinder seit 30 Jahren Unterstützung. Eltern und Geschwister können hier kostenlos übernachten, wenn ein Kind im Klinikum behandelt wird. Außerdem gibt es Beratungs- und Entspannungsangebote, sowie Sach- und Finanzhilfe. Auch Trauerbegleitung ist Aufgabe des Vereins.

Hans-Hermann Miest ist für die Nachsorge zuständig. Während der Behandlung seien die Familien oft mit der Therapie beschäftigt. Danach überwiege die Freude über eine erfolgreiche Bekämpfung der Krankheit. 

Doch im Alltag angekommen gelte es, als Familie zusammen zu finden: Kinder erholen sich körperlich, Eltern finden als Paar zusammen, Geschwister erhalten wieder mehr Aufmerksamkeit. In diesem Prozess bietet der 56-Jährige Unterstützung. Zum Beispiel mit Familienwochenenden, Workshops und Gruppenangeboten. „Hilfe zur Selbsthilfe ist der grundlegender Ansatz der Elternhilfe“, sagt Miest.

Hans-Hermann Miest trifft junge Besucher gerne in der Spielküche.

Einzelne Familien meldeten sich, weil sie Sorge um einen Rückfall haben. Die Symptome eines Infekts erinnern sie an den Verlauf der Krebserkrankung, sagt Miest. Der systemische Traumapädagoge arbeitet im Gespräch mit den Eltern ihre individuellen Stärken heraus, damit sie mit ihren Ängsten umgehen können.

Die psychosoziale Nachsorge ist zeitlich unbegrenzt. Denn auch der Übergang ehemaliger Kinderpatienten ins Erwachsenenalter ist eine Herausforderung. Sie werden nicht mehr als krankes Kind, sondern als Erwachsener mit Einschränkung wahrgenommen, erklärt Miest. Das ist für die Betroffenen eine Umstellung. Seine älteste Klientin ist 46 Jahre alt.

An den Tod eines Kindes hat sich der zweifache Vater auch nach 21 Jahren bei der Elternhilfe nicht gewöhnt. „Ich denke, ich weiß wie ich mit dem Tod umgehen muss und dann trifft mich der Verlust eines weiteren Kindes.“ An schweren Tagen drücke er seine Kinder besonders lang. Aus seinem Beruf habe er gelernt, das Leben zu genießen und Wünsche zeitnah zu erfüllen. „Es haut nicht immer hin, für die Zukunft zu planen.“ Das Team der Elternhilfe findet untereinander und durch Supervision von außen Halt.

Lara ist nach dem Krebs gut im Alltag angekommen, sagt Miest. Die Schüler hatten viele Fragen an ihn. Er erklärte ihnen, was Krebs ist und dass Lara sich leicht mit Krankheiten anstecken kann. Und Laras Mutperlen haben großen Eindruck gemacht: Jede Perle steht für eine medizinische Behandlung, der sie sich unterzogen hat. Die lange Kette gibt ihr auch in Zukunft Kraft.

Der internationale Kinderkrebstag

Am 15. Februar ist internationaler Kinderkrebstag. Laut Informationen der Deutschen Kinderkrebsstiftung erkranken jedes Jahr 250 000 Kinder weltweit an Krebs. In Deutschland sind es etwa 2000 Kinder. 

Der Tag wurde laut der Stiftung 2001 durch Childhood Cancer International (CCI) ins Leben gerufen. CCI ist ein weltweites Netzwerk von Eltern mit krebserkrankten Kindern. 

Krebs ist in Industrienationen die zweithäufigste Todesursache bei Kindern, informiert die Deutsche Kinderkrebsstiftung. Mehr als drei Viertel der erkrankten Kinder würden in diesen Ländern wieder gesund. 

Schlechter sei die Situation jedoch in Entwicklungsländern, wo es häufig an Medikamenten und fachgerechter Behandlung und Versorgung mangele. 

Am 10. Februar war Tag der Kinderhospizarbeit. Diese Einrichtungen bieten eine Palliativversorgung für sterbenskranke Kinder an. Laut Experten gibt es jedoch zu wenige Plätze. 

Kinderhospize gibt es seit 20 Jahren in Deutschland. 52 000 Kinder und Jugendliche leben laut Deutschem Kinderhospizverein bundesweit mit einer lebensbegrenzenden Erkrankung. 

Die Versorgungsquote für Kinder liegt in Deutschland laut Sabine Kraft, Geschäftsführerin des Bundesverbands Kinderhospiz, jedoch nur bei fünf Prozent. Drei Krankenhäuser in Deutschland, darunter Göttingen, bieten Palliativplätze für Kinder an. 

In Deutschland gibt es laut Kraft 16 stationäre Kinderhospize, bis zu zehn Häuser seien in Planung. In diesen Hospizen können Kinder und ihre Familien bis zu vier Wochen im Jahr betreut wohnen. 

Martin Gierse, Geschäftsführer des Deutschen Kinderhospizvereins, sagt, dass das Angebot an ambulanten Kinderhospizdiensten nicht ausreiche. 

Derzeit gibt es 130 Dienste bundesweit, die Familien zu Hause betreuen. Hier fehlt es an Fachkräften und Ehrenamtlichen, sagen Experten.

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