Autorin veröffentlicht im Wallstein-Verlag

Enge Verbindung zu Göttingen: Trauer um Holocaust-Opfer Ruth Klüger

Ruth Klüger steht an einem Rednerpult und spricht im Bundestag über ihre Erlebnisse
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Frau mit Ausstrahlung: Die Holocaust-Überlebende Ruth Klüger wurde 88 Jahre alt, hatte enge Bande zu Göttingen. Hier sprach sie 2016 auch im Bundestag.

Die Autorin Ruth Klüger ist im Alter von 88 Jahren nach langer Krankheit in Kalifornien gestorben. Die Schriftstellerin, Wissenschaftlerin und Literaturkritikerin hatte eine enge Verbindung zu Göttingen. Thedel v. Wallmoden vom Wallstein-Verlag erinnert sich. 

  • Trauer um Ruth Klüger: Sie entkam der Gaskammer mit Hilfe einer Lüge
  • 1985 bewarb sich Klüger nach Jahren in den USA an der Uni Göttingen
  • Ihr Buch „weiter leben – Eine Lüge“ wurde ein Bestseller und erschien im Göttinger Wallstein-Verlag

Göttingen – Die traurige Nachricht von Ruth Klüger Tod erreichte Mitte der Woche auch Göttingen und Thedel v. Wallmoden, der eine besondere Beziehung zu ihr hatte. Sein Wallstein Verlag hat Klüger viel zu verdanken. Die enge Verbindung zu Göttingen spiegelte sich auch in der Widmung „den Göttinger Freunden“ in dem Buch „weiter leben – Eine Jugend“.

Ruth Klüger war mehr als eine Schriftstellerin, Wissenschaftlerin und Literaturkritikerin. Sie war vor allem aber eine kämpferische Frau mit Haltung und Ausstrahlung, überlebte mit Glück den Holocaust, das Konzentrationslager Auschwitz, weil sie bei der Selektion, als es um Zwangsarbeit, also Überleben, oder den Tod in der Gaskammer ging, bei der Angabe ihres Alters flunkert. Zu lesen und hören sind diese Lebenserinnerungen in dem Buch „weiter leben – Eine Jugend“ (samt MP-3-Lesung).

Trauer um Ruth Klüger: Der Tod war das Geheimnis

Schon der erste Satz des Buches trifft wie Schlag: Der Tod, nicht Sex war das Geheimnis, worüber die Erwachsenen tuschelten, wovon man gern mehr gehört hätte. „Es sind solche Widersprüche, Widerhaken im Text, die man nicht mehr vergisst, weil sie gegen Kitsch und falsche Sentimentalität immunisieren, wenn wir über den Völkermord an den europäischen Juden sprechen“, erzählt v. Wallmoden, der rückblickend auch von Klügers „Schärfe des Blicks“ spricht, „die uns buchstäblich die Leichen im Keller und bestimmt nicht nur im Keller der deutschen Literatur zeigte“.

1985 bewarb sich Klüger nach Jahren in den USA an der Uni Göttingen um die Leitung des Studienzentrums der kalifornischen Studierenden. Mit Erfolg. Das Schicksal spielte auch eine gewichtige Rolle in der Verbindung zum Wallstein Verlag. Am 4. November 1988 wurde Klüger von einem Radfahrer an der Ecke Jüdenstraße/Rote Straße angefahren, stürzte und erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma. Im Krankenhaus begann sie mit der Aufzeichnung ihrer Lebenserinnerungen.

Trauer um Ruth Klüger: Manuskript fiel beim Suhrkamp-Verlag durch

Das Manuskript kreiste im Kollegen- und Freundeskreis. Thedel v. Wallmoden las es: „Ich war mehr als begeistert.“ Also fragte er bei Klüger an, ob er das Buch veröffentlichen könne, in einem Verlag, der gerade den Studentenschuhen entwuchs. Klüger freute sich über die Offerte. Aber sie hatte das Manuskript auch über einen alten Freund einem anderen Verlag – Suhrkamp – zur Prüfung vorgelegt. Dieser Freund war Martin Walser.

Klüger-Freund: Thedel von Wallmoden, Wallstein-Verlag.

Thedel v. Wallmoden, dem Jungverleger aus Göttingen, kamen die Zweifel. Aber das Sensationelle passierte: Bei Suhrkamp fiel das Manuskript durch: „weiter leben – Eine Jugend“ erschien im Juni 1992 im Wallstein-Verlag. Und das war bahnbrechend für den kleinen Verlag. „Das Buch war die Probe aufs Exempel, ob ich meinem Urteil als Verleger genügend trauen durfte, um weiter einen Verlag aus kleinsten Anfängen und ohne Geld zu entwickeln“, blickt er zurück.

Damals 1992 aber hakte es zunächst. „Monatelang nach Erscheinen passierte gar nichts, wir schlugen uns mit anderen Aufträgen mehr schlecht als recht durch.“ Die Wende brachte die Buchmesse im Oktober. Die FAZ druckte eine „fulminante Rezension“, wie v. Wallmoden sagt und die Lawine kam ins Rollen.

Trauer um Ruth Klüger: Marcel Reich-Ranicki war begeistert

Andere Blätter zogen nach, auch der Rundfunk. Die erste Auflage war zügig verkauft, und kurz vor Weihnachten machte Sigrid Löffler das Buch zur Weihnachtsempfehlung, „was abermals einige tausend Exemplare brachte“, so der Verleger. Dann geschah das Unfassbare: „weiter leben“ landete am 14. Januar 1993 im Literarischen Quartett, Marcel Reich-Ranicki war schier begeistert.

Das Buch wurde ein Bestseller, der junge Verlag hatte zum ersten Mal Geld. Heute ist es in mehr als 500.000 Exemplaren verkauft und in ein Dutzend Sprachen übersetzt worden. Der Erfolg des Buches und weiterer Klüger-Bücher war für Wallstein ein stabiles Fundament.

„Es war, wovon jeder Verlagsgründer träumt,“ sagt v. Wallmoden, den mit Ruth Klüger ein freundschaftliches und von Dankbarkeit geprägtes Verhältnis verbindet. „Weiter leben“, diese Worte hat Ruth Klüger tatsächlich gelebt, bis zu ihrem Tod. Und sie hat viele glücklicherweise viele daran teilhaben lassen. (Thomas Kopietz)

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