Mindestens neun Monate Verzögerung

Entscheidung aus Hannover: Vollbremsung für Göttinger Uni-Neubau-Start

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Bau-Krater bleibt länger: Das Feld für den Neubau der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) mit den alten Bettenhäusern und dem Zentralgebäude (Bildmitte). Das Loch sollte längst geschlossen sein.

Dieses Buch hätte auch der Bestseller-Autor Michael Ende schreiben können. Der Neubau der Göttinger Universitätsmedizin (UMG) ist fürwahr eine „Unendliche Geschichte“: Der Baustart wird sich erneut verschieben – um mindestens neun Monate, wie Vorstandssprecher Prof. Wolfgang Brück gegenüber unserer Zeitung sagte.

Die Ausschreibung und Vergabe für den Neubau eines Bettenhauses und des Operationszentrums wird aufgehoben, die Planung muss neu aufgerollt werden.

Die Ausschreibung wird die „Dachgesellschaft Bauvorhaben Hochschulmedizin Niedersachsen (DBHN) vorbereiten, teilt die UMG mit. Göttinger Landes- und Bundespolitiker üben Kritik an der Entscheidung und dem Vorgehen von Landesministerien und Dachgesellschaft.

Beide Klinikteile sollen in einem Baukomplex entstehen und nicht, wie zuvor bereits im Juli 2018 geplant und zum Teil vom Land mitgetragen, als Zwei-Haus-Lösung. Auf diese hatten in den vergangenen gut 15 Jahren mehrere UMG-Vorstände gesetzt, weil sie einen schnellen Start des Neubaus anstrebten. Der ist nötig, weil der 43 Jahre alte Uni-Klinik-Baukörper marode und extrem teuer in der Unterhaltung ist.

Zunächst schien es, als ginge diese Baukasten-Taktik auf, die UMG suchte bereits einen Generalbauunternehmer aus einem Bewerberfeld. Die Dachgesellschaft als Kontrollinstanz aber trat auf die Bremse, wollte die Ein-Haus-Lösung, blockierte den Start von Bauabschnitt 1a (Bettenhaus) und die Planung von 1b (OP-Zentrum). Im Herbst 2019 fand die DBHN Mängel im Vergabeverfahren und der Kostenkalkulation seitens der UMG. Folge: Stillstand.

Zudem traten noch kräftige Dissonanzen zwischen dem UMG-Vorstand-Bauchef Dr. Sebastian Freytag und Dachgesellschaft-Geschäftsführer Burghard Landrè auf. Freytag nahm im April schließlich entnervt seinen Hut, verließ die UMG.

„Es ist ein Neuanfang“, bilanziert denn auch Wolfgang Brück, der sich mit Kritik zurückhält und in der Ein-Haus-Lösung ein „überzeugendes, sehr praktikables Konzept“ sieht. Zurückschauen möchte Brück nicht mehr: „Es geht darum, trotz des weiteren Zeitverzuges schnell voran zu kommen.“ Laut Brück könnten beide verbliebenen Generalunternehmen erneut ein Angebot abgeben.

Prof. Wolfgang Brück , Vorstandssprecher Universitätsmedizin Göttingen

Ein Vorteil sei es auch, dass nun ein mittlerweile entstandener Nutzflächen-Mehrbedarf in der Planung berücksichtigt werden könne. Das heißt aber auch: Die über Jahre eingebundenen Kliniken und Bereiche fangen mit der Konzeption teilweise wieder von vorne an. Der Vorstand aber sagt: Man könne durchaus auf Vorarbeiten aufbauen.

Deutlichem Gegenwind entfachen die heimischen Land- und Bundestagsabgeordneten: Gabriele Andretta (SPD) und Thomas Oppermann (SPD) sehen in dem Aus des Vergabeverfahrens einen „herben Rückschlag für die UMG, der vermeidbar gewesen wäre“. Mit der Verzögerung des Baubeginns um etwa zwei Jahre – sei die medizinische Versorgung Südniedersachsens in Gefahr. Für Andretta steht die Schuldige fest: „Die Dachgesellschaft hat den dringend benötigten Neubau ausgebremst.“

Der finanzpolitische Sprecher der grünen Landtagfraktion Stefan Wenzel, geht noch weiter. Er vermisst vor allem die vom Landesrechnungshof angemahnte Schließung der Kostenlücke von vier Milliarden Euro für beide Uni-Klinik-Neubauten und wirft den CDU-Ministern Björn Thümler und Reinhold Hilbers vor, nicht mit „offenen Karten zu spielen“. Auch, weil die vorliegenden Kostenkalkulationen mit hohen Aufschlägen versehen wurden. Wenzel vermutet, dass so private Investoren ins Boot geholt werden sollen und diesen „hohe Gewinne“ winken. Stattdessen benötigten die Uni-Kliniken, die in der Corona-Pandemie das Rückrad der Gesundheitsversorgung sind, „ein solides Finanzierungskonzept für die Baumaßnahmen“. Andretta und Oppermann, die mit weiteren Abgeordneten bereits eine Protestaktion geplant und verschoben hatten, geben das Ziel vor: Es gilt, eine Verschiebung des Neubaus ins Unendliche zu verhindern.“ Womit wir beim drohenden Fortgang der „Unendlichen Geschichte“ wären. 

VON THOMAS KOPIETZ

Kommentar: Rückschlag mit Langzeitwirkung

Der Baustart für die Uni-Medizin wird sich erneut verschieben. Dazu ein Kommentar von HNA-Redaktionsleiter Thomas Kopietz:

Nun ist der von vielen in der Politik und der Göttinger Uni-Klinik befürchtete Fall also doch eingetreten: Die UMG-Bauplanung wurde gekippt. So heißt es noch einmal und noch länger auf den Start für den dringend notwendigen Neubau zu warten. Ob neun Monate oder zwei bis drei Jahre länger, das ist nicht entscheidend. Relevanter ist das Zeichen, das mit der verordneten Neuplanung aus Hannover gesendet wird – besonders vor dem Hintergrund der Corona-Krise.

Der Verweis auf eine mangelhafte finanzielle Absicherung der Uni-Klinik-Neubauten in Göttingen und Hannover bekommt mit Blick auf die Corona-Folgen dramatische Züge, denn das Land spürt die finanzielle Last der Krise bereits, eine Last die zunehmen wird, schlimmstenfalls die Modelle der Neubaumodelle in Göttingen und Hannover erfassen und erdrücken könnte. Dann könnte ein weiteres befürchtetes, vermutlich zeitverzögerndes Szenario auf die leistungsstarken Uni-Kliniken zurollen. Land – oder Dachgesellschaft, wo Verbindungen zu Unternehmen bestehen, müssten tatsächlich private Investoren ins Boot holen, um die Kosten stemmen zu können. Viele Mitarbeiter trifft die Nachricht zur Neuplanung samt Verzögerung mit Wucht, denn die Arbeitsbedingungen sind zum Teil nicht tragbar, werden von den Bediensteten dennoch täglich geschultert. Eine Arbeit, die mit jedem Jahr belastender wirkt. Viele befürchten für ihre UMG aber auch einen Leistungsverlust, den Weggang von Spitzenkräften und insgesamt Probleme für die Krankenversorgung. Bleibt die Frage: Weiß die Landesregierung überhaupt um die Tragweite der Neuplanung?

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