Brief an Stadtverwaltung von Professor

SPD empört über Schreiben gegen Flüchtlingsheim

Streitpunkt Zietenterrassen: Die Stadt Göttingen will auf einem Teilstück des ehemaligen Exerzierplatzes eine Flüchtlingsunterkunft errichten. Das Gelände ist gleichzeitig für die Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) reserviert. Archivfoto: Rampfel

Göttingen. Ein Flüchtlingswohnheim in der Nähe von Hochschulinstituten beendet die Expansion der Wissenschaft und Hochtechnologie.

Diese Ansicht vertritt ein Professor der Technischen Universität Clausthal-Zellerfeld in einem Brief an die Stadtverwaltung Göttingen.

Den Inhalt der Briefes bewerten Göttinger SPD-Politiker als ausländerfeindlich. Die heimische Landtagsabgeordnete Gabriele Andretta (SPD) macht ihn zum Inhalt einer Anfrage im Landtag. Andretta bewertet das Schreiben als „intolerant, ungeheuerlich und untragbar“. Andretta stellt im Landtag die Frage, ob Flüchtlinge in der Nähe von Hochschulen und Forschungseinrichtungen potenzielle Investoren und Forschungsgesellschaften abschrecken und somit deren Ansiedlung oder Expansion verhindern.

Genau das behauptet der Informatik-Professor Harald Richter in seinem vom 22. Januar datierten Brief. Er wirft der Stadtverwaltung vor, mit dem Bau eines Flüchtlingswohnheims auf den Zietenterrassen der Fraunhofer Gesellschaft die Möglichkeit zu nehmen, aus der Außenstelle des Institutes für Schicht- und Oberflächentechnik ein eigenständiges Institut zu machen. Auch der HAWK nehme man die Erweiterungsmöglichkeit. Die angesiedelten Unternehmen und die für das Fraunhofer Institut wichtigen Partner aus der Industrie würden verschreckt. Das Institut wäre wirtschaftlich so nicht mehr darstellbar. „Kein Industriepartner wird es der Außenstelle angesichts von Gruppen herumstehender Afrikaner, die nicht arbeiten dürfen, sowie verschleierten Frauen mit zahlreichen Kindern glauben, dass an diesem Standort Hochtechnologie gemacht wird“, schreibt Richter.

Das empört Gabriele Andretta und die Göttinger SPD. Deren Stadtverbandsvorsitzender Christoph Lehmann jedenfalls wollte es genau wissen, und schickte eine Frage an den Präsidenten der Fraunhofer Gesellschaft in München, Prof.Dr. Reimund Neugebauer. Die Antwort kam prompt von Prof. Dr. Georg Rosenfeld. Inhalt: Die Fraunhofer-Gesellschaft distanziert sich sich ausdrücklich von den Aussagen von Prof. Richter, der nicht für diese spricht. „Die von Prof. Richter genannten Kriterien sind keine Entscheidungskriterien der Fraunhofer Gesellschaft für die etwaige Errichtung eines Fraunhofer Institutes.“ Die Gesellschaft prüfe rechtliche Schritte gegen Richter, der kein Mitarbeiter des Institutes ist und nach bisherigen Erkenntnissen auch nicht war.

Gabriele Andretta jedenfalls möchte auch wissen, ob Richter seine Kritik auch an das Wissenschaftsministerium in Hannover geschickt hat. Für Andretta muss Niedersachsen zeigen, dass es ein weltoffenes und tolerantes Land ist und dumpfe Ressentiments gegen Flüchtlinge keinen Raum bietet.

Das sagt die Ministerin

Niedersachsens Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen Kljajic hält die Äußerungen des Clausthaler Informatik-Professors Harald Richter zur geplanten Flüchtlingsunterkunft auf den Göttinger Zietenterrassen für „absolut inakzeptabel“.

In einer Stellungnahme schreibt die Ministerin: „Ich sehe das Image und die Wettbewerbsfähigkeit eines Fraunhofer-Instituts auf den Zietenterrassen in Göttingen nicht durch den Bau eines Flüchtlingswohnheims bedroht, sehr wohl aber durch die ausländerfeindlichen Äußerungen eines Clausthaler Professors. Gerade Forscher und Wissenschaftler arbeiten international vernetzt. In einer Atmosphäre der Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz kann diese Arbeit nicht gedeihen. Es ist daher absurd, High-Tech und Flüchtlinge gegeneinander auszuspielen.“

Von Thomas Kopietz

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.