Trickserei beim Dreh in Göttingen und Kassel

60 Jahre „Der letzte Fußgänger“: Heinz Erhardt als Wanderer am Hainberg

„Ein Rucksack voller Träume“: Es wandern und musizieren (von links) Michael Lenz als Rudi, Christine Kaufmann als Kiki, Heinz Erhardt als Gottlieb Sänger und Peter Wegen als Max vor Schwarzwald-Kulisse. Szene aus dem Göttinger Film „Der letzte Fußgänger“.
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„Ein Rucksack voller Träume“: Es wandern und musizieren (von links) Michael Lenz als Rudi, Christine Kaufmann als Kiki, Heinz Erhardt als Gottlieb Sänger und Peter Wegen als Max vor Schwarzwald-Kulisse. Szene aus dem Göttinger Film „Der letzte Fußgänger“.

Vor 60 Jahren - am 15. September 1960 - wurde der Heinz-Erhardt-Film „Der letzte Fußgänger“ uraufgeführt. Er läutete den Anfang vom Ende der Filmstadt Göttingen ein.

Göttingen/Kassel – In loser Reihenfolge berichten wir aus der großen Göttinger Filmära. Bis Anfang der 60-er-Jahre wurden in den Göttinger Ateliers, aber auch in Kassel, Nordhessen und Südniedersachsen rund 100 Spielfilme gedreht. So auch einer, der dabei mit Kuriositäten aufwarten konnte: „Der letzte Fußgänger“ mit Heinz Erhardt und Christine Kaufmann. Der Streifen feierte am 15. September 1960, also vor exakt 60 Jahren die Uraufführung in Frankfurt/Main.

Die auch in den Göttinger Ateliers unter Regisseur Wilhelm Thiele gedrehte, im Schwarzwald spielende und zur Kultkomödie gewordene 88-Minuten-Produktion in Farbe läutete auch die Endphase des Atelierbetriebs ein. Das Atelier schloss am 31. Dezember 1961.

Tricksereien am Set

Bei der Produktion von „Der letzte Fußgänger“ wurde getrickst: So hatte das Filmteam schlichtweg die Anfangssequenz vergessen. Daher fuhr der Göttinger Kameramann Rudolf Koch kurzerhand mit Hauptdarsteller Heinz Erhardt im VW-Bully des Ateliers in den Göttinger Wald, zum Hainberg. Dort drehten die beiden die Sequenz nach.

Wiederkehrendes musikalisches Thema ist übrigens „Ein Rucksack voller Träume“, die Filmmusik komponierte Franz Grothe, Liedtexter war Willy Dehmel. Und Heinz Erhardt ruft auch zur Langsamkeit auf, sang „Nicht so eilig“.

Gaswerk verrät Göttingen

Eine weitere Kuriosität: Die Szene auf dem Bahnhof in Bingen am Rhein entstand keinesfalls dort, sondern ebenfalls in Göttingen. Verräterisch wirkt im Film die Aussicht auf das frühere Gaswerk an der Godehardstraße.

Aber auch Kassel sollte von den Ideen der findigen Macher um Regisseur Wilhelm Thiele und Produzent Fritz Hoppe (Deutsche Film Hansa) profitieren: So lag Hamburg in diesen Tagen des Jahres 1960 in Kassel, wo die Treppenstraße ein Drehort war. Allein der Blick aus Gottlieb Sängers Bürofenster zeigte den Hamburger Stephansplatz.

Weitere Drehorte waren Baden-Baden: der Bahnhof Baden-Oos, heute Bahnhof Baden-Baden, das dortige Casino und das Kurhaus sowie in Freudenstadt der Marktplatz.

Den Vorspann zu „Der letzte Fußgänger“ gestaltete der Göttinger Trickfilmspezialist Hans-Heinrich Kahl.

Neue Entdeckungen

Der Film läuft auch heute noch immer mal wieder als Wiederholung – kürzlich im dritten Programm des Bayrischen Rundfunks (BR). Dann sitzt ein Mann garantiert vor dem Fernseher: der gebürtige Groner Sven Schreivogel, der seit Jahren erfolgreich daran arbeitet, Göttingen wieder als Film- und Drehort mit Zukunft ins Gespräch zu bringen.

Schreivogel kennt nicht nur die Göttinger Filme meist exzellent, ihm fällt beim Schauen auch oft Neues auf: „Als der Film im BR lief, haben wir festgestellt, dass die Campingplatz-Szene auf dem Göttinger Atelier-Außengelände gedreht worden ist, direkt am Zaun auf der südöstlichen Seite des Geländes“, erzählt Schreivogel, der sich von solchen „Entdeckungen“ begeistern lassen kann.

Damals übrigens war ein großer Teil des Industriegebiets noch unbebaut. „Im Hintergrund sind der Egelsberg und der heutige Stadtteil Geismar zu erkennen“, so Schreivogel.

Lustige Entwicklung: Kiki (Christine Kaufmann) bringt das Leben von Gottlieb Sänger im Film „Der letzte Fußgänger“ ganz schön durcheinander. Szenenbild aus dem Filmatelier Göttingen. Die Bauten hatte der preisgekrönte Walter Haag entworfen.

Eltern zu Besuch

Ein Zeitzeuge, Herting Treusch-von Buttlar, Vorsitzender des Göttinger Verschönerungsvereins, erinnert sich an eine Anekdote zum Film: Als Jugendlicher sei er ein einziges Mal mit dem Fahrrad zum Filmatelier gefahren, dessen Außengelände von einem hohen Zaun umgeben war. Eine Panzerattrappe aus Frank Wisbars „Hunde, wollt Ihr ewig leben?“ konnte er erkennen.

Dann beobachtete er die Eltern von Christine Kaufmann, die dort Bilder machten. Offensichtlich hatten sie ihre Tochter auch einmal zu den von Mai bis Juli 1960 dauernden Dreharbeiten für „Der letzte Fußgänger“ begleitet.

„Der letzte Fußgänger“ mit Heinz Erhardt

Es war einer von acht in den Göttinger Ateliers gedrehten Heinz-Erhardt-Spielfilmen der letzte. Der Schauspieler drehte insgesamt 39 Filme bis 1972 und erlitt bei der Arbeit zu seinem letzten einen Schlaganfall. In „Der letzte Fußgänger“ spielt Erhardt den humorvollen wie gutmütigen Zeitungsarchivar Gottlieb Sänger. Der reist zum Wandern in den Schwarzwald.

Im Zug lernt er die kecke Kiki (Christine Kaufmann) kennen. Die 16-Jährige ist auf dem Weg ins Internat, will dort aber nicht hin. Folglich geht sie mit Gottlieb Sänger wandern. Das ungleiche Wanderpaar trifft unterwegs zwei fröhliche Studenten. Es gibt – natürlich – lustige Verwicklungen. (tko)

Mehr Infos über Göttinger Filme und die Filmstadt Göttingen, die Initiative Drehort Göttingen und das „Filmbüro Göttingen“ um Sven Schreivogel gibt es unter: filmstadt-goettingen.de

Auftakt zum Ende in Göttingen

Zwischen „Der letzte Fußgänger“ und dem Aus lagen noch zehn Produktionen, darunter Frank Wisbars dritter Antikriegsfilm aus den Göttinger Ateliers, „Fabrik der Offiziere“, ebenso „Kalamitäten“, die einzige Spielfilmproduktion (Regie: DT-Schauspieler Alwin Woesthoff) der gfg Gottinga Film mit Charlotte Krause, deren Mann Kurt Betreiber des legendären Sterntheaters war. Letzter Atelierfilm war „Der verkaufte Großvater“ mit Hans Moser.

Göttingen hoffte dennoch auf einen Schub, denn das Filmstudio war eines der modernsten in Deutschland. So überlegte das 2. Fernsehprogramm, später ZDF, ob es in Göttingen seinen Sitz einrichten sollte.

Verhandlungen als ZDF-Standort zerschlugen sich 1962

Im Dezember 1962, erklärte Geschäftsführer Hermann Vorrath die Verhandlungen für gescheitert. „Das Zweite“ kam zur Taunusfilm nach Wiesbaden, hat seinen Sitz heute in Mainz.

Damit zerschlugen sich alle Bemühungen und Hoffnungen, das Göttinger Filmatelier aus der Kinokrise ins Fernsehzeitalter herüberzuretten. Den Atelierbetrieben Bendestorf als zweitem Filmstudio in Niedersachsen gelang dieser Schritt, begünstigt durch die Nähe zu Hamburg. Die Atelieranlagen sind abgerissen. Ein Museum erinnert an die Geschichte. Das fehlt in Göttingen, wo die Atelier-Halle noch steht.

Von Thomas Kopietz

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