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Erdkabeltrasse bei Göttingen: Alte Siedlung unter der Grasnarbe

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Von: Bernd Schlegel

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Archäologische Grabung auf der Erdkabeltrasse: (von links) Stadtarchäologin Betty Arndt, Mareike Lottmann und Jan Elseberg von der Stadtverwaltung sowie Grabungsleiterin Sabine Stoffner von der Firma Steichardt & Wedekind stellten das Projekt vor.
Archäologische Grabung auf der Erdkabeltrasse: (von links) Stadtarchäologin Betty Arndt, Mareike Lottmann und Jan Elseberg von der Stadtverwaltung sowie Grabungsleiterin Sabine Stoffner von der Firma Steichardt & Wedekind stellten das Projekt vor. © Bernd Schlegel

Unter der Erdkabeltrasse für die Höchstspannungsleitung Wahle-Mecklar werden bei Göttingen spannende archäologische Funde gemacht.

Göttingen – Seit einigen Monaten laufen die Baggerarbeiten auf dem künftigen Erdkabelabschnitt der 380 000-Volt-Hochstspannungsleitung bei Göttingen. Jetzt wurde westlich der Autobahn 7 die Spuren von Häusern sowie eines Bestattungsplatzes aus der Jungsteinzeit gefunden.

Die Archäologie der Stadt Göttingen hatte schon vor Beginn der Arbeiten abgesprochen, dass vor der Verlegung des Erdkabels Vorarbeiten möglich sind, um mögliche Spuren aus dem Altertum zu sichern. Dass diese Regelung, in die der Denkmalschutz des Landes eingebunden war, genau richtig waren, erweist sich mit den Funden.

Anhand von Verfärbungen im Boden lässt sich erkennen, dass dort – im heutigen Stadtteil Grone – um etwa 5000 vor Christus – Häuser gestanden haben müssen. In dem aktuell untersuchten Bereich finden sich unter anderem Spuren auf zwei längere Häuser, die dort in zwei Zeitabschnitten nacheinander gestanden haben müssen. Stadtarchäologin Betty Arndt berichtete, dass die Häuser laut einer Rekonstruktion eine Länge von etwa 33 Metern und eine maximale Breite bis zu zwölf Metern aufweisen. Darin haben nach den Untersuchungen von Experten Großfamilien gelebt. Typisch für diese Häuser ist auch ein schiffsförmiger Grundriss, wurde bei dem Ortstermin im Gelände deutlich.

Die Menschen waren in der Jungsteinzeit erstmals sesshaft geworden. Dazu trug unter anderem bei, dass sie beispielsweise bei Göttingen gute Lebensbedingungen fanden. Dadurch nahm die Bevölkerung zu. Der jetzt untersuchte Ort liegt in Hanglage und ist so beschaffen, dass es dort nicht zu nass und nicht zu windig ist. Tiere waren um 5000 vor Christus noch nicht in den Häusern zu finden. Sie fanden erst später ihren eigenen Platz in den Behausungen der Menschen.

An einem anderen Punkt in dem untersuchten Gebiet fanden die Experten der Göttinger Firma Streichardt & Wedekind, die für das Grabungsprojekt verantwortlich ist, die Überreste eines Bestattungsplatzes, der nach ersten Schätzungen aus der Zeit um 2000 vor Christus stammt. Auch dies war an der Verfärbung des Bodens erkennbar. Klar ist aber: Möglicherweise handelt es sich bei dem verstorbenen Körper um eine Frau, denn der Kopf lag in Richtung Süden, und das war laut Stadtarchäologin Arndt typisch für die Beisetzungen von Frauen.

Diese Scherbe aus der Jungsteinzeit, die Sabine Stoffner präsentiert, wurde gefunden.
Diese Scherbe aus der Jungsteinzeit, die Sabine Stoffner präsentiert, wurde gefunden. © Swen Pförtner/dpa

Nach ihrer Darstellung wurde damals kein Sarg verwendet. Stattdessen wurde der Leichnam mit Blick nach Osten auf die Seite gelegt. Typischerweise wurden den Verstorbenen Gefäße, die vermutlich Lebensmittel enthielten, beigelegt. Die Kosten für die umfangreichen Ausgrabungen, die vermutlich noch bis zum Jahresende andauern werden, muss das Unternehmen Tennet, das die Höchstspannungstrasse baut, übernehmen. In den nächsten Wochen und Monaten müssen weitere der insgesamt 14 „Verdachtspunkte“ entlang der Erdkabeltrasse unter die Lupe genommen werden.

Bei Baggerarbeiten wird auch immer ein Archäologie-Experte vor Ort sein, um mögliche Funde schnell bewerten zu können. Stadt und Landkreis Göttingen wollen am Ende der Aktion über weitere Ergebnisse berichten. (Bernd Schlegel)

Hintergrund: Höchstspannungsleitung soll 2024 komplett in Betrieb gehen

Auf einem speziellen Abschnitt der künftigen 380 000-Volt-Höchstspannungsleitung zwischen Wahle bei Peine und Mecklar bei Bad Hersfeld hatten vor einiger Zeit bei Göttingen die Bauarbeiten begonnen. Zwischen Hetjershausen und Olenhusen wird die Leitung auf einer Länge von 5,5 Kilometern als Erdkabel verlegt – Bauzeit zwei Jahre.

Die Bauvorbereitungen starteten bereits im Herbst. Der Tiefbau erfolgt mit der Verlegung der Leerrohre in offenen Kabelgräben, durch die später die Erdkabel gezogen werden. Die Arbeiten erfolgen auf einer Breite von etwa 50 Metern. Infrastruktureinrichtungen und Gewässer werden dabei „unterbohrt“, so der Netzbetreiber Tennet, der für das Projekt verantwortlich ist. Ein Erdkabel-Infozentrum begleitet den Erdkabelbau.

Die Höchstspannungsleitung, die 2024 komplett in Betrieb gehen soll, ist 230 Kilometer lang und erhöht die Übertragungskapazität für Windenergie auf der NordSüd-Achse. Weitere Informationen gibt es im Internet. Weitere Infos gibt es hier. (bsc)

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