Uni-Vorlesungen zur Pop-Musik: Elvis war so bedeutend wie Dylan

Literatur- und Musikexperte: Der Göttinger Professor Heinrich Detering eröffnete die neue öffentliche Vorlesungsreihe „13 Lieder“ an der Georg-August-Universität. Archivfoto: nh

Göttingen. In Göttingen spielt die Pop-Musik die Hauptrolle in einer öffentlichen Vorlesungsreihe. Start war am Montag mit dem renommierten Göttinger Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Heinrich Detering, ein ausgewiesener Fan der Pop- und Rockmusik. Er referierte über „Blue Moon“ von Elvis Presley.

Herr Detering: Eine Vorlesung über Pop-Songs – wie kam es dazu? 

Heinrich Detering: Das basiert auf positiven Erfahrungen mit einem Dylan-Oberseminar vor zwei Jahren und einem Elvis-Seminar danach. Beide Veranstaltungen kamen bei den Studenten sehr gut an.

Worum ging es dabei im Kern? 

Detering: Bei Dylan um den Dreiklang von Poesie, Musik und Performance. Wir haben den Text gelesen, danach die Platte gehört, möglichst in verschiedenen Versionen, und haben uns dann Auftritte angeschaut, um zu sehen, was sich jeweils verändert.

Den brillanten Texter Dylan zum Thema eines Uni-Seminars zu machen, ist nachvollziehbar, aber Elvis?

Detering: Weil das mit Dylan so gut lief, habe ich ein Elvis-Seminar ausprobiert. Das war noch etwas riskanter, weil Elvis keinen Song selber geschrieben hat, aber als Performer eigentlich alle Songs doch zu seinen eigenen macht. Die Frage war: Wie macht er das? Wie bewegt er sich? Was macht er mit seiner Stimme? Was trägt die Instrumentierung bei? Und das haben wir durch sein Lebenswerk verfolgt, von den ersten Aufnahmen 1954 bis zum letzten Konzert 

1977.

Also war es weit mehr als eine Textanalyse?

Detering: Auf jeden Fall. Wir behandelten auch einen sentimentalen Elvis-Song wie „If I Can Dream“, der scheinbar banal und bedeutungslos ist. Hört man aber, wie Presley diesen Song inszeniert, und versteht man all das im kulturellen Kontext der Zeit, dann hört man, dass dieser vom Text her belanglose Song vom Rassenkonflikt handelt - und das wenige Wochen nachdem Martin Luther King ermordet worden ist. So wie Elvis schon zu Anfang schwarze Intonations- und der Atemtechnik verbindet mit originär weißen Stereotypen aus der Country-Musik. Liest man das alles mit, dann bekommen solche Performances eine kulturelle Bedeutung, die damals jeder intuitiv verstand, die man 40 Jahre später aber erst rekonstruieren, die man sich erarbeiten muss.

Hat Elvis also durch seine Song-Performance, seine Art etwas bewegt?

Detering: Ja. Ich bin sicher, dass Elvis die Kultur in den 60er und 70er-Jahren nachhaltig verändert hat – nicht nur die Musikkultur, sondern auch das Denken in Amerika, etwa über das Verhältnis von Schwarz und Weiß, über das Verhältnis von Männern und Frauen und alles dazwischen, über das Verhältnis auch von Hochkultur und Popularkultur. Der junge Elvis inszeniert sich gewissermaßen als weißer Schwarzer, und er inszeniert sich mann-weiblich. Er ist der erste, der das in der Popularkultur so offensiv tut. Er hat dadurch die kulturellen Wahrnehmungsmuster von unser allen beeinflusst.

Wie kam also der Literaturwissenschaftler vom Poeten Dylan zum Popstar Elvis? 

Detering: Eigenartig ist, dass mir Elvis’ Kunst erst durch die jahrelange Arbeit mit Dylan bewusst geworden ist. Elvis spielte übrigens für Dylan eine große Rolle. Ich fragte mich: Wie kommt das eigentlich, das einer von Dylans Kaliber sich so für Elvis begeistert? Mir wurde klar, dass das, was mich an dem Song-Poeten Dylan interessiert, schon vor ihm im Glutkern einer Popularkultur beginnt, für die Elvis gewissermaßen das Gründungsgenie ist. Meine Achtung vor Elvis als Künstler ist kontinuierlich gewachsen, je mehr ich mich mit ihm beschäftigt habe. Ich wollte wissen, worin sein Genie besteht, und ich bin damit noch immer nicht fertig.

Wurde das auch den Studenten im Seminar bewusst? 

Detering: Ja. Für die Studenten war das Seminar ein Augen-, Ohren- und Kopf-Öffner. Wir sind ja alle aufgewachsen, meine Studenten noch mehr als ich, in einer visuellen Welt, mit Musik-Videos und Clips aller Arten. Einen Song und das, was wir sehen, in seine Einzelteile zu zerlegen, zu sehen wie diese kunstvolle Maschine funktioniert und was sie erzeugt, das war unser erster Lernerfolg. Mehr zu sehen und mehr zu hören, als man vorher je erwartet hätte – das macht viel Spaß.

Die öffentliche Vorlesungsreihe „13 Lieder – Lektüren und Analysen populärer Songs“, jeweils montags, 18 Uhr, ZHG 006. Thema sind auch: Queen, Bruce Springsteen, Edith Piaf. 

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